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Kunden gehen leer aus Der 15-Milliarden-Coup der Lebensversicherungen

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Geld, das den Kunden zusteht

Es ist Geld, das den Kunden zusteht – es wurde schließlich mit ihren Beiträgen erwirtschaftet. Seit 1994 hätte die Branche „kontinuierlich zu wenig an die Kunden des Altbestands ausgeschüttet“, meint der Berliner Versicherungsrechtler Hans-Peter Schwintowski, Professor an der Humboldt-Universität Berlin. Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher vom Bündnis 90/Die Grünen, sieht einen „Verstoß gegen die Ausschüttungspflicht“. Der Rückstellungs-Topf der Altkunden müsste „mit Abwicklung des letzten Altvertrags leer“ sein. Obwohl seit 1994 immer mehr Policen ausbezahlt wurden, ist der Geldtopf aber so voll wie selten.

Der Versichererverband GDV hält dagegen: „Der Topf der Altkunden konnte nicht kleiner werden, weil Versicherer gleich viel an alle Kunden ausschütten müssen“, sagt GDV-Geschäftsführer Peter Schwark. Laut Gesetz müssen Versicherer alle Kunden gleich behandeln, und neue Kunden hatten noch kein eigenes Geld gespart. Die Schuld an der Misere sieht der GDV daher bei der Regierung. Sie hat 1994 das System der Rückstellungen durcheinandergebracht.

Vier Versicherer verschweigen ihre Zinsen
Öko-Test: Töpfe der Versicherer sind prall gefülltDas Verbrauchermagazin Öko-Test hat die Ertragslage und die Stabilität der Lebensversicherer geprüft. Ergegnis: Die Branche verfüge weiterhin über hohe Bewertungsreserven. Auch die Töpfe mit bereits erzielten, aber noch nicht ausgeschütteten Gewinnen seien prall gefüllt: "Insgesamt schlummern hier weitere 40,8 Milliarden Euro, die eigentlich den Kunden zustehen." Die Finanzstärke der Versicherer wurde mit Schulnoten bewertet. Das ist wichtig für Verbraucher, die wissen wollen, ob ihr Versicherer seine Verpflichtungen erfüllen kann. Dabei wurde unterschieden nach großen und kleinen Versicherern. Ein "Sehr gut" erhielten nur einige kleine Unternehmen, unter den Großen aber keiner. Die Note zwei wurde dagegen immerhin acht Mal vergeben. Befriedigend und damit durchschnittlich lagen immerhin rund zwei Dutzend der Unternehmen. Der Rest landete im Vierer-Bereich.
Bund der Versicherten: "Die Versicherungen rechnen sich arm." Trotz des schwachen Zinsniveaus erwirtschafteten die Versicherer mit Kapitalanlagen immer noch hohe Gewinne, reagierte der Bund der Versicherten (BdV) auf Berechnungen von Öko-Test zur Finanzstärke der Lebensversicherer. Diese Gewinne würden in den Bilanzen aber schlichtweg verschleiert. „Die Versicherungen rechnen sich arm - auf Kosten der Kunden“, kommentierte Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des BdV. Dies geschehe laut Öko-Test zum einen mittels der sogenannten Zinszusatzreserve, welche die Unternehmen seit 2011 zu bilden verpflichtet sind. Diese zusätzliche Reserve soll Niedrigzinsphasen ausgleichen und so die garantierten Zinserträge der Kunden über viele Jahre hinweg langfristig sichern. Die Mittel für diese zusätzliche Reserve generierten die Unternehmen aus Kapitalerträgen. Demnach müssten sie in der Bilanz eigentlich als Gewinn auftauchen. Doch buchhalterisch werde so getan, als würden diese Mittel schon heute eine feste Zahlungsverpflichtung an den Kunden sein.
Was die Lebensversicherer mitteilen: vom Schlechtesten bis zum BestenDie jährliche Zinsgutschrift der Lebensversicherer heißt Überschussbeteiligung, allerdings ist die Begriffswahl nicht völlig einheitlich in der Branche. Manchmal ist auch von Gesamtverzinsung die Rede, obwohl Überschussbeteiligung gemeint ist. Diese Kennzahl setzt sich zusammen aus dem Garantiezins und einem Bonus. Derzeit beträgt der Garantiezins 1,75 Prozent. In alten Verträgen kann er bis zu vier Prozent betragen. Die Lebensversicherer weisen neben der Überschussbeteiligung gerne noch die Gesamtverzinsung eines Vertrags aus, der im nächsten Jahr ausbezahlt wird. Diese Prozentzahl ist meist höher und bezieht sich auf auslaufende Verträge, weil der Kunde noch etwas aus weiteren Gewinntöpfen der Lebensversicherer erhält.  Quelle: dpa
Map-Report: "Nicht verstecken"Aktuell sei die Bereitschaft der deutschen Lebensversicherer, Vorhabinformationen zu ihren Überschussdeklarationen zu geben, nicht besonders stark ausgeprägt, stellt der Branchenkenner Manfred Poweleit in seinem wöchentlichen Map-Fax fest. "Warum eigentlich?", so fragt er. "Nach wie vor hat die Lebensversicherung keinen Grund, sich zu verstecken. Im vergangenen Jahr 2013 wurden die Guthaben der Versicherten mit einer kapitalbildenden gemischten Lebensversicherung im Schnitt aller Rechnungszinssätze mit 3,66 Prozent verzinst."
Vier Versicherer, die lieber schweigenEinige Lebensversicherer liefern seit einigen Jahren keine Daten mehr, etwa an die Ratingagentur Assekurata. Die Analysten der Agentur fertigen jedes Jahr einen Überblick an, wie sich die Überschussbeteiligung und die Gesamtverzinsung von Lebensversicherungen entwickelt. Auf diese Weise sorgen sie für Transparenz in der Branche und für Kunden, die gerne wissen möchten, wie sich ihr Vertrag im Vergleich entwickelt. Doch folgende Versicherer schweigen lieber, wie eine Aufstellung von Assekurata im Internet ergibt. Dies sind: MÜNCHENER VEREIN Lebensversicherung a.G.Uelzener Lebensversicherungs-AktiengesellschaftVPV Lebensversicherungs-AGWWK Lebensversicherung a.G.Auch auf Nachfrage von Handelsblatt Online erfolgte bisher keine Reaktion dieser vier Versicherer.
WWK: keine AntwortDer Versicherer WWK nennt zwar keine Überschussbeteiligung für seine klassische Lebensversicherung. Stattdessen versucht das Unternehmen, sich mit anderen sich von der Konkurrenz abzusetzen. So sei das Unternehmen in der Kategorie „Inländische Anbieter - Agentur-und Maklervertrieb“ mit dem Titel „Bester Lebensversicherer Deutschlands“ ausgezeichnet worden. Jürgen Schrameier, Vorstandsvorsitzender der WWK, erklärte dazu: "Besonders stolz sind wir auf unsere seit vielen Jahren überdurchschnittlich hohe Substanzkraft. Sie ist der Garant für unseren Geschäftserfolg, dies gilt in Zeiten der Niedrigzinsphase stärker denn je.“ Auf Unternehmensebene berücksichtige die umfangreiche Analyse wesentliche Unternehmenskennzahlen wie Eigenkapital- und freie RfB-Quote im Verhältnis zur Deckungsrückstellung. Das Unternehmen zählt nach eigenen Angaben mit Beitragseinnahmen von rund einer Milliarde Euro zu den größten 30 Lebensversicherungen in Deutschland.
Münchener Verein: keine AntwortDas Versicherungsgeschäft werde nicht mit der primären Absicht der Gewinnerzielung betrieben, sondern vornehmlich zur Sicherung eines günstigen Versicherungsschutzes, erklärt das Unternehmen in einer Selbstdarstellung. Im Gegensatz zur Hauptversammlung der Aktiengesellschaft seien in der obersten Vertretung des Versicherungsvereins keine Personen vertreten, die Kapitalinteressen verfolgen, sondern Mitglieder, die gleichzeitig Versicherungsnehmer sind. Bei der Münchener Verein Kranken- und Lebensversicherung erfolge die Vertretung der Mitglieder in der Hauptversammlung durch Mitgliedervertreter. Da nur Mitglieder durch die oberste Vertretung repräsentiert würden, sei der Einfluss von dritter Seite ausgeschlossen. Im Belastungstest des Analysehauses Morgen & Morgen habe der Versicherer im Oktober erneut die Note „Sehr gut“ erhalten, heißt es in einer Pressemitteilung. Morgen & Morgen untersucht dabei die Risiken, die aus den Verpflichtungen des Versicherungsbestands sowie den Kapitalanlagen eines Lebensversicherers resultieren. Quelle: Screenshot

Eigentlich werden Rückstellungen vererbt: Neue Kunden bekommen anfangs einen Teil aus der Spardose, dafür hinterlassen sie bei Vertragsablauf künftigen Kunden Mittel. Doch weil neue Kunden ab 1994 eigene Rückstellungen aufbauen sollten und der noch leere Topf der Neuen vom vollen Topf der Alten getrennt worden ist, mussten die Altkunden nichts mehr vererben und hatten plötzlich „einen größeren Anteil an den Rückstellungen, als ihnen gemessen an ihren eigenen Einzahlungen zusteht. Den Ausgleichsmechanismus zu unterbrechen war ein Fehler, der nun korrigiert wird“, sagt Schwark.

Wohin mit dem vielen Geld?

Die Branche hat nun ein Luxusproblem: Wohin mit dem vielen Geld? Die Versicherer haben deshalb einen neuen Topf erfunden: die „kollektiven Rückstellungen für Beitragsrückerstattung“. In diesen neuen Topf soll ein Teil der 15 Milliarden Euro wandern. Das Geld soll nicht ausgeschüttet werden, sondern dem Kollektiv aller Versicherten gehören – also auch den Neukunden, die nach 1994 unterschrieben haben.

Um die Kollektivierung hinzubekommen, braucht die Branche die neue Verordnung. Falls die nicht kommt, müsste sie das Geld ausschütten. Christian Armbrüster, Professor der Freien Universität Berlin, hat dazu ein Gutachten für den GDV verfasst. In einem Aufsatz schreibt er, dass aus der bisherigen gesetzlichen Regel eine „faktische Pflicht zur Ausschüttung der vorhandenen Rückstellungen für Beitragsrückerstattungen des Altbestandes“ folge. Mit der neuen Verordnung, so Grünen-Abgeordneter Schick, plane die Regierung „eine gesetzlich angeordnete Umverteilung von Geldern, die zu einem erheblichen Teil gar nicht mehr bei den Versicherungen liegen dürften“ – ein 15-Milliarden-Euro-Coup.

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