Kunden gehen leer aus Der 15-Milliarden-Coup der Lebensversicherungen

Anbieter sollen 20 Jahre lang zu wenig ausgeschüttet haben. Statt Kunden nachträglich Geld zu überweisen, wollen sie das Geld umschichten – und so ihre Eigenmittel stärken.

Die besten Lebensversicherer Deutschlands
Platz 10: HannoverscheSeit Jahren untersucht Versicherungsexperte Manfred Poweleit die Wirtschaftskraft der Lebensversicherer und veröffentlicht in seinem Branchendienst "map report" die besten Lebensversicherer. Dabei wurden drei Kategorien untersucht: die Bilanz des Versicherer, der Service und die Kategorie Vertrag. Ein Augenmerk liegt beispielsweise auf den Rücklagen der Versicherer und darauf, wie das Geld der Kunden am Kapitalmarkt investiert wird. Für Versicherte ist die Auswahl eines finanzstarken Versicherers wichtig, denn allein mit dem Garantiezins erhält der Kunde ab dem kommenden Jahr nur noch einen Zins von 1,25 Prozent. Den zehnten Platz des Rankings belegt die Hannoversche Versicherung. Sie erreichte 64 Punkte im Ranking und damit die Bewertung mm, welche für eine langjährig sehr gute Leistung steht. Quelle: Hannoversche
Platz 9: Öffentliche Versicherung Braunschweig Etwas besser platziert als die Konkurrenz aus Hannover ist die Öffentliche Versicherung Braunschweig. Mit 68 Punkten erzielt die Assekuranz ebenfalls das zweitbeste Rating mm. Quelle: Öffentliche Versicherung Braunschweig
Platz 8: LVMDie Assekuranz aus Münster hat es mit einer Punktzahl von 69 knapp auf den achten Platz geschafft. Das Rating liegt damit ebenfalls bei mm, erst ab einer Punktzahl von Siebzig oder mehr wird das beste Rating mmm verteilt, welches für "langjährig hervorragende Leistungen" steht. Quelle: LVM
Platz 7: R+V VersicherungMit 71 Punkten hat die R+V Versicherung gerade so ein hervorragendes mmm-Rating eingefahren. Ende 2013 hatte die R+V rund 5,9 Millionen Lebens- und Pensionsversicherungen in ihrer Bilanz stehen. Quelle: R+V Versicherung
Platz 6: AllianzDeutschlands Branchenprimus ist im Ranking von map report auch gegenüber dem Vorjahr noch weiter zurück gefallen. Mit 74 Punkten reicht es aber für das höchste Rating mmm. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 5: DEVKEinen Platz vor dem Branchenprimus ist die DEVK gelandet. Der Kölner Versicherer erreichte 75 Punkte und damit das Spitzenrating mmm. Die DEVK punktet unter anderem mit einer guten Anlagepolitik, trotz Niedrigzinsen erzielte sie mit ihren Assets eine Nettorendite von über fünf Prozent. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 4: CosmosDie Direktversicherung Cosmos landet mit immerhin 79 Zählern auf dem vierten Platz und lässt viele Assekuranzen mit traditionellem Vertriebsmodell hinter sich. Naturgemäß punktet das Unternehmen insbesondere bei den Kosten, nur etwas mehr als ein Prozent der Bruttobeiträge fließen in die Verwaltung. Quelle: CosmosDirekt
Platz 3: HUK-CoburgAuf dem Bronzerang landet die HUK Coburg mit 80 Zählern und einem mmm Ranking. Quelle: HUK Coburg
Platz 2: Europa VersicherungDie Kölner Assekuranz Europa, ebenfalls eine Direktversicherung, landet mit 83 erneut auf einem sehr guten zweiten Platz. Quelle: Europa Versicherung
Platz 1: DebekaDer Versicherer aus Koblenz ist wie bereits in den vergangenen Jahren auf dem ersten Platz gelandet. Die immerhin 86 Punkte reichen natürlich zum hervorragenden mmm-Rating. Überzeugen konnte die Debeka unter anderem bei der Anlagepolitik, sie erzielte eine Nettorendite von 5,1 Prozent. Quelle: dpa

Der Titel der Bundesrats-Drucksache 549/14 – „Verordnung über den kollektiven Teil der Rückstellung für Beitragsrückerstattung“ – hat das Potenzial, jeden Abgeordneten sofort in den Tiefschlaf zu versetzen. Doch der Tagesordnungspunkt, den der Bundesrat im kommenden Jahr abnicken soll, birgt enorme Sprengkraft.

Es geht um 15 Milliarden Euro, die Lebensversicherer in den vergangenen Jahren mit Kundengeldern erwirtschaftet haben. Die Milliarden sollen jetzt per Verordnung in einen neuen Topf wandern – und von dort aus nicht etwa unter den Kunden verteilt werden, sondern Versicherern auch als unternehmenseigener Sicherheitspuffer zur Verfügung stehen.

Die Ursache des Problems wurzelt in einer gut 20 Jahre zurückliegenden Gesetzesreform. Seit damals gelten für Kunden, die vor dem 1. Juli 1994 eine Police unterschrieben haben (Altkunden), und für alle, die danach unterzeichneten (Neukunden), unterschiedliche gesetzliche Regeln. Die Bundesregierung zwang die Versicherer daher, die Geldtöpfe von Alt- und Neukunden voneinander zu trennen.

Tipps: Die richtige Police finden

Lebensversicherer verbuchen Erträge, die sie mit dem Geld ihrer Kunden erwirtschaften, in mehreren Töpfen:

  • Erstens schreiben sie jedem Kunden die vertraglich garantierte Verzinsung zu. Im Sommer 1994 waren das 4,0 Prozent – gutgeschrieben wird der Satz je auf die Summe der eingezahlten Beiträge minus der Kosten; den Garantiezins gibt es also nur auf den vom Versicherer für Kunden tatsächlich angesparten Anteil. Ab 2015 kriegen neue Kunden 1,25 Prozent garantiert.
  • Zweitens bekommt der Kunde einen Bonus, die Überschussbeteiligung. Die bleibt auf dem persönlichen Vertragskonto des Kunden und wird ihm am Ende der Vertragslaufzeit zusammen mit dem Garantiezins ausgezahlt.
  • Drittens geht ein weiterer Teil der Erträge in die Rückstellung für Beitragsrückerstattung (RfB). Das Geld aus der sogenannten „freien RfB“ gehört auch den Kunden, ist aber noch keinem Vertrag individuell zugeteilt. Versicherer parken die Milliarden für schlechte Zeiten. Erwirtschaften sie an den Finanzmärkten zu wenig, etwa weil Zinsen niedrig sind oder die Börse crasht, teilen sie das Geld den Kunden zu. So wollen Versicherer starke Schwankungen in der Überschussbeteiligung abfedern.
Die Leistungsfähigkeit der Lebensversicherer
Die Lebensversicherung ist für Millionen Deutsche der wichtigste Baustein der privaten Altersvorsorge. Die niedrigen Zinsen nagen aber seit Jahren an den Erträgen. Schon ab Juli könnten die Auszahlungen an Kunden per Gesetz weiter schmelzen. Dennoch wird es auch künftig deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Versicherern geben. Für die Entscheidung, ob sich der Abschluss, das Halten bis zum Laufzeitende oder eine vorzeitige Kündigung der Lebensversicherung lohnt, kommt es darauf an, wie gut die Lebensversicherung für einen lange Niedrigzinsphase gerüstet sind. Nachfolgend wichtige Kennziffern der zwölf größten Lebensversicherer, die insgesamt 60 Prozent des Marktes repräsentieren. Quelle: Geschäftsberichte der Versicherer, Prof. Hermann Weinmann (Hochschule Ludwigshafen) Quelle: dpa
Ein Schild mit dem Logo der Nürnberger Versicherungsgruppe Quelle: dpa/dpaweb
Bayern-VersicherungLaufende Verzinsung der Kapitalanlagen ohne Einmaleffekte 1: 2013: 4,0 % Laufende Verzinsung der Kapitalanlagen mit Einmaleffekten 1: 2013: 4,4 % Bewertungsreserven: 2013: 9,7 % der Kapitalanlagen Anteil Zinspapiere an Bewertungsreserven 2: 2013 (2012): ► Was der Versicherer verteilen kann ( Überschuss) 3: 2012: 14,5 % der Beiträge 2013: 12,8 % der Beiträge Wie lange die freien Mittel reichen ( Bilanzpuffer) 4: 2012: 3,1 Jahre 2013: 3,4 Jahre Stärken: hohe Reserven, gute KapitalanlageSchwächen, die sich in Niedrigzinsphasen besonders stark auswirken: keine Niedrigzins-Risiko für Anleger: niedrig 1Einmaleffekte: Gewinne und Verluste aus Anlageverkäufen sowie Zu- und Abschreibungen; 2im Vergleich zum Branchendurchschnitt; 3Kapitalerträge oberhalb der Garantieverzinsung + interne Überschüsse durch zu hoch angesetzte Kosten für Verwaltung und Vertrieb sowie Risiken (Berufsunfähigkeit, Tod); das Verhältnis von Überschuss zu Beiträgen zeigt, wie gut der Versicherer wirtschaftet; 4ein Wert von beispielsweise 2,0 besagt, dass der Versicherer seine laufende Überschussbeteiligung zwei Jahre lang aus den freien Mitteln finanzieren kann; je höher der Faktor, desto finanzstärker ist der Versicherer. Quelle: PR
Der Schriftzug "W&W württembergische" Quelle: dpa
Fahnen mit dem Logo der Allianz Quelle: dpa
R+V AG Quelle: Presse
CosmosDirekt Quelle: Presse
Debeka Quelle: dpa
Ergo Versicherungen Quelle: dpa
Generali Versicherungen Quelle: dpa
Aachen Münchener Quelle: dpa/dpaweb
Zurich Versicherung Quelle: dpa/dpaweb
HDI Quelle: dapd

Topf mit Rückstellungen für Altkunden

Seit 1994 wurden Altkunden, deren Verträge ausliefen, aus den für sie bestimmten Geldtöpfen bezahlt. Neue Kunden kamen in der Sparte der Altkunden nicht mehr dazu. Mehr als zwei Drittel der ursprünglich 1994 von Altkunden versicherten Summe ist längst aus den Bilanzen der Versicherer verschwunden, weil Verträge gekündigt oder ausgezahlt worden sind. Der Topf mit den Rückstellungen für Altkunden hätte also nach und nach verteilt werden können.

Doch Versicherer, so bleibt zu vermuten, behielten das Geld auch, weil freie RfB als Sicherheitspuffer für das eigene Unternehmen gelten. Und weil sie damals ordentliche Erträge erwirtschafteten, verdoppelte sich das den Altkunden zustehende Geld zeitweise. Von 9,3 Milliarden Euro 1994 schwoll der Topf mit den Rückstellungen bis 2007 in der Spitze auf 18,6 Milliarden an; 2013 waren es immer noch 14,7 Milliarden.

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