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Kapitalanlage Zinsen pushen Vorsorgebeiträge

Normalerweise kennt die Versicherungsbranche keine Geldsorgen. Aber einige Privatversicherer bekommen zu wenig Rendite auf ihre Anlagen. Die Folge könnten Beitragserhöhungen sein. Den Betriebsrentenfonds droht ähnliches.

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Rentner auf der Parkbank Quelle: dpa

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat das deutsche Rentensystem gelobt: Die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 im Zuge der Haushaltskonsolidierung "ist zu begrüßen", schrieb die OECD in ihrem Rentenausblick 2012. Besonders das System Riester hat es der OECD angetan: "Das deutsche Riester-Modell wird in dem OECD-Bericht als Beispiel für einen erfolgreichen Absicherungsplan angeführt", hieß es seitens der Organisation. So viel zu den guten Nachrichten.

Denn gerade über der privaten Absicherung braut sich etwas zusammen. Im vergangenen Jahr haben private Krankenversicherer für ihre Kapitalanlagen weniger als vier Prozent Zinsen bekommen. Das ist problematisch, denn die Privaten kalkulieren mit einem Rechnungszins von 3,5 Prozent für ihre Alterungsrückstellungen, wie die Börsenzeitung berichtet. Dieser Zinssatz gibt an, wie hoch die Verzinsung pro Jahr ausfallen muss, damit die Versicherer Beitragsstabilität und Leistungsversprechen halten können. Laut Paragraph vier der Kalkulationsverordnung darf die Verzinsung der Rückstellungen 3,5 Prozent nicht übersteigen. Ansonsten wären stabile Versicherungsbeiträge in Gefahr.

Gesamte Vorsorgebranche leidet

Dieses Problem haben aber nicht nur die privaten Krankenversicherer, sondern alle Assekuranzen, die die Beiträge ihrer Kunden am Markt anlegen. Allerdings sind bei Lebens- und Rentenversicherern nicht die Beiträge betroffen, sondern die Renditen. Dementsprechend liegt das Problem bei diesem Teil der Branche in der Differenz zwischen Kapitalmarktzins und der zu zahlenden Rendite. Wie die WirtschaftsWoche Online berichtete, suchen deshalb einige Rentenversicherer nach Alternativen für ihr Portfolio, um ihren Kunden weiterhin attraktive Renditen bieten zu können. Anleihen bringen nicht genug, Aktien gelten als zu unsicher. Senken die Versicherer deshalb die Höhe der Auszahlungen, verlieren die Vorsorgeprodukte an Attraktivität. Der finanzpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Volker Wissing, warnte in diesem Zusammenhang schon vor einer "Gefährdung der Altersvorsorge." Und der Finanzexperte der Unions-Fraktion im Bundestag, Klaus-Peter Flosbach, orakelte: "Noch profitieren die Versicherer von ihren Altanlagen, aber die laufen irgendwann aus."

Erzwungene Zinssenkung für PKV

Wo die Deutschen ihr Vermögen anhäufen
Immer reicherDas Vermögen der Deutschen wächst und wächst. Seit Jahrzehnten steigert sich das Geldvermögen der Privathaushalte fast stetig - zuletzt gab es zu Beginn der Finanzkrise 2008 eine Delle in der Kurve. Nach der Wiedervereinigung lag das Geldvermögen noch bei 1,751 Billionen Euro, fünf Jahre später hatte es schon einen Wert von vier Billionen Euro. 2011 stieg das Vermögen um rund 57 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr an. Die positive Konjunktur und die stabile Lage am Arbeitsmarkt hätten das verfügbare Einkommen gesteigert und damit die Vermögensbildung begünstigt, erklärten die Währungshüter. Gebremst wurde die Entwicklung durch Kursverluste an den Kapitalmärkten Quelle: ap
Bargeld und SichteinlagenDen größte Teil des Vermögens der deutschen Privathaushalte liegt noch immer auf dem Konto und in Bargeld vor. Fast zwei Billionen Euro in Geldnoten und Sichteinlagen befindet sich im Besitz der Deutschen. Rund 608 Milliarden Euro davon waren im vergangenen Jahr in Spareinlagen angelegt, berichtet die deutsche Bundesbank. Quelle: gms
TermingelderZugelegt im Bereich der Sichteinlagen haben erstmals seit Beginn der Finanzkrise im Herbst 2008 das Volumen bei Termineinlagen. Mit 280,5 Milliarden Euro haben Deutsche in diesem Jahr 18 Milliarden Euro mehr in den kurz- und mittelfristigen Anlagen bei Banken und Geldinstituten angelegt. Hintergründe sind laut Bundesbank die wieder größere Zinsspanne im Vergleich zu den täglich fälligen Einlagen und die schwindende Rendite bei festverzinslichen Wertpapieren. Quelle: ap
VersicherungenAuch die Versicherer vom wachsenden Vermögen. Neben den Banken sind sie die größten Verwalter: Mit fast 1,4 Billionen Euro Ansprüchen der Versicherten ist ein Großteil des Geldes bei ihnen angelegt. Im Vergleich zum Vorjahr wuchs 2011 das Vermögen, das insbesondere in langfristigen Produkten wie Lebensversicherungen angelegt ist um 45 Milliarden Euro. Quelle: dpa
AktienAn der Börse hingegen sind die Deutschen vorsichtiger geworden. 2010 lagen noch 243,5 Milliarden Euro des Vermögen der deutschen Privathaushalte in Aktien, ein Jahr später sind es nur noch 221,4 Milliarden Euro - rund 22 Milliarden Euro weniger. Quelle: dapd
ZertifikateZertifikate locken auch wegen des höheren Risikos mit mehr Erträgen im Vergleich zu Aktien. Bei den Deutschen siegte jedoch die Vorsicht: Auch das Vermögen in Zertifikaten ging deutlich zurück. Während 2010 noch rund 435 Milliarden Euro des Vermögens der deutschen Privathaushalte in Investmentzertifikate angelegt war, sind es 2011 nur noch knapp 395 Milliarden Euro (minus 40 Milliarden). Das lässt sich zum Teil auch durch die teils hohen Kursverluste erklären. Quelle: dpa
Festverzinsliche Wertpapiere247 Milliarden Euro befinden sich in festverzinslichen Wertpapieren wie Schuldbriefe oder Anleihen. Ein Jahr zuvor waren das mit 259,6 Milliarden Euro noch ein wenig mehr. Quelle: dpa

Um frühzeitig festzustellen, welche Gesellschaften in ihr finanzielles Unheil laufen, hat die BaFin für die privaten Krankenversicherer das sogenannte AUZ-Verfahren (Aktuarieller Unternehmenszins) ins Leben gerufen. Dieses Frühwarnsystem prognostiziert, welche Verzinsung die Krankenversicherer in den nächsten zwei Jahren am Kapitalmarkt erzielen werden. Dem wird der von den Unternehmen gewünschte Rechnungszins gegenüber gestellt.

Beitragserhöhungen oder Leistungskürzungen

Die privaten Krankenversicherer müssen der Aufsichtsbehörde bis zum 30. April eines Jahres darüber Auskunft erteilen, wie das Ergebnis des AUZ-Verfahrens ausfällt. Sprich: Wie groß die Differenz zwischen Kapitalmarktzins und Rechnungszins ausfällt. "Liegt die Prognose unter dem verwendeten Rechnungszins, hat das Unternehmen seinen Rechnungszins auf den Schätzwert abzusenken", heißt es seitens der Aufsichtsbehörde. Bedeutet: Sieht es so aus, als könne das Unternehmen den Rechnungszins nicht am Kapitalmarkt erwirtschaften, muss es den Rechnungszins senken. Sonst drohen Verluste.

Im vergangenen Jahr mussten zwei private Versicherer ihren Rechnungszins absenken. "Zwei Unternehmen konnten nicht zusichern, den Zins auch zu erwirtschaften", sagt Kathi Schulten, Sprecherin der BaFin, gegenüber WirtschaftsWoche Online. Das diesjährige Verfahren beziehungsweise die Prüfung der Selbstauskünfte der Gesellschaften ist noch nicht abgeschlossen, jedoch ist es "wahrscheinlich, dass zumindest ein Unternehmen den Rechnungszins absenken muss." Wer absenken muss, muss die Beiträge der Versicherten spätestens im Alter, wenn die Kosten steigen, massiv erhöhen. Alternativ können die Gesellschaften die Versicherungsleistungen kürzen, um die Verluste einzugrenzen, beziehungsweise aufzufangen. Gleiches gilt auch für die Rentenversicherer. Diese Aussicht kann Kunden kosten.

Solvency II bedroht Renten

Die großen Altersvorsorger
CDU-Politiker Norbert Blüm Quelle: AP
2001: Walter RiesterVon 1998 bis 2002 Bundesarbeitsminister im Kabinett unter Gerhard Schröder. Er erfand die staatlich geförderte und geforderte Privatvorsorge - die nach ihm benannte Riester-Rente. Quelle: AP
2007: Franz MünteferingVon 2005 bis 2007 war er Vizekanzler und Bundesarbeitsminister im ersten Kabinett unter Angela Merkel. Er setzte die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 durch. Quelle: AP
2009: Olaf ScholzNachdem Franz Müntefering das Kabinett vorzeitig verlassen hatte, übernahm Olaf Scholz das Amt von 2007 bis 2009. Als die große Koalition der Mut verließ, garantierte er den Deutschen per Gesetz: Auch wenn Löhne und Gehälter sinken - die Rente wird nicht gekürzt Quelle: dpa
2012: Ursula von der LeyenDie Amtsinhaberin will nach Jahren der Rentenaskese die Leistungen ausweiten. Quelle: dpa

In Deutschland ist die betriebliche Altersvorsorge neben der gesetzlichen Rente und privater Vorsorge eine der drei Säulen des Altersvorsorgemodells: Pensionskassen und -fonds sichern derzeit über acht Millionen Arbeitnehmer und Betriebsrentner ab. Und denen droht - neben dem niedrigen Zins - weiteres Unheil aus Brüssel. Im Februar stellte die EU-Kommission nämlich fest, dass die Pensionskassen versicherungsähnliche Organisationen sind und dementsprechend behandelt werden sollten. Die Solvency-II-Regeln seien "ein nützlicher Ausgangspunkt", sagte die Kommission. Das bedeutet, dass sich auch private Rentenversicherer strengeren Eigenkapitalregeln unterwerfen müssten. "Die Krise hat deutlich gemacht, dass die Überarbeitung der regulatorischen Rahmenbedingungen Not tut, um die Sicherheit privater Renten zu verbessern", heißt es in dem Entwurf der Kommission weiter.

So einfach könnten Vorsorgesparer ihr Geld selbst anlegen

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) ist von der Idee wenig begeistert. Solvency II drehe der deutschen Betriebsrente die Luft ab. Wenn die Pensionskassen ihr Eigenkapital um 40 bis 50 Milliarden Euro aufstocken müssen, drohe vielen das Aus. "Den Betrag könnten die Kleinen nicht stemmen", sind sich die Experten vom IW sicher. Betroffen wären nämlich all die Pensionskassen, die von Firmen oder Branchenverbänden gegründet wurden. Lebensversicherer mit eigenen Pensionskassen unterliegen ohnehin den Solvency-II-Vorschriften.

Kann eine Pensionskasse - sei es wegen des Zinses oder wegen der EU-Vorschriften - die versprochene Rente nicht zahlen, muss der Arbeitgeber einspringen. So entschied jedenfalls jüngst das Bundesarbeitsgericht (BAG) in Erfurt. Das Unternehmen "ist verpflichtet, an den Kläger die Beträge zu zahlen, um die die Pensionskasse ihre Leistungen herabgesetzt hat", hieß es im Urteil. Insofern würde die Gleichbehandlung von Lebensversicherern und Altersvorsorgeanbietern auch den Unternehmen schaden.

Heikle Staatsanleihen im Depot

Die Riester-Irrtümer
Finanzamtschild Quelle: dpa
Stift auf einer Steuererklärung Quelle: dpa
Ein Sparstrumpf Quelle: dpa
Mann zeigt das Innere seiner Hosentaschen Quelle: dpa
Eltern spielen mit ihrem Sohn Quelle: dpa
Vater und Sohn sitzen an einem Fluss Quelle: dpa
Besucher beim Kongress Altervorsorge 2011 Quelle: dpa

Auch die Lebensversicherungen kämpfen mit Solvency II, Rendite und Zins. Viele der Unternehmen halten Papiere der PIGS-Staaten. Die Anleihen, in die die Gesellschaften investiert haben, können wahrscheinlich nicht zu 100 Prozent zurückgezahlt werden, sagt die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (EIOPA). Nach einem eigenen Stresstest prognostizieren die Branchenaufseher, dass zehn Prozent der Versicherer langfristig ihre Renditeversprechen nicht halten können.

Spätestens bei Ausbruch der Euro-Schuldenkrise, als sichere Staatsanleihen ihre Renditestärke verloren, geriet die Branche in diesen Abwärtssog. Bei den Pensions- und Sterbekassen hat die BaFin bereits im Mai vergangenen Jahres die Notbremse gezogen. Neue Tarife dürfen nicht mehr als 1,75 Prozent Rechnungszins versprechen. Das entspricht auch dem staatlich festgelegten Garantiezins der Renten- und Kapitallebensversicherungen. Zwischen 2006 und 2011 genehmigte die Aufsicht nur noch neue Tarife, deren Rechnungszins die 2,25 Prozent nicht überstiegen. Wie es mit der Entwicklung von Zins und Rendite weitergeht, sei noch nicht absehbar. Auf jeden Fall ist es bei den Branchenaufsehern Politik, nur Zinsen durchzuwinken, die die Versicherungen auch dauerhaft gewährleisten können.

Vorsorge



Doch einen Hoffnungsschimmer gibt es für die Branche, Pensionskassen eingeschlossen: Nachdem Verbände, Aufsichtsbehörden und Politik auf die Probleme mit Solvency II hingewiesen haben, soll Brüssel bereit sein, die Kapitalvorschriften für Versicherer abzumildern. Die EU plane, eine siebenjährige Schonfrist für bestehende Verträge einzuführen. Das ließe auch die Lebensversicherer aufatmen. Sie hätten dann nur noch mit den Niedrigzinsen zu kämpfen.

Von all dem unberührt, bleibt die gesetzliche Rentenversicherung: Die darf ihre Reserven zwar nur in bombensichere - und damit eher renditeschwache - Anlagen investieren, fährt damit aber derzeit recht gut. Momentan bekommen die gesetzlich abgesicherten Rentner eine Rendite von drei bis vier Prozent auf ihre Beiträge. Die kommende Generation darf allerdings nur noch mit der Hälfte rechnen.

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