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Gesundheitsreform Gesetzlich Versicherte: Ein bisschen privat dank Wahltarifen

Seit knapp einem Jahr können gesetzlich Versicherte mit Wahltarifen sparen oder aufrüsten. Das lohnt sich längst nicht immer.

Oberarzt bei einer Bettvisite: Quelle: dpa-dpaweb

Wie hält man fünf Millionen Gutverdiener davon ab, sich aus der Solidargemeinschaft der gesetzlichen Kassen in die Komfortzone private Krankenversicherung davonzuschleichen? Vermeintlich einfach: Indem man den Gesetzlichen ein bisschen vom Flair der Privaten gestattet. Seit der letzten Gesundheitsreform im April 2007 dürfen nun auch gesetzliche Krankenversicherungen (GKV) ihren Mitgliedern Tarife mit Selbstbehalt oder Rückerstattung anbieten. Sogar am Procedere „Kostenerstattung“, bisher nur von den Privaten bekannt, dürfen GKV-Kunden nun teilhaben: Der Patient entlohnt seinen Arzt selbst und holt sich das Geld – so gut es denn geht – von der Kasse zurück. Im Gegenzug bekommt er leichter Termine, darf der Doktor doch höher abrechnen.

118 Kassen bieten inzwischen diese sogenannten Wahltarife zu unterschiedlichsten Konditionen und mit unterschiedlichstem Nutzwert an. Wohlgemerkt: Mit den ebenfalls von den Gesetzlichen angebotenen Zusatzversicherungen beispielsweise für Zahnbehandlungen, Reiseschutz oder Chefarztbehandlung hat das nichts zu tun. Bei den Wahltarifen geht es vor allem ums Beitragsparen, mehr Leistung gibt es nicht. Die neue Freiheit ist ein Dschungel: Jede Kasse kann alle gesetzlichen Spielarten in ihren Kosten und Leistungen variieren, das Ganze gerne noch gestaffelt nach dem Einkommen der Versicherten. Mit voller Absicht sind die Tarife schwer vergleichbar.

Immerhin: Das Bundesversicherungsamt muss alle Tarife genehmigen. Es klärt vor dem Start, ob sie sich alleine tragen, also nicht von der Versichertengemeinschaft der jeweiligen Kasse subventioniert werden müssen. „Bis auf leichte Einschränkungen war das bisher kein Problem“, sagt Behördensprecher Theo Eberenz.

Tabelle Krankenkassen Wahltarife Quelle: WirtschaftsWoche-Grafik

Hier die wichtigsten Angebote:

Selbstbehalttarif

Prinzip: Eine Wette auf die eigene Gesundheit, geeignet vor allem für Junge und Kerngesunde.

Wer am Ende des Kalenderjahres einen Teil seiner Behandlungskosten selbst bezahlt hat, wird mit einer Prämie oder Bonus genannten Vergünstigung belohnt. So rechnet die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) vor: Akzeptiert ein freiwillig Versicherter – er dürfte mit seinem jährlichen Einkommen von mehr als 48 150 Euro zu den Privaten wechseln – bei der KKH 580 Euro Selbstbehalt, bekommt er eine Prämie von 500 Euro. Soll heißen: Kostete er der Kasse im Kalenderjahr nur 200 Euro – mehr fiel nicht an oder den Rest zahlte er selbst – fließen die restlichen 300 Euro in seine Tasche. Verursacht er höhere Kosten, muss er davon 580 Euro selbst tragen.

Bei vielen Anbietern variieren Selbstbehalt und Prämie nach Einkommen. Vorsicht in den höheren Gehaltsgruppen: Bei einigen Tarifen kann der Selbstbehalt so hoch werden, dass die Kosten ausufern.

Nicht auf den Selbstbehalt angerechnet werden per Gesetz Kosten für Vorsorgeuntersuchungen, Schutzimpfungen und den jährlichen Zahn-Check. In der Praxis hat die Vorsorge einen Haken: Oft rechnet der Arzt zusätzlich eine Beratung ab – das kostet dann Prämie oder Bonus.

Familienversicherte sind ein Fall fürs Kleingedruckte: Je nach Anbieter dürfen auch Gatte/Gattin und volljährige Kinder ein Jahr lang die Kasse nicht behelligt haben. Möge das gut gehen.

Die beiden letzten Punkte gelten auch für den Rückerstattungstarif.

Rückerstattung

Prinzip: Wer seine Kasse ein Jahr verschont, bekommt eine Pauschale oder einen Monatsbeitrag, maximal 600 Euro, gutgeschrieben; ebenfalls ein Tarif für Junge und Gesunde.

Bei einigen Anbietern ist das Kassenziel nach einem Jahr erreicht, bei anderen nach drei langen Jahren. Beispiel Barmer Ersatzkasse: Nach einem Jahr zahlt sie magere 80 Euro aus, im zweiten sind es 120 Euro, im dritten schließlich 200 Euro.

Kostenerstattung

Prinzip: Schaf im Wolfspelz, denn wo privat draufsteht, ist am Ende doch nur gesetzlich drin. Daniela Hubloher von der Verbraucherzentrale Frankfurt hat dazu eine klare Meinung: „Dieser Tarif ist Augenwischerei, um die gut verdienenden freiwillig Versicherten bei der Stange zu halten.“

Buchführung sollten die dann schon mögen: Anders als sonst in der GKV zahlen sie nicht per Chipkarte und haben dann mit der Rechnung nie wieder zu tun. Sondern sie begleichen die ärztliche Forderung selbst, reichen ihre Forderung bei der Kasse ein, warten, ob die alle Kosten übernimmt und falls nicht, streiten sie sich mit einem Callcenter oder bleiben auf dem Rest sitzen.

Im Gegenzug steigt der Kassenpatient auf zu Doktors Liebling, der ihm dafür – anders als sonst in der GKV – das bis zu 3,5-Fache des üblichen Gebührensatzes in Rechnung stellen darf. Dafür bekommt er schneller einen Termin. Wenn er Glück hat auch beim Promi-Doktor – vorausgesetzt, der hat eine Kassenzulassung.

Nur eines macht der Arzt nicht, warnt Hubloher von der Verbraucherzentrale Frankfurt: „Der Versicherte hat das Gefühl Privatpatient zu sein, aber der Arzt darf ihm keine Leistungen über die der GKV hinaus zukommen lassen. Es sei denn, er zahlt sie zusätzlich selbst. Hinzu kommt, dass der Patient einen Eigenanteil von in der Regel zehn Prozent – auch vom 3,5-fachen Satz – übernehmen muss.“ Zum Teil müssen die Patienten für den Quasi-Privat-Tarif extra zahlen: So sind es bei der Techniker Krankenkasse 40 Euro im Monat für einen 46-Jährigen.

Vorsicht: Wer sich für Selbstbehalt, Rückerstattung oder Kostenerstattung entscheidet, muss auch bei einer Beitragserhöhung für drei Jahre im Tarif und bei der Kasse bleiben. Eine der wenigen Ausnahmen ist Arbeitslosigkeit.

Anders ist es bei der sogenannten integrierten Versorgung, denn nur die schreibt die Gesundheitsreform den Kassen vor.

Integrierte Versorgung

Das Prinzip: Vertraue einem medizinischen Konzept der Kasse und du wirst belohnt. Nützlich vor allem für Kranke, deren Arzt mitzieht.

Gemeint sind unter anderem Programme für chronisch Kranke und Hausarztprogramme, bei denen sich der Versicherte verpflichtet, immer erst ihn aufzusuchen anstatt gleich einen Facharzt heimzusuchen.   Als Anreiz wird meist nur die jährliche Praxisgebühr bis zu 40 Euro erlassen.

Den privaten Krankenversicherungen sind vor allem die Wahltarife zur Beitragsreduzierung ein Dorn im Auge. DKV, Victoria, Hallesche und andere ziehen gerade vors Verfassungsgericht, um höchstrichterlich klären zu lassen, ob die Gesundheitsreform sie ruinös benachteiligt.

Volker Leienbach, Chef des PKV-Verbands, fährt schon mal schweres Geschütz auf: „Offenkundig geht es bei den Wahltarifen in erster Linie um Marketing und wettbewerbsfeindliche Schutzzäune. Dafür verstoßen die Kassen fundamental gegen ihr Solidarprinzip. Die Interessen ihrer Versicherten bleiben außen vor.“

Der Chef-Lobbyist der Privaten geriert sich als Rächer der gesetzlich Versicherten – die Gesundheitsreform macht’s möglich.

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