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Geldanlage Anlegen in der Krise

Die Finanzkrise hat das Vertrauen in Banken und Finanzanlagen erschüttert. Zertifikate? Aktien? Sie alle leiden weiter heftig. Was nun zählt ist Vertrauen – und das Gespür für moderates Risiko.

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Grundregeln der Quelle: dpa-tmn

Kaupthing, Lehman Brothers, Hypo Real Estate, Volkswagen. Den deutschen Anlegern ist in den vergangenen Monaten einiges zugemutet worden. Doch was taten sie? Sie reagieren auf die Wirtschaftskrise überraschend überlegt. Bürger, die ihr Geld lieber wieder zuhause horten, als es weiter der Bank anzuvertrauen, hat es in bislang Deutschland nicht gegeben.

Die "Besonnenheit“, mit der die Bürger die "schlechten Nachrichten dieser Tage“ aufnehmen, nötigt auch Bundespräsident Horst Köhler Respekt ab. Das, so sagte Köhler, sei "ein Zeichen für innere Stabilität“. Aber eine Frage bleibt für fast alle Privatanleger: Wohin mit dem eigenen Geld? Wo liegt es sicher und doch profitabel?

Verlässlichkeit, so viel ist sicher, ist wieder wichtig geworden. Davon wollen auch die Sparkassen profitieren. Ihnen vertrauen die Deutschen in Zeiten der Finanzkrise eher als den international operierenden Instituten. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband belegt das stolz mit Zahlen von Forsa. Zwei Drittel der Befragten halten demnach Verlässlichkeit als zentralen Wert der Sparkassen für sehr wichtig. Allerdings wurden die Zahlen im September erhoben – kurz bevor auch tausende Sparkassen-Kunden, vor allem in Frankfurt und Hamburg, mit Lehman-Zertifikaten ihr Geld verloren.

Die Betroffenen erleben nun einen Crash-Kurs in Sachen Anlegerrisiko. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass Zertifikate Schuldverschreibungen sind. Mit dem Konkurs eines Unternehmens, das sie herausgibt, ist das Geld in aller Regel weg. Nach dem Desaster der Volksaktie Telekom ist das in der gegenwärtigen Krise die erneute Lektion für Anleger: Rendite birgt Risiko. Und gute Information ist unabdingbar.

Anlagen in Festgeld und Tagesgeld bleiben allerdings sowohl bei Sparkassen als auch bei den privaten Geschäftsbanken weiter eine sehr sichere Angelegenheit - trotz des Falles der bankrotten isländischen Kaupthing-Bank, bei der mehr als 30.000 Deutsche um ihr Erspartes bangen mussten. Er zeigte sogar, dass die Regierung derzeit selbst für Einlagen deutscher Bürger bei ausländischen Banken in die Bresche springt. Für deutsche Konten gilt das ohnehin. Nicht nur, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel öffentlich eine umfassende Staatsgarantie für alle Einlagen bei deutschen Banken gegeben hat. Wer sich ohnehin mit seinem Investment im Rahmen des bestehenden deutschen Einlagensicherungsfonds bewegt, dürfte noch beruhigter schlafen.

Risiko gehört zur Rendite

Überhaupt, der Staat. Kaum etwas flößt deutschen Anlegern derzeit soviel Vertrauen ein. Dementsprechend hoch ist die Nachfrage nach den Produkten, mit denen die Bundesrepublik einen Teil ihres eigenen Finanzbedarfes deckt - und dafür Anlegern selbst Zinsen zahlt. Bundesschatzbriefe oder -anleihen erleben eine Renaissance. Die Renditen sind zwar nicht so hoch wie etwa bei Unternehmensanleihen, doch derzeit sind eben andere Aspekte Trumpf.

"Es findet gerade ein Umdenken statt“, sagt Michael Nossak, Sprecher der Bundesfinanzagentur. "Rendite steht nicht mehr im Mittelpunkt. Der Aspekt Sicherheit ist jetzt viel wichtiger.“ Bei der erst seit Juli ausgegebenen Tagesanleihe des Bundes hat sich die Nachfrage in den letzten Monaten sprunghaft erhöht. Seit Oktober vergangenen Jahres, dem Beginn der akuten Krise, erreichen die Finanzagentur bis zu 40.000 Anrufe von interessierten Anlegern - am Tag.

Einziger Wermutstropfen: Nahezu alle Zentralbanken senken immer drastischer ihre Leitzinsen, um die Konjunkturschwäche in den Griff zu bekommen. Mittlerweile vergibt die amerikanische Fed ihr Geld quasi zum Nulltarif. Auch andere Zentralbanken drücken die Zinsen: die Bank of England senkte Anfang Januar die Leitzinsen auf 1,5 Prozent. In Japan liegt er derzeit bei 0,1 Prozent, in der Schweiz bei einem halben Prozent. Und auch die traditionell konservativ agierende Europäische Zentralbank konnte sich dem Druck nicht entziehen. Sie senkte vor wenigen Tagen ihre Leitzinsen auf zwei Prozent.

Was gut für die Konjunktur und Kredite sein soll, ist erstmal schlecht für die Anleger. Denn diese Zins-Konditionen reichen die privaten Geschäftsbanken etwas später an ihre Kunden weiter. So werden die Zinsen für Tages- und Festgeld, aber auch für Bundesanleihen wohl bald sinken.

Analysten sehen "negatives Potenzial" für den Dax

Für die gute Rendite waren eigentlich Aktien gedacht. Vor der Krise gehörten sie zum festen Bestandteil jedes ausbalancierten Portfolios. Nach dem Sturz des Deutschen Aktienindex Dax von über 8000 Punkten auf knapp über 4600, den Kurskapriolen von VW und zahlreichen nicht für möglich gehaltenen Tagesschwankungen, werden immer mehr Anleger unsicher, ob das auch weiterhin der Fall sein soll. Noch ein Problem: etablierte Kennzahlen zur Bewertung von Aktienpreisen, wie etwa das Kurs-Gewinn-Verhältnis, sind derzeit mit größter Vorsicht zu genießen. Denn sie basieren auf den erwarteten Gewinnen für 2009. Und die sind momentan kaum verlässlich und seriös zu prognostizieren.

Dementsprechend unterschiedlich sind die Empfehlungen. Analysten sehen beim Dax durchaus noch negatives Potenzial bis 3000 Punkte. Nur genaues weiß niemand. Andere, etwa bei der DZ Bank oder ING, sind da optimistischer. Das Hauptargument: Die tiefe Rezession der Weltwirtschaft ist schon in den Kursen eingepreist. Vor allem defensive Werte mit stabiler Nachfrageerwartung werden deshalb bevorzugt genannt, wenn es um den Neu-Einstieg in den Aktienmarkt geht. Grundversorger etwa, oder Nahrungsmittel-, Pharma- und Gesundheits-Industrie halten sich recht stabil in den jetzigen Turbulenzen.

In der Krise gilt ohnehin, was Experten immer schon empfohlen haben: Risiken und Rendite breit über verschiedenen Anlageklassen zu streuen. Einzelne Krisen im Depot lassen sich so besser durchstehen.

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