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Geldanlage "Sichere Anlagen gibt es nicht mehr"

Holger Benke verwaltet rund 800 Millionen Euro für die Hertie-Stiftung. Wieso Benke bald Aktien verkauft, er stattdessen lieber in Büroimmobilien investiert und wie er das Stiftungsvermögen an den Märkten anlegt.

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Holger Benke, Geschäftsführer der Hertie-Stiftung

Herr Benke, Sie legen rund 800 Millionen Euro für die Hertie-Stiftung an. Griechenland wirbelt die Märkte gerade einmal mehr durcheinander – wo sind die Stiftungsgelder noch sicher angelegt?

Die wichtigste Lektion, die Stiftungen aus der Finanzkrise lernen müssen ist, dass es keine sicheren Anlagen mehr gibt. Ich zumindest stufe eine Anlagestruktur mit 80 Prozent Bundesanleihen nicht mehr als sicher ein.

Wieso nicht?

Deutschlands Bonität verschlechtert sich mehr und mehr, weil wir Schulden für andere Länder aufnehmen. Im Moment machen wir doch nur eine Umwegsfinanzierung. Die Mittel, die Griechenland am Kapitalmarkt nicht bekommt, nehmen wir für sie auf. Wie das Schuldenproblem langfristig gelöst werden soll, ist völlig offen. Nur mit Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen wird es nicht zu machen sein.

Wie dann?

Man muss diesen Ländern entweder einen Teil der Schulden erlassen – oder es endet in Inflation. Beide Lösungen sind schwierig. Denn wenn der Staat es nicht mehr richtet, bekommen schlechte Schuldner kein Geld mehr. Die Folgen an den Märkten mag ich mir gar nicht ausmalen. Solange man es sich also irgendwie noch leisten kann, verhindert die Angst vor den Folgen diese an sich nötige und solide Vorgehensweise.

Also kaufen Sie jetzt Staatsanleihen für die Stiftung?

Wir halten derzeit zum Glück nur für drei Millionen Euro griechische Staatsanleihen und haben darauf im Moment einen Verlust von 600 000 Euro. Staatsanleihen sind nicht mehr die sichersten Anlagen. In der letzten großen Inflation wurde ihr Wert vernichtet. Die großen Unternehmen hingegen hatten Werteinbußen, doch es gibt sie noch. Denn sie investieren zum Beispiel auch in Patente, Know-how oder Vertriebesnetze - das überdauert eine Krise.

Dann muss man jetzt Aktien kaufen!

Auch die empfehle ich nicht ganz ohne Bedenken, der Kursaufschwung ist sehr liquiditätsgetragen. Da baut sich jetzt immer mehr Risiko auf – das wollen wir nicht unbedingt mitmachen. Viele Anleger haben im Moment einfach keine Alternative zu Aktien, einen Großteil des Kursanstieges führe ich darauf zurück.

Ihre Aktienquote lag mal bei30 Prozent...

Ja, und aktuell sind es nur noch 19 Prozent. Wir werden die Quote auch weiter senken, wahrscheinlich Richtung 15 Prozent.

Wenn nichts mehr sicher ist: Steckt man als Investor dann den Kopf in den Sand und das Geld unters Kopfkissen?

Nein, aber wir streuen jetzt breit und stecken das Geld in viele Töpfe. Sicher ist zwar keine Anlage mehr, aber sicher wird es dadurch, dass man das Vermögen breit streut: also in Europa, Amerika, Asien, in Renten, Immobilien, Festverzinsliche, Private Equity.

Private Equity?

Ja, neun Prozent unserer Kapitalanlagen stecken in Private-Equity-Fonds. Wir haben auch hier sehr breit gestreut, halten 19 verschiedene Fonds in verschiedenen Größenklassen, auch international. Derzeit haben wir 85 Millionen zugesagt, etwa 45 Millionen davon wurden bereits angefordert. Wir investieren so zum Beispiel in Unternehmensübernahmen, Restrukturierungen und Unternehmen, die notleidendes Kapital übernehmen. Das ist für uns eine Anlagemöglichkeit, die es im Aktienbereich nicht gibt. So vermeiden wir den direkten Börseneinfluss.

Holger Benke, Geschäftsführer der Hertie-Stiftung

Welche Rendite erwarten Sie?

Wie rechnen mit 10 bis 12 Prozent Gewinn. In der Finanzmarktkrise haben unsere Private-Equity-Anlagen bei Weitem nicht so empfindlich reagiert wie die Aktien. Und erste, kleine Rückflüsse hatten wir bereits. In den nächsten Jahren wird das deutlich mehr sein. Das Geld investieren wir dann in neue Fonds. So, dass wir immer bei rund zehn Prozent Zusagen unserer gesamten Kapitalanlagen bleiben.

Sie haben sehr stark in Gewerbeimmobilien investiert, fast 25 Prozent steckt in Büroimmobilien. Droht da nicht Gefahr?

Immobilien haben ihren Tiefpunkt noch nicht überall erreicht, das ist richtig. Schaut man sich die großen Immobilienzentren wie London oder Paris an, werden die Preise noch weiter in den Keller gehen - sofern die Krise anhält. Wir aber kaufen pflegeleichte Immobilien in großen deutschen Städten wie München, Stuttgart, Berlin oder Hamburg. Wir setzen auf maximal zwei Mieter mit langfristigen Mietverträgen pro Gebäude. Und wir prüfen die Bonität des Mieters mindestens so intensiv wie das Gebäude technisch geprüft wird. Zu unseren Mietern zählen etwa die Telekom und BMW. Nur bei der Hypo Real Estate hatten wir jetzt Pech – für dieses Gebäude, welches wir gerade sanieren, suchen wir derzeit einen Nachmieter.

Sie halten 89 Prozent der Anlagen in Euro – vertrauen Sie Europa?

Ja, wir betreiben keine Währungsspekulation. Wir sichern Währungen aber auch nicht ab. Ich habe mir lange Musterportfolien angeschaut und gesehen: Es macht keinen Sinn. Denn im Währungsbereich geht mal der Yen runter, dafür der Dollar rauf – viel gleicht sich so untereinander aus. Im Übrigen: Wer ein europäisches Aktienportfolio hat, hält über seine Unternehmensbeteiligungen jede Menge Währungen. Denn die Firmen sind international tätig.

Wie legen Sie privat an?

Nicht immer so vernünftig wie für die Stiftung. Privat mag ich das Kribbeln im Bauch, da bin ich unvernünftiger.

Heißt das, Sie haben Griechenlandanleihen mit 20 Prozent Rendite gekauft?

Ja, das habe ich, das würde ich aber für die Stiftung nie machen. Das muss man wirklich auseinanderhalten. Persönlich glaube ich zwar nicht, dass man Griechenland hängenlässt. Ich glaube auch nicht an den Schuldenerlass, denn dann hätten wir wieder eine Bankenkrise und gleichzeitig eine Vertrauenskrise, was die weiteren Länder wie Spanien oder Portugal angeht. Wenn ich also morgens in die Stiftung komme, gebe ich mein privates Anlageverhalten an der Garderobe ab und experimentiere nicht.

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