WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Gesundheitssystem Die Krankenkassen stehen vor einer Fusionswelle

Seite 2/3

Kassensterben

Über die künftige maximale Höhe der Zusatzbeiträge – politisch-euphemistisch zur „Mini-Gesundheitsprämie“ erklärt – berät demnächst eine Regierungskommission. Wahrscheinlich ist, dass die Deckelung auf ein Prozent des Einkommens jedes Versicherten fällt. Das wäre ein weiterer Schritt in Richtung eines Prämiensystems, wie es die FDP möchte und große Teile der CDU auch: Jeder Versicherte zahlt, unabhängig vom Einkommen, einen monatlichen Festbetrag an die Krankenkasse seiner Wahl, dessen Höhe jede Kasse selbst festlegt. Wer wenig verdient, erhält einen Zuschuss aus Steuermitteln. Kassen und Versicherungen konkurrieren mit unterschiedlichen Prämien und Angeboten um die Kunden.

Doch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geht auf Distanz zum Prämienmodell: Gesundheitsminister Philipp Rösler solle „mal schauen“, wie er das „haushaltsneutral“ hinbekomme. Denn der Sozialausgleich über Steuern würde je nach Höhe der Prämie 20 bis 35 Milliarden Euro kosten.

Unterdessen fordern die GKV-Chefs Unterstützung auf der Kostenseite. So verlangt Birgit Fischer, Chefin der Barmer GEK – der frisch fusionierten größten deutschen Krankenkasse mit 8,5 Millionen Versicherten –, ein Ausgabenmoratorium für Pharmaunternehmen und Ärzte, falls die Regierung keine verbindlichen Entscheidungen zur Kostendämpfung trifft. Die Preise würden dann eingefroren.

Doris Pfeiffer als Chefin des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen fordert mehr Abschläge und Rabatte bei Medikamenten, eine Nullrunde für Ärzte und Einsparungen bei den Kliniken. Von unangenehmen Wahrheiten, auf die die Kassen ihre Versicherten einstimmen müssen, spricht sie nicht, zum Beispiel auf die Begrenzung der Leistungen.

Doch bei diesem umbequemen Thema müssten nach Meinung unabhängiger Wissenschaftler und Verbraucherschützer auch die Krankenkassen einhaken. Auf Dauer ist der Versorgungsstandard in Deutschland nur zu halten, wenn die Beiträge massiv steigen, die Gesundheitsleistungen in lebenswichtige und weniger wichtige rationiert werden oder aber höhere Eigenbeteiligungen und unterschiedliche Tarife bezahlt werden.

„Jeder muss sich fragen, ob er mehr für seine Gesundheit tun und mehr selbst finanzieren kann“, sagt Rainer Hess, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses, der festlegt, welche Leistungen die GKV erstattet. „Es geht nicht ohne Einschränkungen, auch wenn das politisch unbequem ist.“ Die FDP kommt diesem Modell nahe, sie möchte das Prämienmodell als obligatorische „Mindestversicherung“ einführen.

Mehr Mut bei Kassenchefs und Politikern wünscht sich der Münchner Gesundheitsökonom Günter Neubauer: „Die Einheitspreise für Gesundheitsleistungen müssen aufgehoben und die Steuerungsmöglichkeiten der Kassen gestärkt werden.“ Auch der Abschied von der Rundum-Versorgung sei nötig: „Es muss eine Dreiteilung in Basisversorgung, Zusatzversicherungen und Wohlfühlleistungen geben.“

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%