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Geldanlage Wo es noch attraktive Alt-Anleihen für Privatanleger gibt

Unternehmen schließen Privatanleger zunehmend von ihren Anleihen aus. Noch aber gibt es attraktive Altpapiere, bei denen zudem letztmalig steuerfreie Kursgewinne winken.

Die Renditen von Euro-Anleihen steigen Quelle: Grafik: WirtschaftsWoche

Der Schuss aus Brüssel ging nach hinten los: Mit neuen Richtlinien wollte die EU-Kommission durchsetzen, dass Anleger, die Anleihen kaufen, mehr Informationen bekommen, also besser geschützt sind. Sie enthalten strenge Regeln, die Unternehmen bei der Erstausgabe von Anleihen beachten müssen. Doch das von Berlins Politikern im Herbst 2005 brav in deutsches Recht umgesetzte Regelwerk entwickelt sich zunehmend zum Bumerang, der private Anleger trifft. Immer weniger für sie geeignete Anleihen kommen auf den Markt.

Brüssel ließ den Unternehmen, die Kredite in Form von Anleihen aufnehmen, dummerweise eine Hintertür offen: Die strengen Regularien gelten nicht, wenn neue Papiere bei der Erstausgabe mindestens 50.000 Euro kosten. Wer so viel in eine einzige Anleihe steckt, ist entweder gut informierter Profi, so die Logik der Brüsseler Anlegerschützer, oder als Privatanleger so reich, dass er schon wissen müsste, was er tut.

Was in Brüssel niemand vorhersah: Immer mehr Unternehmen scheuen die strengen Regeln und bieten neue Papiere nur noch in für die meisten Privatanleger zu hoher Stückelung an. Geschätzt zwei Drittel der in Euro neu aufgelegten Industrie-Anleihen sind mittlerweile Schwergewichte mit einer Stückelung von 50.000 oder gar 100.000 Euro.

Anleger erst ab 50.000 Euro bei neuen Anleihen dabei

„Unternehmen wie VW, Daimler, Bayer oder Bertelsmann und fast alle ausländischen Emittenten sind dazu übergegangen, Privatanleger praktisch nicht mehr anzusprechen, weil in ihre neuen Anleihen wenigstens 50.000 Euro investiert werden müssen“, sagt Rolf Deml, Geschäftsführer der Baden-Württembergischen Wertpapierbörse in Stuttgart. Weitere prominente Verweigerer sind die Allianz, Metro, die Deutsche Bahn oder France Télécom. Noch entzieht sich in erster Linie die Industrie dem Privatanleger, Banken dagegen begeben weiterhin regelmäßig Anleiheleichtgewichte ab 1000 Euro.

Doch auch damit dürfte bald Schluss sein: „Von 2009 an gelten für die Banken ebenfalls die strengeren Richtlinien, es steht zu vermuten, dass wir dann auch bei ihnen zunehmend hohe Stückelungen sehen werden“, so Börsenchef Deml. „Privaten Anlegern werden so Anlagealternativen entzogen. Die Emittenten scheinen kleine Stückelungen zu meiden, weil sie den Risiken aus der Prospekthaftung aus dem Weg gehen wollen.“ Die EU-Richtlinien könnte es Anlegeranwälten erleichtern, Unternehmen bei Kursverlusten oder gar Totalausfällen von Anleihen auf Schadensersatz zu verklagen. War eine Bilanz fehlerhaft und findet sich das im bei der Auflegung der Anleihe herausgegebenen Prospekt wieder, haftet das Unternehmen.

Noch gibt es Unternehmen, die weder die höheren Kosten noch größere Haftungsrisiken scheuen und die weiter klein gestückelte Anleihen, etwa im Nennwert von 1000 Euro, anbieten: „Wir möchten auch Privatanlegern eine attraktive Direktanlage in unsere Anleihen bieten. Deshalb kann man unsere Bonds auch in kleinen Stückelungen erwerben“, sagt Kurt Bock, Finanzvorstand von BASF in Ludwigshafen. Auch die Unternehmen profitieren, machen sie sich doch weniger von Großinvestoren abhängig: „Zugleich erreichen wir so eine weitere Diversifizierung unserer Investorenbasis und erhöhen die Nachfrage nach unseren Anleihen“, sagt Bock.

Auch die Deutsche Lufthansa, die Deutsche Telekom oder BMW dienen sich nach wie vor der breiten Masse der Anleger an – trotz eines „deutlichen Mehraufwandes halten wir das Privatanleger-Segment für attraktiv“, so Erich Ebner von Eschenbach, Leiter des Konzernfinanzwesens des Münchner Autobauers.

Mehr Sicherheit, steuerliche Vorteile

Aber sollten Anleger jetzt überhaupt Unternehmensanleihen kaufen? In Zeiten steigender Inflationsraten und üppiger Tagesgeld-Zinsen drängt sich eine Anlage am Rentenmarkt üblicherweise nicht auf. Erstmals seit Jahren zieht die Inflation deutlich an, zuletzt auf eine Rate von drei Prozent. Der Euro-Rentenmarkt zuckte deshalb nervös. Die Renditen von sicheren Staatspapieren sind deutlich gestiegen – um 0,7 Prozentpunkte binnen zehn Wochen.

Der Sprung bei den Renditen bedeutet Kursverluste. Ein zehnjähriges Bundespapier etwa verlor seit Mitte März fünf Prozentpunkte an Wert. Für Anleger, die Anleihen bis zur Endfälligkeit halten, sind zwischenzeitliche Kursverluste nicht dramatisch. Wer seine Papiere aber vor Laufzeitende der Papiere in Bares ummünzen will, der leidet.

Immerhin: Unternehmen bieten – bei entsprechend höherem Risiko – mehr Rendite und damit besseren Inflationsschutz als Staatsanleihen. Dies und die Gefahr, dass es bald kaum noch interessante Angebote geben dürfte, sind Argumente für ein Engagement in Unternehmensanleihen.

Gegenüber Aktienbesitzern haben Renteninhaber den Vorteil, dass sie bei Unternehmen, die in Schwierigkeiten geraten, ihr Geld vor den Aktionären zurückbekommen. „Der Zins einer Unternehmensanleihe ist außerdem höher als der Dividendenertrag von Aktien – und Dividenden können gesenkt werden, Zinskupons nicht“, sagt Adam Cordery, Fondsmanager bei Schroders in London.

Zusätzlich sprechen aktuell auch steuerliche Gründe für Unternehmensanleihen. Bei Anleihen, die weniger als 100 Prozent ihres Rückzahlungswertes kosten und die noch mindestens ein Jahr Restlaufzeit haben, winken bei einer Investition in diesem Jahr letztmalig steuerfreie Kursgewinne. Denn vom kommenden Jahr an zwackt Bundesfinanzminister Peer Steinbrück nicht nur pauschal rund 28 Prozent (25 Prozent plus Soli plus Kirchensteuer) an Abgeltungsteuer von den Zinsen, sondern auch von Kursgewinnen ab. Das macht Papiere mit langer Laufzeit und deshalb häufig niedrigem Kursniveau jetzt grundsätzlich attraktiv – Anleger kaufen sich damit über Jahre kalkulierbare Zinseinkünfte und einen Kursgewinn ein.

So bringt ein Papier des französischen Versorgers Suez über 15 Jahre eine Rendite von knapp 5,7 Prozent bei einem Kurs von rund 100 Prozent. Aus heute investierten 5000 Euro würde bis zum Jahr 2023 inklusive Zinseszins ein Guthaben von knapp 11.500 Euro auflaufen – wäre da nicht die Steinbrück-Steuer. Abzüglich des Abgeltungssatzes von 28 Prozent bleiben immerhin noch 9140 Euro Kapital aus einer Investition in die Suez-Anleihe übrig.

Anleihen mit AAA-Rating werden knapper

Die „steigenden Inflationsraten“ sprächen allerdings gegen einen Einstieg bei Papieren mit langen Laufzeiten, sagt Anleihespezialist Johannes Führ, Chef der gleichnamigen Vermögensverwaltung. Bliebe die Inflation über die kommenden 15 Jahre im Schnitt auf dem aktuellen Niveau von drei Prozent, rechnet sich die Anlage im Beispielfall Suez so gerade noch. Nach Steuern und Geldentwertung bliebe ein Überschuss von knapp 900 Euro. Sollte die Inflation auf Raten von 4,1 Prozent und mehr steigen, würde die Preissteigerung den Gewinn jedoch auffressen. Investoren könnten dann selbst mit der Anleiherendite von 5,7 Prozent ihr Kapital nicht erhalten. Für die 9140 Euro könnten sie im Jahr 2023 weniger Lebensmittel, Sprit oder Kleidung kaufen als sie heute für 5000 Euro bekommen.

Niedriger verzinste Staatsanleihen würden allerdings noch schwächer abschneiden – und sein ganzes Portfolio mit Aktien zu bestücken ist auch nicht jedermanns Sache. Für viele Anleger gibt es deshalb zu Unternehmensanleihen keine Alternative.

Mehr denn je ist wichtig, die richtigen Anleihen zu kaufen. Die soliden Kandidaten werden knapp. Anfang der Achtzigerjahre adelte die Ratingagentur Standard & Poor’s noch mehr als 30 Unternehmen mit der Bestnote AAA. Heute dürfen sich gerade noch sechs Industrie-Unternehmen damit schmücken: Pfizer, Toyota, Johnson & Johnson, General Electric, Exxon Mobil und deren Tochter Imperial Oil. Börsenstrategen wie Tim Albrecht, Fondsmanager der DWS für deutsche Aktien, bläuen Anlegern notorisch ein, dass die Unternehmensbilanzen heutzutage „sehr solide“ seien. Doch die Wahrnehmung der Anleiheexperten ist eine völlig andere. Seit Jahrzehnten sinkt „im Durchschnitt ständig die Bonität der Unternehmen“, sagt Führ.

Nach möglichen Aufsteigern, also Unternehmen, deren Bonität sich verbessert, müsse man sehr intensiv suchen. „Fiat und ThyssenKrupp sind zwei der wenigen Positiv-Beispiele aus den vergangenen Jahren.“ Seit Ende 2006 verschlechtert sich auch das Verhältnis von Abstufungen zu Hochstufungen. Im vierten Quartal 2007 stufte die Ratingagentur Fitch dreimal mehr westeuropäische Schuldner ab als hoch. Moody’s zog in den ersten drei Monaten 2008 nach und verpasste 35 Unternehmen eine miesere, aber nur 17 eine bessere Note; 43 erhielten zudem einen negativen Ratingausblick, nur elf einen positiven. „Rezessive Entwicklungen“ und die „globale Kreditkrise“ sind laut Moody’s die Gründe für die sich verschlechternde Schuldnerqualität.

Laufzeiten zwischen zwei und vier Jahren empfehlenswert

Deswegen setzt Schroders-Fondsmanager Cordery vor allem auf Substanz. „Anleihen hoher Qualität werden überdurchschnittliche Erträge bringen, während der Rest eher dürftige Renditen bieten dürfte.“ Papiere mit schwacher Bonität locken zwar mit Renditen von bis zu zehn Prozent. Sie sollten jedoch nicht Hauptbestandteil eines Rentendepots sein. Moody’s etwa erwartet, dass finanzschwache Unternehmen bis Jahresende jeden 20. Dollar oder Euro nicht zurückzahlen. Während der letzten Wirtschaftskrise 2002 wurden zwölf Prozent aller hochverzinsten Schrott-Anleihen notleidend.

Rentenspezialist Führ favorisiert derzeit solide Anleihen mit Laufzeiten „zwischen zwei und vier Jahren“, auch weil „der Renditeunterschied zu langlaufenden Papieren nicht besonders groß ist“. Eine Bayer-Anleihe bis April 2012 wirft beispielsweise 5,3 Prozent ab – nur 0,4 Prozentpunkte weniger als der Suez-Bond, der erst im Jahr 2023 fällig wird.

Weil niemand seriös vorhersagen kann, wie sich die Inflationsrate bis 2020 entwickelt, fahren Anleger mit einem Anleihe-Mix am besten. Neben den nur noch wenige Jahre laufenden Bonds gehören auch Papiere mit längerer Laufzeit ins Depot – vor allem solche, die deutlich unter 100 Prozent notieren und somit bei Kauf bis zum 31. Dezember noch abgeltungsteuerfreie Kursgewinne bieten. Mit einer Mischung aus Industriepapieren, wenigen Bankschuldverschreibungen, Pfandbriefen und Staatsanleihen plus einem Schuss Spekulation auf Fremdwährungen aus Rohstoffländern wie Südafrika, Kanada oder Norwegen haben Anleger gute Chancen, über ihr Rentendepot zumindest die Inflation schlagen zu können – selbst dann, wenn sie dank EU-Richtlinien in den kommenden Jahren kaum noch klein gestückelte Anleihen kaufen können.

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