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Geldanlage Gold schlägt Euro

Überschuldete Staaten und ein aus den Fugen geratenes Finanzsystem lassen das Vertrauen in Euro, Dollar und andere Papierwährungen schwinden. Gold aber gewinnt weiter an Wert. Warnungen vor einer Goldpreisblase kommen zu früh.

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Schon Pippi Langstrumpf wusste: Gold ist immer und überall gern gesehen. Der Goldpreis gewinnt seit fast zehn Jahren in allen Währungen Quelle: Illustration: Wieslaw Smetek

"Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt“ – Pippi Langstrumpf hatte nichts am Hut mit Euro-Krise, Staatspleiten und Hyperinflation. Sie lebte, dank eines Koffers voll Gold, frei und materiell unbeschwert.

Goldbesitzer wie Astrid Lindgrens Kinderbuchheldin müssen keine Enteignung durch Inflation oder Konkurs eines Schuldners fürchten. Anders als Papierwährungen lässt sich Gold nicht beliebig vermehren und so per inflationärem Gebrauch entwerten. Für die 36 Kilo Bonbons, die Pippi vor Jahrzehnten den Kindern ihres Städtchens spendierte, reicht heute die gleiche Menge Goldtaler wie damals. Nur bekäme sie heute mehr Scheine als Wechselgeld heraus.

Banken und Privatleute stocken Goldreserven auf

„Der Preis von Gold offenbart eine Wahrheit, und diese Wahrheit lautet: Die Kaufkraft von Papiergeld nimmt ständig ab“, sagt Investmentlegende Marc Faber. Es ist nicht Gold, das gewinnt, es sind die Papierwährungen, in denen Gold gemessen wird, die verlieren (siehe Grafik). Menschen und Institutionen handeln danach: Nicht nur Chinesen und Inder sparen immer mehr in Gold, um ihr Vermögen vor Kaufkraftverlusten zu schützen. Ebenso stocken Notenbanken aus Schwellenländern ihre Goldbestände auf, weil sie um die Werthaltigkeit ihrer in Dollar, Euro und Yen gehaltenen Fremdwährungsreserven fürchten.

Gold ist das einzige staatenunabhängige, international anerkannte Zahlungsmittel – und die einzige Vermögensklasse, die sich sowohl in einem inflationären als auch in einem deflationären Umfeld behaupten kann. Deshalb ist Gold für jeden Anleger eine unverzichtbare Versicherung. Und kein „hoffnungslos überschätztes Relikt aus einer anderen Zeit“, wie Warren Buffett sagt. Der US-Starinvestor glaubt, dass Gold nur in extremen Krisen kräftig zulegen kann. „Es ist schon sonderbar, etwas zu kaufen, das nur steigt, wenn die Welt zur Hölle geht. Ich glaube, man fährt besser mit unserer Aktie“, sagte Buffetts Partner Charlie Munger auf der diesjährigen Hauptversammlung von Buffetts Holding Berkshire Hathaway.

Ein Blick auf den krisengeschüttelten Euro, die hoffnungslos überschuldeten USA, die nur von den Staaten am Leben gehaltenen Banken, die billionenschweren Rettungsprogramme und die aufgeblähten Notenbank-Bilanzen zeigt aber, dass zumindest die Finanzmärkte nicht sehr weit von dieser Hölle entfernt sind.

Der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan bezeichnete den Goldpreis einmal als Thermometer für das Finanzsystem. Dieses Thermometer steigt und signalisiert immer stärkeres Fieber. Warren Buffett muss sich fragen lassen, ob nicht vielleicht er das hoffnungslos überschätzte Relikt aus einer anderen Zeit ist. Und mit seiner Aktie sind Anleger seit Langem nicht mehr besser gefahren: In Gold gemessen, ist Berkshire Hathaway heute 70 Prozent weniger wert als zur Jahrtausendwende.

US-Realzins und Goldpreis entwickeln sich gegenläufig

Aktien bringen Dividenden, Anleihen bringen Zinsen, Immobilien bringen Mieteinnahmen – Gold glänzt nur. Das ist das Totschlagargument gegen eine Anlage in Gold. Doch der Zinsverzicht fällt Goldbesitzern derzeit nicht besonders schwer. In nahezu allen westlichen Industrieländern und in den meisten Schwellenländern liegen die Leitzinsen und Zinssätze für Bankeinlagen unter den Inflationsraten. Bei den daraus resultierenden negativen Realzinsen erleiden Sparer Vermögensverluste. Am besten entwickelte sich der Goldpreis bisher immer in Phasen geringer oder negativer Realverzinsung (siehe Chart).

Jeder Anleger weiß: Je mehr Rendite ihm ein Zinsinvestment bringt, desto höher ist das Risiko. Der Zins entschädigt ihn dafür, dass der Schuldner im schlimmsten Fall weder Zinsen überweist noch das investierte Geld zurückzahlt.

Gold bringt keine Zinsen

Hinter Gold aber steht kein Schuldner, der pleitegehen könnte. Es gibt kein Ausfallrisiko, für das der Anleger über Zinsen entschädigt werden müsste. Gewiss, der Preis kann fallen. Aber dieses Risiko besteht für alle Anlageklassen.

US-Notenbankchef Ben Bernanke will die Zinsen in den USA auch weiterhin auf dem aktuell niedrigen Niveau belassen, weil die Erholung der US-Wirtschaft „frustrierend langsam“ voranschreite. Das Ende Juni auslaufende Programm zum Ankauf von US-Staatsanleihen durch die Notenbank bedeutet nicht das Ende des billigen Geldes. Bernanke steckt in einem Dilemma, weil eine Erholung weder am Immobilienmarkt noch am Arbeitsmarkt und bei den Privathaushalten in Sicht ist. Ein weiteres geldpolitisches Lockerungsprogramm ist nicht auszuschließen.

Ziemlich sicher ist, dass die Notenbanken die Zinsen unter der Inflationsrate halten werden. Denn steigende Realzinsen wären für die Staatsfinanzen vieler Länder der Sargnagel. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) wird die Zinsen allein schon aus Rücksicht auf die Pleite-Peripherie, die Bilanzen europäischer Banken und die eigene, mit Ramschanleihen beladene Bilanz nicht in dem Maße anheben, wie es zur Inflationsbekämpfung angezeigt wäre.

Sorgen drücken die Märkte

In überschuldeten Volkswirtschaften ist es problematisch, wenn die Vermögenspreise fallen. Dann sind die Kredite nicht mehr gedeckt und verwandeln sich schnell in faule Kredite. Das wollen die Notenbanken verhindern, indem sie die Preise der Vermögensgüter notfalls mit der Notenpresse nach oben drucken.

Doch an den Märkten kamen zuletzt Zweifel auf, ob diese Politik der Konkursverschleppung weiterhin funktioniert. Frühindikatoren, die weltweit schwächeres Wachstum signalisieren, das Auslaufen des Anleihe-Kaufprogramms in den USA und Sorgen vor einer harten Landung in China haben die Aktien- und Rohstoffmärkte gedrückt und Anleger in deutsche und US-Staatsanleihen getrieben.

Sollte die Weltwirtschaft tatsächlich wieder einbrechen, dann werden die Haushaltdefizite noch größer werden, weil die Steuereinnahmen fallen und die Regierungen, um die Wirtschaft in Gang zu bringen, die Staatsausgaben noch weiter erhöhen. Nur besteht dann die Gefahr, dass die Anleger irgendwann streiken. Was dann passiert und ansatzweise ja schon passiert ist, das skizzierte der seit 2006 amtierende US-Notenbankchef Ben Bernanke in einer berühmt gewordenen Rede im November 2002 in Washington: „Wie Gold haben US-Dollar nur in dem Maß einen Wert, wie sie in ihrem Angebot strikt limitiert sind. Aber die US-Regierung hat die Druckerpresse, die es ihr ermöglicht, so viele Dollar zu produzieren, wie sie wünscht.“

Bernanke und seine geistigen Verwandten bewegen sich klar im Widerspruch zur Lehre der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, deren Vertreter Ludwig von Mises bemerkte: „Es gibt keinen Weg, den finalen Kollaps eines durch Kreditexpansion ausgelösten Booms zu vermeiden. Die Frage ist nur, ob die Krise früher durch freiwillige Aufgabe einer weiteren Kreditexpansion kommen soll oder später zusammen mit einer finalen und totalen Katastrophe des Währungssystems.“

Bernanke & Co. haben den zweiten Weg eingeschlagen. Ist der von fallenden Vermögenspreisen erzeugte Leidensdruck groß genug, werden auch die Republikaner in den USA ihre aktuelle Blockadepolitik gegen weiteres Gelddrucken aufgeben.

Eiserne Reserve versilbern

Portugal und Griechenland hängen am Tropf des Euro-Rettungsschirms. Die klammen Länder sollen deshalb ihre Goldreserven verkaufen, bevor das Geld anderer gefährdet werde, fordern etwa der Bund der Steuerzahler und der FDP-Finanzexperte Frank Schäffler. Portugal weist knapp 12,3 Millionen Unzen aus, Griechenland rund 3,6 Millionen Unzen. Der Marktwert dieses Goldes beträgt derzeit zusammen 17 Milliarden Euro. Damit ließe sich ein kleiner Teil der Staatsschulden abtragen. Doch das ist leichter gefordert als getan.

Wie in Deutschland ist zum -Beispiel auch in Portugal allein die Notenbank für die Verwaltung der Goldreserven zuständig. Selbst wenn sich die Notenbank dazu entschließen sollte, Gold zu verkaufen, müssten die Erlöse gemäß Portugals Notenbankgesetz auf ein Sperrkonto eingezahlt werden und könnten nicht einfach in den Schuldendienst fließen.

Machbar wären die Verkäufe aber schon. Im Rahmen des seit 27. September 2009 laufenden dritten Central Bank Agreement on Gold (CBGA3) haben die Zentralbanken des Euro-Systems, Schwedens und der Schweiz vereinbart, bis September 2014 maximal 400 Tonnen (12,86 Millionen Unzen für 13,8 Milliarden Euro) Gold pro Jahr verkaufen zu können. Bis zum Erreichen der Obergrenze in der aktuellen Periode 2010/11 wäre noch der Verkauf von 346,8 Tonnen möglich.

Sollten Portugal und Griechenland tatsächlich zum Verkauf gezwungen werden, könnte das den Goldpreis vorübergehend belasten. Doch Gold findet Abnehmer: Als der Internationale Währungsfonds (IWF) im September 2009 damit begann, seine Goldreserven in zwei Tranchen um insgesamt ein Achtel oder 403,3 Tonnen (12,97 Millionen Unzen) zu reduzieren, kaufte die Reserve Bank of India 200 Tonnen, die Zentralbanken von Sri Lanka und Bangladesch nahmen jeweils zehn Tonnen und Mauritius zwei Tonnen.

Entwicklung der Goldreserven der Notenbanken

Der Rest wurde bis Ende 2010 im Rahmen des CBGA3 verkauft – ohne den Goldpreis zu belasten. Schwerer wegstecken dürfte der Markt allerdings einen Verkauf der Goldbestände der großen Süd-Länder Italien (78,83 Millionen Unzen) und Spanien (9,05 Millionen Unzen), die heute addiert gut 94 Milliarden Euro wert sind.

Selbst die Deutsche Bundesbank, die sich bisher strikt gegen Goldverkäufe gewehrt hat, könnte irgendwann gezwungen werden, auf Teile ihrer aktuell 117 Milliarden Euro schweren Goldreserve zurückzugreifen. Sollte sich nämlich Griechenland bankrott erklären oder von den Ratingagenturen so eingestuft werden, drohten der EZB Abschreibungen auf ihre Griechen-Bonds. Etwa zwei Drittel der 75 Milliarden Euro, die die EZB in europäische Staatsanleihen gepumpt hat, sollen in Griechen-Bonds stecken.

Asiaten stehen bereit

Eine Pleite Griechenlands könnte der EZB etwa 45 Milliarden Euro Verlust -bescheren, schätzt die Commerzbank. Diese Verluste würden auf die Notenbanken des Euro-Systems verteilt. Aktuell müsste die Bundesbank gut 27 Prozentdes Verlusts tragen – im Commerzbank--Szenario gut zwölf Milliarden Euro. Der Verlust ließe sich verrechnen mit dem Jahresgewinn der Bundesbank. Reicht dieser nicht, könnte sie den Verlust durch den Verkauf von Goldreserven schließen. Der Marktwert des Bundesbank-Golds übersteigt die Anschaffungskosten um rund 91 Milliarden Euro.

Unklar ist allerdings, wie viel Gold der Notenbanken unmittelbar physisch verfügbar ist und welche Bestände über Goldleihgeschäfte mit Banken am Markt zirkulieren. Gold bleibt, Goldforderungen aus verliehenem Gold aber können notleidend werden. Diese Erfahrung machte ausgerechnet die portugiesische Notenbank. Sie verlor in den Achtzigerjahren rund 550 000 Unzen, als bei ihrer Vertragspartnerin, der US-Investmentbank Drexel Burnham, die Lichter ausgingen. Heute wäre dieses portugiesische Gold rund 590 Millionen Euro wert.

Währungsreserven schützen

„Historisch wanderte Gold immer aus Regionen ab, in denen der Wohlstand abnimmt, dorthin, wo der Wohlstand wächst. In den vergangenen Jahren haben die Europäer massiv Gold verkauft, Asiaten waren die großen Käufer“, sagt der Schweizer Vermögensverwalter Felix Zulauf. Nur mit Gold können sich die Zentralbanken in den Schwellenländern gegen die Abwertung ihrer gigantischen Fremdwährungsreserven schützen.

China, Indien und Russland sind schon seit längerer Zeit als Goldkäufer unterwegs. Die Käufe sorgten dafür, dass die offiziell gemeldeten weltweiten Goldbestände der Notenbanken 2009 erstmals seit 20 Jahren wieder gestiegen sind. Zuletzt ließ die Banco de Mexico aufhorchen. Sie hat seit Jahresanfang gut drei Millionen Unzen Gold gekauft. Unter Zugzwang stehen jetzt besonders Brasilien, Chile und Südkorea, die unter den großen Schwellenländern den geringsten Goldanteil an ihren Währungsreserven halten. Insgesamt liegt die Goldquote der meisten Schwellenländer noch weit unter dem internationalen Durchschnitt von gut elf Prozent (siehe Grafik). Entsprechend sind weitere Käufe zu erwarten. Wenn allein China den Goldanteil seiner Währungsreserven auf den internationalen Schnitt bringen wollte, müsste es seinen Goldbestand um knapp 200 Millionen Unzen aufstocken. „Die Nachfrage dieser Zentralbanken ist eine wesentliche Stütze für den Goldpreis“, sagt Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst bei der Commerzbank.

Goldbesitz-Verbot

Engagement der Superspekulanten Soros und Paulson im Goldfonds SPDR Gold Trust

Auch die private Nachfrage aus Schwellenländern stützt den Goldpreis. China wird in diesem Jahr fast 13 Millionen Unzen Gold importieren und zwölf Millionen Unzen produzieren. Chinas Goldmarkt schließt damit auf zum indischen, dem größten der Welt.

„Wer einen Teil seines Geldes auf lange Sicht in Gold anlegen will, sollte es physisch besitzen und dort aufbewahren, wo es am wenigsten wahrscheinlich ist, dass es einem weggenommen wird“, sagt Kevin Bambrough, Chef der kanadischen Sprott Resource. Restriktionen für Goldbesitzer gab es etwa in den USA von 1933 bis 1974. Um die Wirtschaft durch mehr Geld anzukurbeln, werteten in der Großen Depression viele Wirtschaftsnationen ihre Währungen gegenüber Gold ab. Am 5. April 1933 erließ US-Präsident Franklin D. Roosevelt eine Verordnung, die das private Horten von Gold im Wert von über 100 Dollar pro Kopf verbot. Bis 10 000 Dollar Strafe oder zehn Jahre Gefängnis drohten bei Verstößen. US-Bürger hatten ihr Gold für 20,67 Dollar pro Unze bei der Notenbank abzugeben, dann wurde die Parität auf 35 Dollar pro Unze fixiert.

Hedgefonds-Investments

Die Freigrenze von 100 Dollar, was etwa fünf Unzen Gold entsprach, war ein geschickter Schachzug der Regierung, weil dadurch die Mehrheit der Bevölkerung vom Verbot nicht betroffen war. Entsprechend regte sich dort auch kaum Widerstand gegen die Konfiszierung. Wer unter der Freigrenze lag, konnte an der späteren Aufwertung von Gold gar verdienen – ein probates Mittel, um Enteignungen gesellschaftsfähig zu machen.

Für Goldbesitzer „könnte es gefährlich werden, richtig zu liegen, wenn die Regierung falsch liegt“ – Marc Faber zitiert Voltaire, wenn er gefragt wird, ob er sich ein Goldbesitzverbot vorstellen könne.

Bambrough hat deshalb die Anteile seiner Gesellschaft an Gold-ETFs, die nur einen Anspruch auf physisches Gold darstellen, durch direkte Goldinvestments ersetzt. Aktuell hält er rund 74 000 Unzen Gold für 115 Millionen Dollar. Deutlich mehr besitzt Hedgefondsmanager John Paulson, der mit Wetten auf den Crash des US-Immobilienmarktes Milliarden machte: Seine Anteile am SPDR Gold Trust verbriefen den Anspruch auf 3,15 Millionen Unzen. Gegenwert: 4,9 Milliarden Dollar. Paulson prophezeit den USA zweistellige Inflationsraten. Deshalb werde der Anleihemarkt crashen, während Sachwertanlagen profitierten.

Während es bei Paulson so aussieht, als ziehe er seine Goldpositionen bis zum großen Finale durch (siehe Grafik), versucht George Soros Auf- und Abwärtsbewegungen zu nutzen. Flankiert wird das oft mit markigen Aussagen des berühmten Spekulanten. Soros weiß genau, dass er wahrgenommen wird in der Öffentlichkeit. Im Januar 2010 sah Soros Gold als „die ultimative Blase“. Es sei vernünftig, zum Beginn einer Blase zu kaufen, weil in dieser Phase die größten Preissprünge zu erwarten seien. Nur hatte er da schon gekauft. Stattdessen baute seine Investmentfirma, die im zweiten Halbjahr 2009 6,2 Millionen Anteile am SPDR Gold Trust gekauft hatte, diese Position im Jahresverlauf 2010 ab, auf 4,7 Millionen Anteile. Ende 2010 sagte Soros dann, dass die Bedingungen für einen weiteren Anstieg des Goldpreises „ziemlich ideal“ seien. Doch schon im ersten Quartal 2011 verabschiedete er sich nahezu komplett aus der Goldposition. Das Timing war nicht ganz so optimal: Der Goldpreis zog ohne Soros weiter an.

Goldpreis und Kostenentwicklung der Goldminen

Seit der Jahrtausendwende läuft Gold besser als Aktien – und so dürfte es noch eine Weile bleiben. Das jedenfalls signa-lisiert die Dow-Gold-Ratio. Die Kennzahl wird ermittelt, -indem der aktuelle Stand des US-Aktienbarometers Dow Jones durch den Goldpreis in Dollar geteilt wird. Fällt die Rate, läuft Gold besser als US-Aktien – und umgekehrt.

Über die absolute Preisentwicklung ist damit zwar nichts gesagt. Doch das Konzept hat sich als hervorragender lang-fristiger -Indikator für Vermögensentscheidungen erwiesen. Seit Juni 2002 ist die Dow-Gold-Ratio von 35 auf unter 8 gefallen. Der Goldpreis in Dollar hat sich seither fast verfünffacht, in Euro mehr als verdreifacht.

Für Vergangenes kann man sich zwar nichts kaufen. Doch die bisherigen Abwärtszyklen der Dow-Gold-Ratio endeten erst bei Werten zwischen 3 und 1. Nimmt man konservativ die 3 als Mindestziel, dann könnte der Dow sich auf 6000 halbieren und Gold auf 2000 Dollar steigen. Oder der Dow bleibt bei 12 000 und Gold steigt auf 4000 Dollar. Die Rechenspiele zeigen: Die Börsen müssen nicht kollabieren, damit Gold weiter steigt.

Billige Minenaktien

„Es gibt keine Goldblase“, sagt Joachim Berlenbach, Fondsberater der Schweizer Earth Resource. Berlenbach macht für den Goldpreisanstieg, außer der steigenden Investmentnachfrage, vor allem die enorm steigenden Kosten der Goldminen verantwortlich (siehe Grafik).

Zwischen 2000 und 2010 sind diese um durchschnittlich 14 Prozent pro Jahr geklettert, auf zuletzt 927 Dollar pro Unze. „Für die gleiche Menge Gold muss immer mehr Gestein immer aufwendiger aus dem Boden geholt werden“, erklärt Berlenbach. Die Schwelle, ab der Minen Gewinn machen, liegt bereits über einem Goldpreis von 1000 Dollar. Selbst bei einer in Zukunft abgeschwächten Kosteninflation von zehn Prozent pro Jahr, würde die Förderung einer Unze 2015 mehr als 1500 Dollar kosten. Die Renditeschwelle der Minen bilde eine Untergrenze für den Goldpreis, sagt Berlenbach. Fällt der Goldpreis darunter, würde die Produktion vielfach eingestellt. Gold würde knapper – und der Preis deshalb wieder steigen.

Wenn der Unzenpreis über der Renditeschwelle notiert, was aktuell der Fall ist, legen Goldminenaktien in der Regel stärker zu als Gold. Von 2003 an ist das aber nicht mehr passiert. Dafür gesorgt haben vor allem die mit Gold besicherten Fonds, die damals neu auf den Markt kamen (siehe Grafik Seite 95). Sie zogen Anlegergelder an, die sonst in Minen geflossen wären.

„Gemessen an historischen Niveaus, werden die Minen bewertet, als stünde der Goldpreis bei 1000 und nicht bei 1500 Dollar pro Unze“, sagt Goldanalyst Ronald Stöferle von der Ersten Bank in Wien.

Allzu forsch sollten Anleger dennoch nicht einsteigen. Die Schwäche der Goldaktien kann auch ein Hinweis auf eine bevorstehende größere Korrektur beim Goldpreis sein – möglicherweise ausgelöst durch eine Liquidationswelle im Zuge eines größeren Finanzunfalls wie der Lehman-Pleite.

Langfristiger Indikator: Dow-Gold-Ratio (Stand des US-Aktienbarometers Dow Jones geteilt durch Goldpreis)

Basis jeder Goldanlage sind ohnehin Barren und Münzen, auf die Anleger direkt zugreifen können. Eine Goldpreiskorrektur wäre eine gute Zukaufgelegenheit. Empfehlenswert sind Barren ab 100 Gramm und Anlagemünzen wie Krügerrand oder Maple Leaf. Sie kosten bei Händlern wie MP Edelmetalle, Pro Aurum oder Westgold beim Kauf einen Aufpreis zwischen drei und fünf Prozent auf den reinen Goldwert. Nach einem Jahr sind Gewinne steuerfrei. Bei mit Gold besicherten Wertpapieren stören die Abgeltungsteuer und im Schnitt 0,5 Prozent Gebühren, die den Goldanspruch Jahr für Jahr schrumpfen lassen.

Anleger sollten erst gar nicht versuchen, beim Gold einen günstigen Einstiegspunkt zu suchen, rät Altmeister Richard Russell, Herausgeber des US-Börsenbriefs „Dow Theory Letters“. Bei Gold ist die Frage nach dem besten Einstiegszeitpunkt ohnehin längst geklärt: Der Goldpreis in Dollar startete 2001 bei weniger als 300 Dollar pro Unze. WirtschaftsWoche-Leser waren von Beginn an dabei. So schrieben wir im Mai 2001 (Heft 20/2001): „Nach 21 langen Jahren der Baisse beim Goldpreis verdichten sich jetzt die Signale, dass die Talsohle erreicht ist.“ Vier Jahr später hieß es (Heft 17/2005): „Gold im Vorteil – Aktien haben ihren Nimbus als überlegene Anlageform verloren. Davon sollten nun auch europäische Goldinvestoren profitieren.“

Staatspleiten überlebt

Willem Buiter, Chefökonom der Citigroup, hält Gold für „die am längsten währende Blase in der Geschichte der Menschheit“. Wegen seines begrenzten industriellen Nutzens sei Gold nur ein sich selbst verstärkendes Glaubenssystem.

Mag sein, dass er recht hat – aber dann wäre Gold eine Blase, die bisher jeden Krieg und jede Staatspleite überlebt hat. Papierwährungen kommen und gehen – Gold bleibt. Ein Grund, warum die Menschen sich von diesem „Glaubenssystem“, das von überliefertem Vertrauen lebt, -abwenden sollten, ist nicht zu erkennen.

Buiter würde wohl lieber Silber kaufen. Das Gold des kleinen Mannes hat den von ihm geforderten industriellen Nutzen. Während weniger als zwölf Prozent des Goldangebots industriell oder in der Zahnmedizin verarbeitet werden, wandert knapp die Hälfte des Silbers in die Industrie. Gerade darin sehen Silber-Fans einen Vorteil gegenüber Gold. Zumal noch ein Großteil des in ausgedienten Handys, Laptops oder Katalysatoren verarbeiteten Silbers für immer auf der Müllkippe landet. Andererseits: Was knapp und begehrt ist, landet nicht auf dem Müll – und schwankt weniger im Preis.

Dass Silber stark schwankt, liegt vor allem an dem relativ kleinen Markt. Jährlich wird physisches Silber für 40 Milliarden Dollar gehandelt, bei Gold sind es 200 Milliarden Dollar. Schon kleinere Verkäufe können den Silberpreis drücken. Für Anleger ist Gold das stressfreiere Edelmetall.

Beruhigend auch: Derzeit ist erst knapp ein Prozent des globalen Finanzvermögens in Gold, Goldaktien und -fonds angelegt. Im letzten Bullenmarkt, Anfang der Achtzigerjahre, lag die Quote bei 26 Prozent. Stiege die Quote auf zwei Prozent, bedeutete das zusätzliche Nachfrage von gut 2200 Millionen Unzen – die -Minenproduktion von knapp 28 Jahren.

Der Goldrausch kommt erst noch.

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