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Gesetzliche Krankenkassen Wann sich der Wechsel lohnt

Bis Sonntag gilt die Sonderkündigungsfrist von Krankenversicherten, deren Kasse den Zusatzbeitrag erhöht hat. Versicherte sollten sich dabei Fragen, ob ein Wechsel der Kasse auch langfristig Sinn macht.

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Quelle: Fotolia

Der Begriff "Hopping" wird bisher vor allem beim Tagesgeld verwendet. Erhöht ein Anbieter den Zins, "hoppen" viele Kunden hinüber und eröffnen ein neues Konto. Bald könnte es ein ähnlich häufiges Hin- und Her-Wechseln auch bei den Krankenversicherungen geben. Spätestens seitdem die Bundesregierung durch Reformen den Wettbewerb unter den Krankenkassen gestärkt hat und die Versicherer unterschiedlich hohe Beiträge erheben, fragen sich viele Versicherte, ob sie bei ihrer gesetzlichen Krankenkasse (GKV) eigentlich noch gut versichert sind, oder ob sich der Wechsel zu einem günstigeren Anbieter lohnt.

Aktuell wird die Diskussion wieder intensiv geführt, da am 31. Januar für viele Versicherte das Sonderkündigungsrecht ausläuft. Dieses gilt, wenn die Kasse erstmals einen Zusatzbeitrag einführt oder diesen erhöht. Die Krankenkasse muss ihre Versicherten nicht nur rechtzeitig über den erhöhten Beitrag informieren. Liegt dieser über dem bundesweiten Durchschnittsbeitrag, muss sie ihre Mitglieder auch auf Wechselmöglichkeiten in günstigere Kassen hinweisen. Der Zusatzbeitrag wird von den Kassen individuell zusätzlich zum allgemeinen Grundbeitrag von 14,6 Prozent des Bruttolohns erhoben. Wer bereits länger als 18 Monate bei einer Kasse versichert ist, darf jederzeit wechseln, in beiden Fällen beträgt die Frist zwei Monate. Wer also zum 31. Januar kündigt, ist am 1. April in der neuen Krankenkasse.

Welche Krankenkassen besonders teuer sind
Krankenkassenkarten Quelle: dpa
AOK Quelle: dpa
Zentrale der DAK Quelle: dpa
BKK Quelle: AP
Krankenkassenkarte der BKK Quelle: dpa/dpaweb
Techniker KrankenkasseDie größte gesetzlichen Krankenkasse Deutschlands, die Techniker Krankenkasse (TK), hebt ihren Beitragssatz 2016 um 0,2 Prozentpunkte an. Der Zusatzbeitrag der Kasse wird sich dann auf 1,0 Prozentpunkte belaufen, der Gesamtbeitrag auf 15,6 Prozent. Damit läge die Kasse knapp unter dem durchschnittlichen Beitrag von 15,7 Prozent, den das Bundesgesundheitsministerium im November für 2016 prognostiziert hatte. Viele andere Krankenkassen erhöhen ebenfalls um 0,2 Prozentpunkte - wie etwa... Quelle: dpa
Krankenkassenkarte der Baermer Quelle: dpa

Künftig liegt der durchschnittliche Zusatzbeitrag bei 1,1 Prozent, im Schnitt mussten die Versicherten mit einer Erhöhung von 0,2 Prozent leben. Die teuerste Kasse, die Viactiv, verlangt damit insgesamt 16,3 Prozent Beitrag. Der günstigste bundesweite Anbieter, die HKK, verlangt insgesamt 15,19 Prozent. Anfang 2016 hat gut ein Drittel der bundesweit offenen Kassen ihre Beiträge konstant gehalten, zwei Drittel haben dagegen ihre Zusatzbeiträge erhöht, einige davon sogar deutlich um mehr als 0,5 Prozent. Die höchste Anhebung gab es bei der Viactiv, der ehemaligen BKK vor Ort, welche den Beitrag gleich um 0,8 Prozent erhöhte.

Je höher der Beitrag über dem Durchschnitt liegt, desto größer die Gefahr, dass die Mitglieder zahlreich kündigen. Verbraucherschützer fürchten, dass das häufige Wechseln der Versicherung in den kommenden Jahren zu einem regelrechten Sport werden könnte. Denn schon jetzt deutet sich an, dass das Ende der Preisskala noch längst nicht erreicht ist.

Weitere Steigerungen erwartet

In einer Studie warnt Jens Boysen-Hogrefe vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, die Zusatzbeiträge könnten bis zum Jahr 2020 auf durchschnittlich 1,8 Prozent steigen. Damit lägen die Gesamtbeiträge im Schnitt bei rund 16,4 Prozent. Grund sind laut dem IfW-Experten vor allem die steigenden Beiträge und die demografische Entwicklung. Je mehr Babyboomer in Rente gehen, desto teurer wird es für die Versicherungen. Auch GKV-Chefin Doris Pfeiffer warnte vor kurzem in der Zeitung "Die Welt", die Krankenkassen rechneten mit einer Verdopplung der Zusatzbeiträge.

Kein Wunder, dass Vergleichsportale versuchen, an den Wechselwillen der Versicherten zu appellieren. Laut einer aktuellen Untersuchung von check24 spart ein Wechsel der Kasse bis zu 864 Euro im Jahr. Dies gilt allerdings nur für Arbeitnehmer, deren Jahreseinkommen über der Beitragsbemessungsgrenze von derzeit 50.850 Euro brutto liegt. Trotzdem: wer rund 30.000 Euro brutto im Jahr verdient, kann immerhin noch 510 Euro im Jahr sparen. "Gerade für Versicherte, die relativ wenig Geld zur Verfügung haben, kann sich ein Wechsel lohnen", sagt Versicherungsexperte Christoph Kranich von der Verbraucherzentrale Hamburg. Allerdings warnt Kranich vor pauschalem Wechseln in günstigere Kassen.

Leistungen vor Beiträgen

"Wer zufrieden ist, sollte ruhig bei seiner Krankenkasse bleiben", sagt Kranich. Gerade für Versicherte, die viele Leistungen in Anspruch nehmen müssen, wie chronisch Kranke, ist der Service der Kasse oft wichtiger als ein etwas höherer oder niedrigerer Beitrag. Zudem sollten sich Wechsler über die Folgen im Klaren sein: "Schnäppchenjäger verbessern das System nicht", sagt Kranich. Solange die Branche nicht digitaler wird, steigen durch häufige Wechsel die Verwaltungskosten, etwa durch die Ausgabe von neuen Gesundheitskarten. Versicherte sollten bei ihrer Wechselentscheidung also langfristig denken und genau überlegen, ob sich der Aufwand lohnt. Dazu gehört auch die Überlegung, dass eine Kasse, die heute vergleichsweise günstig ist, im kommenden Jahr schon über dem Durchschnitt liegen kann.

Was Sie über IGeL-Behandlungen wissen müssen
Was sind IGeL-Leistungen?Gesetzlich Versicherte erhalten nicht jede ärztliche Behandlung auf Krankenschein. Wer Leistungen in Anspruch nimmt, die nicht im Kassenkatalog aufgeführt sind, muss sie selber zahlen. Die Rede ist von „Individuellen Gesundheitsleistungen“, kurz IGeL. Ärzte verkaufen die IGeL-Behandlungen gerne: Die können sie anschließend den Patienten gesondert in Rechnung stellen. Quelle: dpa
Was sind die beliebtesten IGeL-Behandlungen?IGeL-Leistungen reichen von A wie Akupunktur zur Migräneprophylaxe bis U wie Ultraschall der Eierstöcke. Letzterer zählt nach Angaben der Krankenkassen und des IGeL-Monitors des Medizinischen Dienstes (MDS) zu den am häufigsten genutzten Angeboten. Das gilt auch für Glaukom-Vorsorgeuntersuchungen beim Augenarzt und Verfahren der Alternativmedizin. Quelle: dpa/dpaweb
Welchen Nutzen haben IGeL-Angebote?Der MDS, sprich die Wissenschaftler des IGeL-Monitors, bewertet seit gut drei Jahren die einzelnen Behandlungen, insgesamt 37 IGeL-Leistungen sind bisher analysiert worden. Die Ergebnisse sind nicht besonders erfreulich. 16 Angebote wurden von den Wissenschaftlern als negativ oder tendenziell negativ bewertet, 13 waren unklar und nur vier Leistungen waren tendenziell positiv. Quelle: dpa
Sind IGeL generell notwendig?Bei den privaten IGe-Leistungen ist die Frage der Notwendigkeit schwer zu beantworten. Wären die Behandlungen lebenswichtig, würden sie von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. Laut Gesetz müssen deren Leistungen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein. Trotzdem können einige IGeL-Angebote für den jeweiligen Patienten Sinn machen. Deshalb ist es besonders wichtig, dass die Patienten sich schon vor dem Arztbesuch umfassend informieren und wissen, dass sie die Kosten selbst tragen müssen. Quelle: dpa
Wie werden IGe-Leistungen "verkauft"?Besonders viele Angebote unterbreiten Frauen- und Zahnärzte. Laut einer Umfrage der Techniker Krankenkasse werden jedem zweiten Patienten private Leistungen angeboten. Für Mediziner gibt es sogar spezielle Verkaufsseminare, in denen die Männer und Frauen im weißen Kittel lernen, IGeL zu verkaufen. In Frauenarztpraxen beispielsweise gibt es oft einen regelrechten Katalog - bei Ankunft in der Praxis kann die Patientin ankreuzen, welches Angebot sie in Anspruch nehmen und privat bezahlen will. Quelle: dpa
Was müssen Patienten beachten?Zunächst sollten sich Patienten ausführlich von ihrem Arzt beraten lassen. Wer Zweifel hat, kann die Meinung eines zweiten Arztes einholen. Je nachdrücklicher der Arzt ihnen die Leistung aufdrängt, desto größer sollten die Zweifel sein. Quelle: dpa
Nicht erpressen lassen!Patienten berichten von Ärzten, die es mit der Wahrheit beim IGeL-Verkauf nicht so genau nehmen. So berichtete eine Frau der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, sie habe den Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung nicht zahlen wollen. Die Ärztin habe daraufhin eine Unterschrift von der Patientin verlangt, um nachweisen zu können, sie über die Leistung aufgeklärt zu haben. Suggeriert werden sollte damit, so die Patientin, die Kasse könnte im Ernstfall die notwendige Behandlung nicht zahlen. Laut den Verbraucherschützern müssen Patienten ein solches Formular keinesfalls unterschreiben. Die gesetzliche Kasse zahlt bei Erkrankungen auch, wenn private Vorsorgeleistungen im Vorfeld abgelehnt wurden. Quelle: dpa

Wer wechseln möchte, sollte das aufgrund der Leistungen machen und weniger nach dem Beitrag gehen. "Die Leistungen der gesetzlichen Kassen sind zu 95 Prozent gleich", erklärt das gemeinnützige Verbraucherportal Finanztip. Mit den restlichen Zusatzleistungen aber kämpften die Versicherungen um die Mitglieder. Kassenvergleiche geben Verbrauchern Orientierung, auch Hinweise aus dem Freundeskreis sind hilfreich. Welche Vorsorgeleistungen zahlt die Kasse? Werden alle Impfungen übernommen, also auch exotische Reiseimpfungen? Gibt es ein Bonusprogramm, mit dem ich für ein gesundes Leben belohnt werde? Wie viel zahlt die Kasse für zahnärztliche Untersuchungen? Unterstützt die Versicherung alternative Medizin? Wie viele Leistungen bietet die Kasse im Fall einer Schwangerschaft? Sind meine Kinder genauso gut versichert wie ich? All diese Fragen können für Versicherte eine Rolle spielen und sollten vor einem Wechsel individuell beantwortet und gewichtet werden.

Leistungen im Fokus

Zumindest bisher scheint es, als würden Versicherte bei einem Wechsel tatsächlich stärker auf die verbesserten Leistungen achten, also auf höhere Beiträge. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest eine aktuelle Umfrage des wissenschaftlichen Instituts der AOK. Demnach legen 36,8 Prozent der Versicherten Wert auf "gute und ergänzende Leistungen" sowie die Frage, welche Kosten von der Krankenkasse übernommen werden. Für die Umfrage wurden im dritten Quartal 2015 rund 2000 Versicherte befragt. Serviceorientierung und gute Betreuung sind dagegen nur für 23,8 Prozent ausschlaggebend. Lediglich für 3,4 Prozent der Befragten ist der Preis allein ausschlaggebend für einen Wechsel.

Das ist zunächst eine gute Nachricht für die teuren Kassen, wie die Viactiv, und die zweitteuerste Kasse, die DAK. Die Hamburger verlangen immerhin 16,1 Prozent und drohen erneut, zahlreiche Mitglieder zu verlieren. Schon 2011 kündigten rund 500.000 Versicherte ihre DAK-Mitgliedschaft. Damals erhob die Kasse einen Zusatzbeitrag von acht Euro pro Monat, welchen die Mitglieder gesondert an die Versicherung überweisen mussten. Die DAK war zu der Zeit die einzige große Kasse, bei der es so einen Zusatzbeitrag gab.

Beitragserhöhungen blumig verpackt

Dieses Jahr ist die Lage etwas anders. Zum einen wird der Beitrag nicht mehr vom Versicherten gesondert überwiesen, sondern direkt mit dem Grundbeitragssatz eingezogen. Zum anderen ist die DAK mit dem Zusatzbeitrag ja mittlerweile in illustrer Gesellschaft. Vor allem von Ersterem könnten die teuren Kassen profitieren: laut Umfrage des AOK-Instituts sorgt der pauschale Einzug dafür, dass überhaupt nur 17 Prozent der Befragten wussten, dass ihre Kasse einen Zusatzbeitrag erhebt. Auch die Tatsache, dass es seit Anfang 2015 einen allgemeinen Satz von 14,6 Prozent des Bruttolohns gibt, auf den jede Kasse einen individuellen Zusatzbeitrag draufschlagen kann, ist vielen nicht bekannt. Nur 18 Prozent der Befragten konnten aussagen, was sich geändert hat.

Kassen informieren nicht transparent

Das Unwissen der Versicherten mag auch an der unklaren Informationspolitik der Krankenkassen liegen. Grundsätzlich sind die Kassen gezwungen, ihre Versicherten rechtzeitig und schriftlich über die Zusatzbeiträge zu informieren. Auf diese Weise sollen die Kunden auch an ihr Sonderkündigungsrecht erinnert werden. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat derartige ihr vorliegende Schreiben von einigen Kassen analysiert und festgestellt, dass viele die höheren Beiträge recht blumig verpacken.

Besonders negativ aufgefallen ist demzufolge die Hanseatische Ersatzkasse (HEK). Unter der Überschrift "HEK auch 2016 mit TOP Preis-Leistungsverhältnis" liest der Versicherte, dass sein Zusatzbeitrag mit einem Prozent weiterhin unter dem bundesweiten Durchschnitt von 1,1 Prozent liegt. Dass der Beitrag aber dennoch erhöht wurde, liest er dagegen nicht. Das mit der Änderung verbundene Sonderkündigungsrecht wird von der HEK zwar erwähnt, allerdings nicht auf den Kunden bezogen. Vielmehr soll er die Kasse kündigungswilligen Freunden oder Familienmitgliedern empfehlen.

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Das Bundesversicherungsamt, die Aufsichtsbehörde der Kassen, teilte der Verbraucherzentrale dazu mit, die Ausführungen der HEK zum Sonderkündigungsrecht könnten vom Versicherten missverstanden werden. Grundsätzlich sei aber gegen derartige Schreiben nichts einzuwenden. So müssen viele Versicherte genau lesen, um zu verstehen, was die Kasse ihnen sagen will. Auch im Schreiben der DAK wird zunächst über neue Leistungen und Angebote berichtet. Erst im zweiten Teil des Briefes berichtet die Kasse von ihrem hohen Beitrag. Im Gegensatz zur HEK weist sie aber transparent auf das Sonderkündigungsrecht des Mitglieds hin, mit dem 31. Januar wird auch das relevante Datum dafür genannt.

Aus Sicht der Kassen ist dieses Verhalten zwar verständlich - laufen ihnen zu viele Mitglieder weg, könnte das einige ins Schlingern bringen, - langfristig hält intransparente Informationspolitik aber auch keine Mitglieder. Grundsätzlich müssen sich sowohl die Kassen als auch die Politik überlegen, wie sie das System langfristig stabilisieren können. Denn eins darf nicht vergessen werden: zuletzt sind aufgrund der hohen Beschäftigung in Deutschland und der steigenden Löhne die Beitragseinnahmen der Kassen wieder gestiegen. Kein Versicherter möchte sich da ausmalen, wie hoch die Zusatzbeiträge werden, wenn nicht nur die Zahl der Rentner steigt, sondern auch noch die Löhne einbrechen und die Arbeitslosigkeit zunimmt.

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