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Hedgefonds & Co. Die dunkle Macht der Schattenbanken

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Mario Draghi Quelle: dpa

Doch den Worten folgten bisher keine Taten. Die Politik verschleppte die Regulierungsbemühungen während der Finanzkrise. Erst Ende 2010 beauftragte die G20, die Gruppe der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, den sogenannten Financial Stability Board (FSB) damit, Vorschläge zur Definition, Kontrolle und Regulierung der Schattenbanken auszuarbeiten. Im November soll das Gremium, das vom künftigen EZB-Präsidenten Mario Draghi geleitet wird, seine Empfehlungen präsentieren; eine erste Fassung will der FSB noch diesen Sommer vorlegen. In einem Zwischenbericht hat das Board kürzlich erst einmal ausgeleuchtet, wer überhaupt alles zu der vielgestaltigen und stetig wachsenden Schar in der Grauzone des Finanzsystems gehört.

Die Finanzaufseher konnten sich dabei nur auf eine recht allgemeine und unhandliche Definition einigen. Den Kern des Schattenbankensystems stelle die „Kreditvermittlung unter Beteiligung von Institutionen und Aktivitäten außerhalb des Bankensystems“, die „systemische Risiken“ hervorrufen könnten, stellt der FSB fest. „Vereinfacht ausgedrückt, richtet sich der Scheinwerfer der internationalen Finanzaufseher damit auf alle Nichtbanken, die direkt oder indirekt an einer Kredit-vergabe beteiligt sind. Das sind zum Beispiel Hedgefonds und Geldmarktfonds“, erläutert Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret.

Auf Absturz programmiert

Wolfgang Hartmann, Ex-Vorstand der Commerzbank und Chef des Frankfurter Instituts für Risikomanagement und Regulierung (FIRM), rechnet zu den Schattenbanken neben Private-Equity-Gesellschaften und Vermögensverwaltern auch Staatsfonds und Broker. Eine wichtige Rolle spielten in der Finanzkrise zudem Zweckgesellschaften (Special Investment Vehicles, SIV), die unter anderem die berüchtigten amerikanischen Subprime-Hypotheken verpackten oder einlagerten. Deren Konstruktion und die darin liegenden Schulden hatten einige Banken und Schattenbanken bis zur Unkenntlichkeit verschleiert und außerhalb der Bilanz geführt – etwa die Düsseldorfer IKB, die 2007 ohne milliardenschwere Staatshilfe bankrott gegangen wäre. Das Geschäftsmodell der SIV war – zumindest in den Jahren vor der Finanzkrise – auf Crash programmiert: Meist finanzierten sich die Zweckgesellschaften kurzfristig, um langfristige, illiquide und riskante Wertpapiere zu kaufen. Dies musste im Desaster enden, als die Kurzfristzinsen stiegen.

Warum die tollkühnen Schattenspieler jetzt einen neuen Boom erleben, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Treiber ist die Reform der Finanzmärkte, mit der eigentlich die Macht der Banken gebändigt werden soll. Riskante Geschäfte, die die regulierten Kreditinstitute künftig nicht mehr betreiben wollen oder dürfen, werden zunehmend von anderen Finanzakteuren übernommen, die frei von den Fesseln einer Kontrolle agieren können. Die US-Finanzmarktreform verbietet nämlich Banken künftig das Spekulieren auf eigene Rechnung.

Milliarden aus dem Stand

Deren Händler machen sich deshalb nun aus dem Staub. Bei Goldman Sachs verabschiedete sich Chefhändler Pierre-Henri Flamand. Er gründete einen eigenen Hedgefonds namens Edoma – und bekam dafür von den Investoren vom Fleck weg eine Milliarde Dollar Startkapital. Noch mehr sammelte sein Ex-Goldman-Kollege Morgan Sze mit dem Hedgefonds Azentus Capital Management ein: 1,9 Milliarden Dollar.

Anfang April verließen gleich acht Händler die Deutsche Bank in London. Sie wollen ebenfalls einen neuen Hedgefonds gründen; er soll „Avantium Investment Management“ heißen und sich auf Schwellenländer konzentrieren. Allein von Januar bis Mai 2011 wurden nach Recherchen von Eurekahedge weltweit 200 neue Hedgefonds gegründet. Bis Ende des Jahres könnten die Hedgefondsvermögen weiter um gut zwölf Prozent auf 2,25 Billionen Dollar steigen, ergab eine Umfrage der Deutschen Bank bei 500 internationalen Investoren.

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