WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Hannover-Rück-Finanzchef „Die Zinsen bleiben niedrig“

Der Finanzvorstand des Versicherers Hannover Rück, Roland Vogel, investiert sein Kapital in Anleihen. Wie er Renditeverfall und Inflation meistert. Und warum er Aktien als Profi meidet, aber als Privatmann empfiehlt.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Roland Vogel, Finanzvorstand des Katastrophenspezialisten Hannover Rück: Trotz des weiter gesunkenen Zinsniveaus übertraf die Kapitalanlagerendite für die selbstverwalteten Kapitalanlagen 2012 mit 4,3 Prozent den Zielwert von 3,5 Prozent merklich. Quelle: Pressebild Hannover Rück

Bergisch-Gladbach Herr Vogel, Sie verantworten bei der Hannover Rück Kapitalanlagen von 31 Milliarden Euro. Was tun Sie, wenn Sie mal schnell Geld benötigen, weil irgendwo auf der Welt ein großes Unglück passiert ist?
Dafür haben wir Reserven. Für Naturkatastrophen oder andere Verpflichtungen sollte ein Teil der Anlagen jederzeit verfügbar sein, damit wir kurzfristig reagieren können. Etwa 2 Milliarden Euro planen wir dafür ein.

Und was passiert mit dem Rest?
Das Kapital wird so investiert, wie die Verbindlichkeiten laufen. In der deutschen Haftpflicht geht es da um Zeiträume von 20 bis 30 Jahren. Im Lebensversicherungsgeschäft in England sind es dagegen nur 10 Jahre. Noch vorsichtiger sind wir beim Naturkatastrophengeschäft von Bermuda aus, da planen wir nur mit anderthalb Jahren Anlagehorizont. Über das gesamte Portfolio hinweg sind die Anlagen im Schnitt etwas über vier Jahre lang gebunden.

Sie investieren rund 90 Prozent in Zinstitel. Für vierjährige Staatsanleihen mit guter Bonität gibt es aber doch nichts. Schaffen Sie mehr als ein Prozent Rendite?
Zum Glück! Die Rendite des festverzinslichen Portfolios liegt aktuell sogar bei 3,4 Prozent. Um noch etwas rauszuholen, stecken wir zwei Prozent in privates Beteiligungskapital (Private Equity), weitere zwei Prozent sind in Immobilien investiert. Dennoch: Mit jedem Euro, der neu angelegt wird, geht die Rendite nach unten. Wir verlieren im Jahr 0,15 bis 0,2 Prozentpunkte.

Vor einiger Zeit lag ihre Zielrendite noch bei 4,2 Prozent. Wie weh tut Ihnen dieser Renditeverfall?
Schön ist es nicht, aber im Gegensatz zu Lebensversicherungen können wir daran etwas ändern. Da wir viele unserer Konditionen einmal im Jahr neu verhandeln, können wir die aktuellen Zinsen jeweils neu berücksichtigen. Mit anderen Worten: Das risikominimale Zinsniveau – also die Rendite der Staatsanleihen – geht in die Margen ein. Damit muss jeweils das aktuelle Zinsniveau bei der Berechnung unserer Margen berücksichtigt werden.

Die Aktienkurse sind im vergangenen Jahr ordentlich gestiegen. Dennoch besitzen Sie derzeit keine börsennotierten Aktien. Warum?
Wir sind mal ganz ausgestiegen, dann wieder eingestiegen und schließlich wegen der allgemeinen Unsicherheit rund um das Atomunglück in Japan wieder ausgestiegen. Unser Problem mit Aktieninvestments sind die Kapitalanforderungen. Ratingagenturen verlangen bei Aktien deutlich höhere Rücklagen als bei Anleihen. Um etwa nach dem Modell der Ratingagentur Standard & Poor’s eine vergleichbare Eigenkapitalrendite zu erziehen, müssen wir mit Aktien zehn Mal so viel erwirtschaften wie mit Unternehmensanleihen, die über fünf Jahre laufen und mit „A“ geratet sind.


"Die niedrigen Zinsen tun den Lebensversicherern weh."

Die Kapitalregeln von Aufsehern und Ratingagenturen machen Aktien uninteressant?
Ja, das ist so. Die Anlage in Aktien muss mindestens zweistellige Renditen bringen, damit sich das lohnt. Eine Garantie auf zweistellige Renditen gibt mir jedoch keiner.

Was halten Sie denn von Prognosen, dass die Aktienkurse weiter deutlich hoch gehen und der Dax bald 10.000 Punkte erreichen könnte?
Ich bin da noch skeptisch. Aus meiner Sicht sind Aktien fundamental richtig bewertet, wenn man etwa auf Kennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis oder das Kurs-Buchwert-Verhältnis schaut. Aber dass der Dax bald 10.000 Punkte erreicht, da bin ich nicht überzeugt.

Sie gehen lieber auf Nummer sicher und setzen weiter auf Zinstitel?
Ja, einerseits sind die hohen Kapitalanforderungen und unser Verbindlichkeiten-Profil zu beachten. Andererseits sind wir nach der Rallye im vergangenen Jahr noch vorsichtig, bei so hohen Kursen einzusteigen.

Und wenn die Aktienkurse einbrechen?
Das halte ich für möglich. Sollte es eine Korrektur am Aktienmarkt geben, dann würden wir dies eventuell zu einem Einstieg nutzen.

Viele ihrer Kunden in der Versicherungsbranche leiden unter den tiefen Zinsen. Lebensversicherungen senken ihre Gutschriften und könnten in einem halben Dutzend von Jahren noch mehr Probleme bekommen, fürchten manche. Wie gehen Sie damit um?
Die niedrigen Zinsen tun den Lebensversicherungen weh. Uns trifft dies jedoch nicht, weil wir dieses Marktrisiko als Versicherer von Versicherern nicht übernommen haben. Wir werden das auch nicht tun.

Fast die Hälfte ihres Geschäfts machen Sie aber doch mit Lebensversicherungen?
Ja, aber dies bezieht sich auf andere Themen. Wir sichern das Risiko ab, dass die Versicherten länger leben, dass Verträge storniert werden oder dass Menschen krank werden.

Weil man dies besser kalkulieren kann als die Zinsentwicklung?
Genau! Wenn wir den Lebensversicherungen auch das Risiko sinkender oder steigender Zinsen abnehmen würden, hätten wir sicher einen großen Markt. Doch dies ist nicht der Kern unseres Geschäfts. Wir sind keine Bank.


"Die Rendite unseres Portfolios wird weiter sinken."

Dennoch profitieren Sie davon, wenn Lebensversicherungen Probleme haben?
Ja, denn es bringt womöglich Geschäft, wenn die Bilanz eines Lebensversicherers wegen der Zinsentwicklung zum Beispiel unter Stress gerät. Denn dann suchen solche Unternehmen oft nach Wegen, um ihre Bilanz zu entlasten.

Das hört sich wie Leichenfledderei an?
Ist es aber nicht, wir waren schon immer fokussiert, Versicherungsrisiken wie Langlebigkeit, Storno oder Krankheit zu übernehmen und unseren Kunden Lösungen zu bieten, die sie von Risiken entlasten.

Jeder in der Branche wünscht sich einen langsamen Zinsanstieg. Ist das realistisch?
Im Moment können wir damit nicht rechnen. Wir gehen davon aus, dass die Zinsen niedrig bleiben.

Die Rendite ihres Milliarden-Portfolios wird also weiter sinken?
Darauf stellen wir uns ein. Wenn der Renditerückgang 0,15 bis 0,2 Prozentpunkte pro Jahr beträgt, bringen unsere Kapitalanlagen in drei Jahren nur noch 2,8 Prozent. Ist das schön? Nein! Gefährdet das unser Geschäftsmodell? Ebenfalls nein!

Viele private Anleger haben Angst vor Inflation. Sie auch?
Wir haben Reserven gebildet, um Schäden in der Zukunft bezahlen zu können. Die damit verbundenen Kosten unterliegen der Inflation. Im Schnitt sichern wir daher derzeit einen Teil der Reserven mit einer Inflationsrate von 2,2 Prozent über Inflationsswaps und inflationsgesicherte Anleihen  ab. Niedrige Zinsen und Inflation belasten uns also.


"Als Privatanleger muss man niedrige Zinsen akzeptieren."

Und wenn die Inflationsrate auf drei oder vier Prozent stiege?
Wir haben uns auch mit der Möglichkeit beschäftigt, dass die Preissteigerungsrate vier Jahre lang um drei oder vier Prozentpunkte über der normalen Inflationsrate liegen würde, also absolut bei fünf bis sechs Prozent läge. Das würde uns etwa eine Milliarde Euro kosten, die Hälfte davon haben wir abgesichert.

Das entspricht in etwa einem Jahresgewinn.
Nein, eher einem halben Vorsteuerjahresgewinn und dies über 4 Jahre verteilt, wobei man berücksichtigen sollte: Wie realistisch solch ein Szenario ist, darüber kann man lange streiten.

Was würden Sie Privatanlegern raten? Wo sollen Sie angesichts der Tiefzinsen hin mit ihrem Geld?
Das werde ich tatsächlich häufiger gefragt. Tipps wären unseriös. Allerdings ist es mir wichtig, auf folgendes hinzuweisen: Im privaten Bereich gelten andere Regeln, es gibt keine Regulierung, keine Ratingagenturen und meist keine festen Verbindlichkeiten. Grundsätzlich ist daher die Aktie immer noch ratsam.

Ihr professionelles Verhalten ist also kein Vorbild für Privatanleger?
Hier geht es um unterschiedliche Dinge. Eines gilt aber für den Profi wie den Privatmann: Ich glaube zudem, dass man auch als Privatanleger für einen gewissen Zeitraum niedrige Zinsen akzeptieren muss. Es wäre nicht ratsam, ein höheres Ertragsniveau mit mehr Risiko verzweifelt zu verteidigen. Da bin ich geschäftlich wie privat einer Meinung.”

Herr Vogel, vielen Dank für das Interview.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%