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Gesundheitspolitik Krankenkassen im künstlichen Koma

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Hickhack um Zusatzbeitrag

Ein Arzt geht über den Gang eines Krankenhauses Quelle: AP

Profitieren konnte etwa die HKK, die Versicherten eine Prämie zahlt. Kassenchef Michael Lempe begrüßte 2011 sechs Prozent zusätzliche Mitglieder, vor allem jüngere und gut ausgebildete. „80 Prozent kamen von Kassen mit Zusatzbeiträgen, nicht wenige von der DAK.“ Lempe nimmt in Anspruch, „betriebswirtschaftlich und nicht sozialpolitisch“ zu führen. Sogar Kranke seien manchmal gewinnbringend. „Mit einem gut gebildeten Diabetiker, der die Therapie einhält, lässt sich Geld verdienen.“

Um den Exodus zu stoppen, versuchen alle Kassen, Zusatzbeiträge zu vermeiden (siehe Tabelle). Außer bei den Konkurrenten. So beschwerten sich die anderen Ersatzkassen-Chefs von Barmer GEK, Techniker und KKH-Allianz beim Bundesversicherungsamt über die DAK Gesundheit. Die Wettbewerber bringt in Rage, dass DAK-Chef Rebscher ab April keinen Zusatzbeitrag mehr fordern will. Demnächst wird das zuständige Bundesversicherungsamt darüber entscheiden. Die DAK rechnet mit dessen Zustimmung.

Einige Kassen fordern auch 2012 noch einen Zusatzbeitrag von ihren Mitgliedern, andere erstatten ihnen sogar Geld zurück
KrankenkasseZusatzbeitrag (im Monat, soll eventuell fallen)
BKK Hoesch15 Euro
BKK Publik8 Euro
Diese Kassen wollen den Zusatzbeitrag im Laufe des Jahres streichen (pro Monat)
BKK advita6,50 Euro
BKK Phoenix8 Euro
Deutsche BKK8 Euro
DAK Gesundheit8 Euro
KKH-Allianz8 Euro
Diese Anbieter wollen ihren Versicherten Geld  zurückerstatten (pro Jahr)
BKK A.T.U bis zu 30 Euro 
BKK Wirtschaft & Finanzenbis zu 72 Euro
G & V BKKbis zu 72 Euro
hkkbis zu 60 Euro 
Quelle: eigene Recherchen, Unternehmensangaben

Auf die geschätzt 300 Millionen Euro aus Zusatzbeiträgen könne die DAK aber gar nicht verzichten, moniert die Konkurrenz. Bei einer Schieflage des Hamburger Versicherers müssten per Gesetz alle Ersatzkassen haften. Mancher Kassenchef wettert darum, die DAK sei „das größte Geschäftsrisiko“ für ihn.

Hinweise für Kunden

Vielen Kassen kommt zupass, dass die Bilanzierungspflichten in der GKV im Vergleich zur PKV dürftig sind. Einen guten Hinweis bieten den Kunden aber die Aussagen einer Kasse zu Überschüssen pro Versicherten, die sie im Vorjahr gemacht hat. Dasselbe gilt für den eingestandenen Griff in die Rücklagen. Die Bandbreite liegt zwischen 73 Euro Überschuss pro Kunde bei der Techniker Kasse und 89 Euro Verlust bei der Vereinigten IKK. Verluste wiegen in Anbetracht des gesetzlich zugestandenen Verschleierungspotenzials besonders schwer. In der Tabelle auf Seite 95 finden sich die Angaben dazu von 28 Kassen, die rund 60 der 70 Millionen GKV-Kunden versichern. Auffällig sind auch die, die auf unsere Anfrage nicht antworteten.

Kritik an den Krankenkassen wecken deren Verwaltungskosten. Die im Schnitt ausgewiesenen rund fünf Prozent sind aus Sicht der Kassenaufsicht akzeptabel. Die Unternehmensberatung A.T. Kearney kam dagegen in einer – nicht unumstrittenen – Studie zum Ergebnis, durch Auslagerung von Verwaltungsaufgaben an die Ärzte und Krankenhäuser würden wahre Kosten verschleiert. Zu offiziell 9,5 Milliarden Euro kämen 18 Milliarden Euro hinzu. So müssten Klinikärzte und Praxismediziner viel Zeit mit Verwaltung und Abrechnung zubringen. Würde gespart, ließe sich der Beitragssatz von 15,5 auf 14,2 Prozent senken.

Sparen auf Verwaltungsebene

Gesundheitsökonom Boris Augurzky vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) argumentiert, für die Abläufe in Kliniken und Praxen seien nicht nur Kassen verantwortlich. Luft gebe es aber in der Verwaltung: „Da ließe sich wahrscheinlich eine Milliarde Euro sparen.“

Bedeutender sei aber, dass viele Versicherte auf den Kassenwechsel verzichten, seit kaum mehr Zusatzbeiträge anfielen und so die Kassen weniger Anreiz hätten, sich in ihren Leistungen zu unterscheiden. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mäkelt, die Regierung habe den Wettbewerb ausgebremst: „Der Gesundheitsfonds ist üppig gefüllt, und die Gesamtausgaben der Krankenkassen werden zu 100 Prozent gedeckt.“ 2010 hätten viele Kassen Extra-Cash verlangt, und jeder zehnte Betroffene habe gewechselt – das habe die Unternehmen verbraucherfreundlicher und effizienter gemacht.

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