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Lebensversicherung Die Mutlosigkeit der Versicherer

Die Lebensversicherer kranken an den Niedrigzinsen. Die Branche wird sich neu erfinden und auf andere Aspekte als die Rendite konzentrieren müssen. Allein: Es fehlt der Mut zum Wandel.

Die Lebensversicherer stehen den anhaltenden Niedrigzinsen mutlos gegenüber. Quelle: dpa

Unter den Vorständen der deutschen Lebensversicherer rutscht ein Wort langsam aber sicher auf den Index. Das R-Wort: Rendite. Auf der Fachkonferenz "Lebensversicherung aktuell" in Düsseldorf am Montag und Dienstag waren sich die Vorstände zahlreicher Lebensversicherer jedenfalls einig, dass sie in Zukunft nicht mehr die Rendite, sondern die eigentlichen Versicherungsaspekte der Lebensversicherung in den Vordergrund stellen sollten. "Wir sollten uns auf das Thema Langlebigkeit konzentrieren", sagt etwa Rolf Schünemann, Vertriebsvorstand der Lebensversicherung von 1871. Allein die Lebensversicherer mit der garantiert lebenslangen Zahlung von Altersrenten könnten hier eine Lösung bieten.

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Hinter dem Sinneswandel - über Jahrzehnte hatten die Anbieter selbst die Lebensversicherung als renditestarke Geldanlage beworben - steckt keine plötzliche Erleuchtung, sondern der Effekt der Niedrigzinsen. So zeigte Norbert Heinen, Vorstandsvorsitzender der Württembergischen Versicherung, dass die den Kunden bei 30 Jahren Laufzeit unverbindlich in Aussicht gestellte Rendite auf deren Beitrag seit 1970 von rund 7,5 Prozent auf aktuell nur noch gut 2,0 Prozent pro Jahr gefallen ist.

"Die Lebensversicherungsbranche wird sich neu erfinden müssen oder untergehen", urteilte Heinen selbstkritisch. Denn die Auswirkungen der Niedrigzinsen sind kaum zu unterschätzen: So dauert es bei nur 0,4 Prozent Zins ganze 150 Jahre, bis sich das eingesetzte Kapital verdoppelt habe, rechnete Marcus Nagel vor, Vorstandsvorsitzender der Zurich Deutscher Herold Lebensversicherung.

Es fehlt Mut zum Neu-Erfinden

Nach der zweitägigen Fachkonferenz drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass der Mut zum Neu-Erfinden noch nicht groß genug ist. Noch scheinen die Versicherer vor allem am Marketing zu arbeiten, in ihrem Kerngeschäft aber nur kleinere Justierungen vornehmen zu wollen. Ihre Devise lautet: Garantien der Kunden und Kosten runter. Sonst soll sich wenig ändern. Damit aber dürften sie ihre Bedeutung in der Altersvorsorge - mit aktuell noch 88 Millionen Verträgen - nicht dauerhaft sichern können.

Mit dem Fokus auf die Absicherung zentraler Lebensrisiken, wie finanzielle Engpässe wegen Langlebigkeit oder Berufsunfähigkeit, wären die Lebensversicherer im aktuellen Niedrigzinsumfeld tatsächlich gut beraten. Nur wollen sie diesen Aspekt zwar in den Vordergrund stellen, sich aber nicht darauf beschränken. "Wir müssen uns in der Vermarktung anders darstellen, dass da nicht mehr über Rendite, sondern über Langlebigkeit gesprochen wird", sagt Schünemann von der LV von 1871 - und offenbart, dass er nicht über ein echtes Umdenken, sondern über einen neuen Anstrich redet.

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Tatsächlich ist die Absicherung der zentralen Risiken eine der Hauptaufgaben bei der Altersvorsorge. Alexander Kling, Partner beim Beratungsunternehmen Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften, servierte den Versicherern die Argumente auf dem Silbertablett: Seit 1840 sei die Lebenserwartung Neugeborener alle zehn Jahre um 2,5 Jahre gestiegen, wenn man das jeweils gesündeste Land als Maßstab heranziehe.

Trotz anderslautender Einwände gebe es bislang keinerlei Anzeichen dafür, dass dieser Anstieg abflache. Die Endkunden würden dieses Risiko jedoch völlig unterschätzen. So würden sie die eigene Lebenserwartung meist nur drei bis vier Jahre länger einschätzen als die Lebensdauer der eigenen Großeltern. Tatsächlich läge der Anstieg der Lebenserwartung aber eher bei 15 Jahren.

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