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HRI-Studie Bert Rürup: Die Alterung bringt den Wohlstand in Gefahr

Deutschland steht vor einem demografischen Knick. Die Rente für Millionen Bürger ist in Gefahr, und damit ihr Lebensstandard, zeigt eine Studie, die der Altersvorsorge-Experte Bert Rürup nun vorstellte.

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Bert Rürup hat die Studie

Die Deutschen leben derzeit in einer Illusion der Ruhe. Weil momentan nur relativ schwache Nachkriegsjahrgänge in Rente gehen, erlebt die Bundesrepublik eine "demografische Pause", erklärte der Altersvorsorge-Experte und ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup bei der Vorstellung der Studie "Zukunft der Altersvorsorge". Die Studie wurde im Auftrag der GDV vom „Handelsblatt“ Research Institute (HRI) in Zusammenarbeit mit der Schweizer Prognos AG erstellt. Rürup ist auch der Präsident des HRI.

Die trübe Prognose der Untersuchung: Deutschland steht vor einem demografischen Knick, der noch vor 2020 deutlich zu spüren sein soll. Ab 2030 verstärkt sich der Knick, weil dann die besonders geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Mitte des Jahrhunderts müssten dann 100 Personen im erwerbsfähigen Alter für 61 Personen im Rentenalter aufkommen. "Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen in Deutschland geht bis Mitte des Jahrhunderts unabänderlich zurück", sagte Rürup. Den Forschungen zufolge wird es bis 2050 nur noch 36 Millionen Erwerbstätige geben (aktuell: rund 41 Millionen).

Schwarz-Rote Kompromisse
Gesundheits- und PflegepolitikMit Zustimmung der Parteivorsitzenden vereinbarten die Fachpolitiker, dass der von Krankenkassen erhobene Zusatzbeitrag künftig nicht mehr pauschal, sondern einkommensabhängig erhoben wird. Der allgemeine Beitragssatz soll bei 14,6 Prozent fixiert werden. Heute liegt der Beitragssatz bei 15,5 Prozent. Der Arbeitgeberbeitrag wird bei 7,3 Prozent eingefroren. Der Pflegebeitragssatz soll spätestens zum 1. Januar 2015 um 0,3 und später um weitere 0,2 Prozentpunkte erhöht werden. Gefahr: Ein Sozialausgleich aus Steuermitteln ist anders als bei den pauschalen Zusatzbeiträgen nicht mehr vorgesehen. Klamme Krankenkassen könnten mit den Beiträgen nicht auskommen. Folgen: Kassenmitgliedern könnten zusätzliche Lasten aufgebürdet werden. Einzelne Kassen in Finanzsorgen könnten von ihren Mitgliedern einen prozentualen Zusatzbeitrag verlangen. Quelle: dpa
Die Ziffern 8,50, symbolisch fuer die Forderung eines Mindestlohns von 8,50 Euro, stehen in Berlin vor dem Bundeskanzleramt bei einer Aktion des Duetschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Quelle: dapd
Ein Mitarbeiter des Autobauers Mercedes Benz hält am 24.02.2011 in Sindelfingen vor dem Werk ein Plakat mit der Aufschrift «Gleiche Arbeit? Gleiches Geld!» in die Höhe. Quelle: dpa
Zwei Rentner sitzen mit einer jüngeren Dame auf einer Bank am Ammersee. Quelle: dapd
Eine alte Dame sitzt in einem Seniorenheim in Berlin-Kreuzberg und hat Geldscheine in den Händen. Quelle: dpa
Eine Mutter hält beim Kochen ihr Kleinkind auf dem Arm. Quelle: dpa
Stromleitungen und Windkraftanlagen stehen vor dem Kohlekraftwerk in Mehrum (Niedersachsen) Quelle: dpa

Die Studie kommt zu dem wenig überraschenden Ergebnis, dass die Rentenbeiträge zusätzlich durch die aktuelle Rentenpolitik der schwarz-roten Bundesregierung in den nächsten Jahren steigen und das Rentenniveau gleichzeitig stärker zurückgehen werde als erwartet.

Als Folge der Mütterrente und der abschlagsfreien Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren dürfte der Beitrag bis 2030 auf 22,7 Prozent steigen und bis 2050 auf etwa 25 Prozent, so die Berechnungen. Die schwarz-rote Rentenpolitik drehe Erfolge der Rentenreformen der vergangenen 10 bis 20 Jahre zurück, kritisieren die Forscher. Der GDV warf der Bundesregierung vor, das derzeitige „demografische Zwischenhoch für langfristige Leistungsausweitungen zu „missbrauchen“.

Bürger unterschätzen die Altersvorsorge-Lücke

So klappt's mit der Frührente
Die Zeitschrift Finanztest hat untersucht, wie Arbeitnehmer mit den geringsten Einbußen in den Vorruhestand gehen können. Die Experten raten vor allem zur rechtzeitigen Planung: "Überlegen Sie mit Mitte 50, wann sie in Rente gehen möchten, ob Sie sich einen vorgezogenen Ruhestand leisten können und welche Variante des Vorruhestands infrage kommt", heißt es in dem Bericht. Außerdem sollten sich Arbeitnehmer rechtzeitig in der Personalabteilung oder bei den Vorgesetzten erkundigen, ob beispielsweise eine Altersteilzeit möglich ist. Besonders wichtig ist, dass Arbeitnehmer anhand betrieblicher und privater Vorsorge ihr späteres Alterseinkommen berechnen und überprüfen, ob sie eventuelle Abschläge bei der gesetzlichen Rente verkraften können. Quelle: Fotolia
Grundsätzlich gibt es den Vorruhestand so gut wie nie ohne Einbußen. Pro Monat, den ein Arbeitnehmer früher in Rente geht, werden ihm 0,3 Prozent der Bezüge abgezogen. Wer also anderthalb Jahre eher in Pension geht, als er sollte, muss auf 5,4 Prozent seines Ruhegeldes verzichten. "Vor allem Rentner mit durchschnittlichem und unterdurchschnittlichem Einkommen werden die Einschnitte bei der Altersrente schwer verkraften, wenn sie keine zusätzliche Einkünfte haben", heißt es bei Finanztest. Quelle: Fotolia
Der beste Weg in den Ruhestand ist laut Finanztest die Altersteilzeit. Diese Regelung kann in Anspruch nehmen, wer das 55. Lebensjahr vollendet hat und innerhalb der letzten fünf Jahre vor Beginn der Altersteilzeit mindestens 1.080 Kalendertage in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt hat. Wie die jeweilige Arbeitszeitregelung gestaltet wird, muss jeder Arbeitnehmer mit seinen Vorgesetzten absprechen. Es gibt zwei unterschiedliche Modelle... Quelle: Fotolia
S90 Prozent der Vorruheständler nutzen das Blockmodell, bei dem die verbleibenden Jahre bis zum eigentlichen Rentenbeginn in zwei große Blöcke geteilt werden. Während des ersten Blocks arbeitet man quasi vor, also Vollzeit aber nur für die Hälfte vom Gehalt. In der Regel stockt der Arbeitgeber das halbierte Gehalt um bis zu 20 Prozent auf in der Metall- und Elektroindustrie werden sogar 85 bis 89 Prozent des regulären Lohns gezahlt. Trotz des halben Gehalts zahlt der Arbeitgeber weiterhin die Beiträge zu Renten- und Krankenversicherung. Und zwar so, als bekäme der Arbeitsnehmer 90 Prozent seines ursprünglichen Gehalts. Die Einbußen bei der Rente sind also entsprechend gering. Im zweiten Block bleibt der Arbeitnehmer dann ganz zuhause, bezieht aber weiterhin sein halbes Gehalt. Quelle: Fotolia
Die übrigen zehn Prozent reduzieren ihre Arbeitszeit bis zum Renteneintritt und arbeiten beispielsweise nur noch halbtags oder nur noch mittwochs und donnerstags. Wer diese Form der Altersteilzeit in Anspruch nimmt, geht aber nicht früher in Rente, er arbeitet nur weniger. Beide Modelle werden unter Umständen von der Arbeitsagentur gefördert. Quelle: Fotolia
Was Menschen in der Altersteilzeit nicht vergessen dürfen ist, dass sie weiterhin bei ihrem Unternehmen beschäftigt sind und dementsprechend gekündigt werden können, falls das Unternehmen beispielsweise pleite geht. Quelle: Fotolia
Wer bereits sehr lange arbeitet und entsprechend lange in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlt, kann sich entspannt zurücklehnen und ohne Abschläge vorzeitig in den Ruhestand gehen. Wer seit 45 Jahren einzahlt, kann bedenkenlos mit 65 Jahren in Rente gehen. Quelle: Fotolia

Die Experten kommen außerdem zu dem Ergebnis, dass die Auswirkungen der alternden Gesellschaft noch immer von vielen Bürgern unterschätzt wird. Zudem seien viele nur schlecht über die eigene Altersvorsorge informiert und könnten so auf Lücken auch gar nicht angemessen reagieren. Die Bürger sollten nach dem Willen von Versicherern einen besseren Überblick über ihre Ansprüche bekommen. Nur bei regelmäßigen Informationen aller Versicherungsträger könnten mögliche Lücken in der gesetzlichen, privaten und betrieblichen Vorsorge besser erkannt werden, erläuterte der Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Alexander Erdland, am Dienstag in Berlin. Eine solche umfassende Information der Verbraucher ist allein schon aus Datenschutzgründen derzeit noch schwierig.

Bisher gebe es lediglich für die gesetzliche Rentenversicherung regelmäßige Auskunft über die künftigen Ansprüche. Im Zeitalter des Internets sollten Politik und Versicherungswirtschaft den Versicherten aber einen Gesamtüberblick ermöglichen, sagte Erdland. Sein Verband sei dazu grundsätzlich bereit. Allerdings müssten in diesem Fall sehr viele Anbieter zusammenarbeiten. Erdland verwies auf andere Länder, wo es solche umfassenden Renteninfos schon gebe. Dort gebe es eine Bürgernummer für das Rentensystem, ähnlich der deutschen Steuernummer. Die Steuernummer könnte jedoch nicht für das Rentensystem genutzt werden. Nach der Information des Versicherungsnehmers sollen diese Daten wieder gelöscht werden.

Vorsorge



Der Rentenexperte Rürup sagte bei der Vorstellung seiner Studie eine "Renaissance" der betrieblichen Altersvorsorge in den nächsten Jahren voraus. Als Begründung verwies er auf den zunehmenden Fachkräftemangel. Vor diesem Hintergrund komme es Betriebe günstiger, dem beworbenen Mitarbeiter eine betrieblichen Altersvorsorge anzubieten, als entsprechend einen höheren Lohn zu zahlen. Die deutschen Betriebsrenten seien die sichersten der Welt.

Rürup und die Versicherer werben für den Ausbau der kapitalgedeckten - der betrieblichen und der privaten - Altersvorsorge. Die Förderhöchstbeträge im Rahmen der Riester-Rente sollten angehoben und künftig dynamisch angepasst werden. Sie lägen seit zwölf Jahren bei 2100 Euro. Grundsätzlich aber bleibe eine Mischform aus Umlage- und Kapitaldeckung der „richtige Weg“. Daran ändere auch die derzeitige Niedrigzinsphase nichts.

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