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Krankenversicherung Zahlenstreit um Versicherungswechsel

Ist die private Krankenversicherung ein Auslaufmodell? Die Ansichten darüber gehen auseinander. Aber den gesetzlich oder privaten Krankenversicherten sollte das egal sein.

Die Rückkehr zur GKV gestaltet sich schwierig Quelle: dpa

Bei den privaten Krankenversicherungen (PKV) ist die Debeka der Platzhirsch. Nach eigenen Angaben zählt die Debeka 2,2 Millionen Privatversicherte zu ihren Kunden, was einem Marktanteil von 25 Prozent entspricht. Und sie wächst, denn auch 2011 nahm nach vorläufigen Erhebungen der Debeka die Zahl der Neukunden, die aus einer gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu dem Versicherer aus Koblenz wechselten, per saldo nochmals um 4,2 Prozent auf mehr als 44.000 zu. Damit würde die Debeka laut Mitteilung doppelt so viele ehemals gesetzlich Versicherte unter ihre Fittiche nehmen, als sie selbst Mitglieder an die gesetzliche Krankenkasse verliert.

“Wir können feststellen, dass sich im Jahr 2011 eine zunehmende Zahl an Versicherten für die private Krankenversicherung und damit für einen deutlich umfassenderen Versicherungschutz als in der GKV entschieden hat“, lässt Uwe Laue, Vorstandsvorsitzender der Debeka verlauten. Das klingt nicht nach „Auslaufmodell PKV“, wie es etwa AOK-Chef Jürgen Graalmann nahen sieht.

Private Krankenkassen werben Kunden ab

Auch nach Angaben des Verbandes der privaten Krankenversicherer sprechen die Zahlen eindeutig zugunsten der PKV: Die Wanderungsbewegungen zwischen privater und gesetzlicher Kasse gingen in den vergangenen Jahren unter dem Strich immer zugunsten der PKV aus. So standen 2010 227.700 Übertritten zur PKV 153.200 Abgänge zur GKV gegenüber. Die privaten Versicherer hatten somit 74.500 neue Kunden von den gesetzlichen Kassen abgeworben. 2009 waren es sogar 141.700 Versicherte, die zu den Privaten wechselten.

Die häufigsten Gründe für einen Wechsel von der gesetzlichen in die private Krankenversicherungen dürften niedrigere Beiträge, größerer Leistungsumfang oder der Beginn einer Selbständigkeit sein. Wechselwillige Angestellte müssen derzeit mindestens ein Jahr lang mehr als 50.850 Euro im Jahr verdient haben, damit die der gesetzlichen Krankenkasse den Rücken kehren können.

Komplizierte Rückkehr zur Gesetzlichen

Bei den Wechselfällen von der GKV in die PKV ist die Lage etwas komplizierter. Die gesetzlichen Krankenkassen nehmen nämlich bislang Privatversicherte nur ungern zurück. Das geht vor allem dann, wenn der Versicherte arbeitslos wird oder mit seinem Einkommen seit mindestens einem Jahr wieder unter die Versicherungspflichtgrenze rutscht. Selbständige oder Freiberufler müssen zuvor mindestens zwölf Monate lang in einer Anstellung gewesen sein. Aber es gibt für Privatversicherte auch Möglichkeiten, Beitragserhöhungen zu kompensieren, ohne in die gesetzliche Krankenkasse zu wechseln.

Eine Rückkehr in die gesetzlichen Kassen ist in der Regel aber nur bis zum Alter von 55 Jahren möglich. Sonst bleibt nur der Wechsel in einen anderen Tarif beim eigenen Privatversicherer. Doch auch das ist alles andere als einfach, wie der Mitbegründer der Beratungsfirma Widge.de, Ozan Sözeri, sagt: „Fehlinformationen oder fehlende Informationen sind die häufigsten Methoden." Viele Versicherer versuchten, Wechselwillige gezielt abzuschrecken.

Aber auch die andere Seite der Medaille ist wahr. Einige große gesetzliche Kassen verzeichneten 2011 mehr Zuwanderer von der privaten Krankenversicherung (PKV) als Abwanderer.

Private locken mit Billigtarifen

Die Barmer GEK ist Branchenführer unter den gesetzlichen Krankenkassen Quelle: dpa

Bei den Branchenführern Barmer GEK und Techniker Krankenkasse (TK) gab es mehr Neuzugänge von den Privatkassen. Der Barmer GEK kehrten vergangenes Jahr 18.000 Mitglieder in Richtung PKV den Rücken. 27.600 kamen hinzu. Bei der TK kommt man unterm Strich auf 41.000 Neuversicherte bei 68.000 Zugängen von der PKV. Graalmann sagt: „Bei uns häufen sich die Anfragen von Privatversicherten, die zur AOK kommen wollen.“ Der Satz ähnelt sehr der Aussage von PKV-Verbandschef Laue.

Steigende PKV-Tarife

Die Gründe für einen Wechsel in eine gesetzlichen Krankenkasse sind individuell sehr unterschiedlich. Teils massive Beitragssprünge von 40 bis 60 Prozent brachten den Privatkassen zum Jahresende Negativschlagzeilen. Unabhängige Branchenbeobachter gehen davon aus, dass die PKV-Tarife Jahr für Jahr um durchschnittlich mindestens sieben Prozent steigen. Das Analysehaus Morgen & Morgen sieht die Beitragserhöhungen der Branche für das Jahr 2012 im Schnitt bei 4,4 Prozent. Der Anteil der Tarife ohne Steigerung wuchs den Analysten zufolge aber von 35 auf 45 Prozent.

Laut gesetzlichen Kassen fangen private Konkurrenten Menschen oft mit Billigtarifen ein - mitunter seien die so günstig, dass sie die gesamte Kalkulation einer Versicherung durcheinanderbrächten. „Wer sich mit Anfang 30 privat versichert, muss bis zum Rentenalter mindestens eine Verdreifachung der Beiträge einkalkulieren“, sagt Ulrike Steckkönig, Gesundheitsexpertin der Zeitschrift „Finanztest“. Von Anfang an müsse man sich über seine Finanzlage einigermaßen sicher sein. „Sonst sollte man tendenziell in der gesetzlichen Versicherung bleiben, denn für viele ist es sonst ein Weg ohne Rückkehrmöglichkeit.“

Künftige Entwicklungen sind unsicher

Verlässliche Aussagen zur künftigen Beitragsentwicklung der Krankenversicherungen kann es nicht geben. Die privaten Anbieter sehen sich selbst aufgrund der Altersrückstellungen von insgesamt 158 Milliarden Euro offiziell als Zukunftsmodell. 8,95 Millionen Menschen haben eine private Vollkrankenversicherung. Beitragserhöhungen einzelner Versicherer wie zuletzt von bis zu 50 Prozent sind damit aber auch nicht ausgeschlossen. Die private Krankenversicherung könnte somit im Alter relativ teuer werden.

Bei den gesetzlichen Krankenkassen ist es hingegen politisch gewollt, dass sich die Zahl der gesetzlichen Versicherungen weiter verringert – sei es durch Zusammenschlüsse oder Insolvenzen. Die Zahl der Versicherten hängt wie schon immer im wesentlichen von politischen Entscheidungen ab. Schließlich entscheiden Bundesregierung und Bundestag über die Höhe des Beitragssatzes, die Deckelung von Zusatzbeiträgen und die Versicherungspflichtgrenze. Und nicht zuletzt auch über die Versicherungspflicht von Selbständigen und Freiberuflern. In diesem System gibt ebenso wenig Sicherheit über die künftige Entwicklung.

Wer sich nach einer Krankenversicherung umsieht, sollte also zunächst bei den individuellen Voraussetzungen bleiben und sich keine Gedanken über die Zukunft der konkurrierenden Systeme machen. Einkommen, Lebensplanung, Sicherheit der Einkünfte, Vorerkrankungen, Familienverhältnisse und der persönliche Bedarf an medizinischer Versorgung über das gesetzliche Mindestmaß hinaus sollten bei der Entscheidung für oder gegen eine private Krankenversicherung daher im Vordergrund stehen.

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