Krankenkassen Patienten zahlen viel aus eigener Tasche

Weil die Versicherungen nicht alle Leistungen übernehmen, zahlen die Deutschen rund 380 Euro jährlich beim Arzt oder in der Apotheke aus eigener Tasche. Jeder Dritte vermeidet oder verschiebt aufgrund der Kosten sogar Untersuchungen und Behandlungen.

Was Sie über IGeL-Behandlungen wissen müssen
Was sind IGeL-Leistungen?Gesetzlich Versicherte erhalten nicht jede ärztliche Behandlung auf Krankenschein. Wer Leistungen in Anspruch nimmt, die nicht im Kassenkatalog aufgeführt sind, muss sie selber zahlen. Die Rede ist von „Individuellen Gesundheitsleistungen“, kurz IGeL. Ärzte verkaufen die IGeL-Behandlungen gerne: Die können sie anschließend den Patienten gesondert in Rechnung stellen. Quelle: dpa
Was sind die beliebtesten IGeL-Behandlungen?IGeL-Leistungen reichen von A wie Akupunktur zur Migräneprophylaxe bis U wie Ultraschall der Eierstöcke. Letzterer zählt nach Angaben der Krankenkassen und des IGeL-Monitors des Medizinischen Dienstes (MDS) zu den am häufigsten genutzten Angeboten. Das gilt auch für Glaukom-Vorsorgeuntersuchungen beim Augenarzt und Verfahren der Alternativmedizin. Quelle: dpa/dpaweb
Welchen Nutzen haben IGeL-Angebote?Der MDS, sprich die Wissenschaftler des IGeL-Monitors, bewertet seit gut drei Jahren die einzelnen Behandlungen, insgesamt 37 IGeL-Leistungen sind bisher analysiert worden. Die Ergebnisse sind nicht besonders erfreulich. 16 Angebote wurden von den Wissenschaftlern als negativ oder tendenziell negativ bewertet, 13 waren unklar und nur vier Leistungen waren tendenziell positiv. Quelle: dpa
Sind IGeL generell notwendig?Bei den privaten IGe-Leistungen ist die Frage der Notwendigkeit schwer zu beantworten. Wären die Behandlungen lebenswichtig, würden sie von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. Laut Gesetz müssen deren Leistungen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein. Trotzdem können einige IGeL-Angebote für den jeweiligen Patienten Sinn machen. Deshalb ist es besonders wichtig, dass die Patienten sich schon vor dem Arztbesuch umfassend informieren und wissen, dass sie die Kosten selbst tragen müssen. Quelle: dpa
Wie werden IGe-Leistungen "verkauft"?Besonders viele Angebote unterbreiten Frauen- und Zahnärzte. Laut einer Umfrage der Techniker Krankenkasse werden jedem zweiten Patienten private Leistungen angeboten. Für Mediziner gibt es sogar spezielle Verkaufsseminare, in denen die Männer und Frauen im weißen Kittel lernen, IGeL zu verkaufen. In Frauenarztpraxen beispielsweise gibt es oft einen regelrechten Katalog - bei Ankunft in der Praxis kann die Patientin ankreuzen, welches Angebot sie in Anspruch nehmen und privat bezahlen will. Quelle: dpa
Was müssen Patienten beachten?Zunächst sollten sich Patienten ausführlich von ihrem Arzt beraten lassen. Wer Zweifel hat, kann die Meinung eines zweiten Arztes einholen. Je nachdrücklicher der Arzt ihnen die Leistung aufdrängt, desto größer sollten die Zweifel sein. Quelle: dpa
Nicht erpressen lassen!Patienten berichten von Ärzten, die es mit der Wahrheit beim IGeL-Verkauf nicht so genau nehmen. So berichtete eine Frau der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, sie habe den Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung nicht zahlen wollen. Die Ärztin habe daraufhin eine Unterschrift von der Patientin verlangt, um nachweisen zu können, sie über die Leistung aufgeklärt zu haben. Suggeriert werden sollte damit, so die Patientin, die Kasse könnte im Ernstfall die notwendige Behandlung nicht zahlen. Laut den Verbraucherschützern müssen Patienten ein solches Formular keinesfalls unterschreiben. Die gesetzliche Kasse zahlt bei Erkrankungen auch, wenn private Vorsorgeleistungen im Vorfeld abgelehnt wurden. Quelle: dpa
Keine Eile!Übereilte Aktionen sind bei den IGeL-Behandlungen nicht nötig. "IGeL sind niemals dringend", mahnen Verbraucherschützer zur Ruhe. Patienten müssen also nicht von heute auf morgen festlegen, ob sie zahlen oder nicht. Quelle: dpa
Verlangen Sie einen Kostenvoranschlag!Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen rät, von Ärzten auf jeden Fall einen Kostenvoranschlag zu verlangen. Dann lässt sich zumindest die Größenordnung der Kosten abschätzen. Auf den Cent genau vorhersagen kann der Arzt die Kosten nicht – beispielsweise bei einer professionellen Zahnreinigung hängen die Kosten an der Dauer und Schwierigkeit der Reinigung. Quelle: Fotolia
Behandlungsvertrag und RechnungWer eine IGeL-Behandlung bezahlen möchte, sollte einen Behandlungsvertrag mit dem jeweiligen Arzt schließen. Im Normalfall wird der Arzt von sich aus darauf bestehen, da Sie sonst die Zahlung verweigern können. Quelle: Fotolia

Rund 380 Euro jährlich zahlen Kassenpatienten einer Umfrage zufolge beim Arzt, in der Klinik oder der Apotheke aus eigener Tasche. Im Durchschnitt geben Frauen 440 Euro und Männer 300 Euro für Leistungen aus, die von ihrer Krankenversicherung nicht übernommen werden, wie die Continentale Versicherung mitteilte. Sie hatte die repräsentative Studie beim Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest in Auftrag gegeben.

Fast jeder Dritte gab an, wegen der Kosten schon Behandlungen, Untersuchungen oder Impfungen unterlassen oder verschoben zu haben. Bei den Kosten ging es neben Praxisgebühren beispielsweise um Zuzahlungen für Medikamente, medizinische Behandlungen, Physiotherapien und Massagen.

Nicht erfasst wurden Ausgaben für kieferorthopädische Behandlungen und Brillen, wie ein Sprecher der Continentale sagte. Bei den angegebenen Beträgen handele es sich um persönliche Schätzungen der Befragten.

Vor allem Geringverdiener sagten, dass sie aus finanziellen Erwägungen auf die Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen verzichtet haben. Mehr als 80 Prozent bezeichneten das deutsche Gesundheitssystem als zu teuer. Bei dieser Frage waren neben den Angaben von 1100 Kassenpatienten auch die Antworten von 167 Versicherten bei privaten Kassen ausgewertet worden.

90 Prozent sehen die aktuelle medizinische Versorgung trotzdem positiv. Nahezu vier von fünf Befragten (78 Prozent) zeigten sich aber besorgt, langfristig nicht mehr vom medizinischen Fortschritt profitieren zu können.

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