Krötenwanderung

Zahnzusatzversicherung - Zahlt sie oder zahlt sie nicht?

Anke Henrich
Anke Henrich Freie Autorin, Mittelstands-Expertin

Ein Zahnarztbesuch schmerzt zwei Mal: beim Reparieren und beim Bezahlen. Immer wieder gibt es Streit um die Zahnzusatzversicherung. Dieses Urteil sollten Sie kennen.

Was Sie über IGeL-Behandlungen wissen müssen
Was sind IGeL-Leistungen?Gesetzlich Versicherte erhalten nicht jede ärztliche Behandlung auf Krankenschein. Wer Leistungen in Anspruch nimmt, die nicht im Kassenkatalog aufgeführt sind, muss sie selber zahlen. Die Rede ist von „Individuellen Gesundheitsleistungen“, kurz IGeL. Ärzte verkaufen die IGeL-Behandlungen gerne: Die können sie anschließend den Patienten gesondert in Rechnung stellen. Quelle: dpa
Was sind die beliebtesten IGeL-Behandlungen?IGeL-Leistungen reichen von A wie Akupunktur zur Migräneprophylaxe bis U wie Ultraschall der Eierstöcke. Letzterer zählt nach Angaben der Krankenkassen und des IGeL-Monitors des Medizinischen Dienstes (MDS) zu den am häufigsten genutzten Angeboten. Das gilt auch für Glaukom-Vorsorgeuntersuchungen beim Augenarzt und Verfahren der Alternativmedizin. Quelle: dpa/dpaweb
Welchen Nutzen haben IGeL-Angebote?Der MDS, sprich die Wissenschaftler des IGeL-Monitors, bewertet seit gut drei Jahren die einzelnen Behandlungen, insgesamt 37 IGeL-Leistungen sind bisher analysiert worden. Die Ergebnisse sind nicht besonders erfreulich. 16 Angebote wurden von den Wissenschaftlern als negativ oder tendenziell negativ bewertet, 13 waren unklar und nur vier Leistungen waren tendenziell positiv. Quelle: dpa
Sind IGeL generell notwendig?Bei den privaten IGe-Leistungen ist die Frage der Notwendigkeit schwer zu beantworten. Wären die Behandlungen lebenswichtig, würden sie von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. Laut Gesetz müssen deren Leistungen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein. Trotzdem können einige IGeL-Angebote für den jeweiligen Patienten Sinn machen. Deshalb ist es besonders wichtig, dass die Patienten sich schon vor dem Arztbesuch umfassend informieren und wissen, dass sie die Kosten selbst tragen müssen. Quelle: dpa
Wie werden IGe-Leistungen "verkauft"?Besonders viele Angebote unterbreiten Frauen- und Zahnärzte. Laut einer Umfrage der Techniker Krankenkasse werden jedem zweiten Patienten private Leistungen angeboten. Für Mediziner gibt es sogar spezielle Verkaufsseminare, in denen die Männer und Frauen im weißen Kittel lernen, IGeL zu verkaufen. In Frauenarztpraxen beispielsweise gibt es oft einen regelrechten Katalog - bei Ankunft in der Praxis kann die Patientin ankreuzen, welches Angebot sie in Anspruch nehmen und privat bezahlen will. Quelle: dpa
Was müssen Patienten beachten?Zunächst sollten sich Patienten ausführlich von ihrem Arzt beraten lassen. Wer Zweifel hat, kann die Meinung eines zweiten Arztes einholen. Je nachdrücklicher der Arzt ihnen die Leistung aufdrängt, desto größer sollten die Zweifel sein. Quelle: dpa
Nicht erpressen lassen!Patienten berichten von Ärzten, die es mit der Wahrheit beim IGeL-Verkauf nicht so genau nehmen. So berichtete eine Frau der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, sie habe den Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung nicht zahlen wollen. Die Ärztin habe daraufhin eine Unterschrift von der Patientin verlangt, um nachweisen zu können, sie über die Leistung aufgeklärt zu haben. Suggeriert werden sollte damit, so die Patientin, die Kasse könnte im Ernstfall die notwendige Behandlung nicht zahlen. Laut den Verbraucherschützern müssen Patienten ein solches Formular keinesfalls unterschreiben. Die gesetzliche Kasse zahlt bei Erkrankungen auch, wenn private Vorsorgeleistungen im Vorfeld abgelehnt wurden. Quelle: dpa
Keine Eile!Übereilte Aktionen sind bei den IGeL-Behandlungen nicht nötig. "IGeL sind niemals dringend", mahnen Verbraucherschützer zur Ruhe. Patienten müssen also nicht von heute auf morgen festlegen, ob sie zahlen oder nicht. Quelle: dpa
Verlangen Sie einen Kostenvoranschlag!Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen rät, von Ärzten auf jeden Fall einen Kostenvoranschlag zu verlangen. Dann lässt sich zumindest die Größenordnung der Kosten abschätzen. Auf den Cent genau vorhersagen kann der Arzt die Kosten nicht – beispielsweise bei einer professionellen Zahnreinigung hängen die Kosten an der Dauer und Schwierigkeit der Reinigung. Quelle: Fotolia
Behandlungsvertrag und RechnungWer eine IGeL-Behandlung bezahlen möchte, sollte einen Behandlungsvertrag mit dem jeweiligen Arzt schließen. Im Normalfall wird der Arzt von sich aus darauf bestehen, da Sie sonst die Zahlung verweigern können. Quelle: Fotolia

Wenn es mit einer Plombe und Inlay nicht mehr getan ist, fällt der Eigenanteil zur Rechnung schnell vierstellig aus. Wer in den nächsten Jahren solche Ersatzteile auf sich zukommen sieht, ist mit einer Rund-Um-Zahnzusatzversicherung möglichweise gut bedient. Die Kosten liegen zum Beispiel bei einem oder einer 45-Jährigen um die 35 bis 40 Euro im Monat. Für kleine Eingriffe lohnt sich das nicht, für große kann es sich rechnen.

Doch auch hier dräut Ärger, wenn es teuer wird – wie bei Implantaten. Mit 2000 Euro pro Ersatzzahn ist vor allem der gesetzlich Krankenversicherte schnell dabei. Die Kassen halten die Luxusvariante in der Regel für eine Überversorgung, die der Kunde bis auf einen relativ geringen Festbetrag der Kasse selbst zahlen muss.

Doch auch die Zahnzusatzversicherung sträubt sich gerne bei vierstelligen Rechnungen. Ihre beliebte Argumentation: Die Notwendigkeit der Behandlung war schon bei Vertragsabschluss der Versicherungspolice gegeben. Die Versicherungsbedingungen schließen aber meist kategorisch alle laufenden oder bereits bekannt anstehenden Behandlungen zur Kostenübernahme aus.

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Auch das Oberlandesgericht Karlsruhe musste bei dieser Frage nachbohren. Drei Jahre nach Vertragsabschluss wurden einem Versicherten zwei Implantate gesetzt, Eigenanteil: stolze 7000 Euro. Die reichte er abzüglich der vereinbarten Selbstbeteiligung zur Kostenübernahme bei seiner Versicherung ein. Die aber ließ ihn auflaufen: Schon auf einer Röntgenaufnahme aus dem Jahr seines Vertragsbeginns sei ersichtlich, dass die beiden maroden Zähe hätten ersetzt werden müssen. Also müsse sie nicht zahlen.

Falsch, entschieden die Richter. Die Zähne seien zu diesem Zeitpunkt nach objektiven Kriterien nicht so desolat gewesen, dass die Versorgung mit Implantaten zwingend notwendig gewesen sei. Das habe im ärztlichen Spielraum gelegen. Erst zwei Jahre später kamen nicht absehbar schmerzhafte Zysten hinzu, die die Entfernung der Zähne nötig machen. Folglich sei der Versicherungsfall erst lange nach dem Vertragsabschluss eingetreten (Az.: 12 U 127/12)

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