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Lebensversicherung Stabilität ad absurdum geführt

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Display mit der Aufschrift Lebensversicherung Quelle: dpa

Ein Geldtopf, den Versicherer für die Zahlung der Garantiezinsen füllen müssen, bringt die Branche in die Bredouille. Die Aufsicht überdenkt nun ihre Vorschriften.

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Die Finanzaufsicht BaFin überprüft aktuell ihre eigenen Regeln für einen Geldtopf, in dem Lebensversicherer aufgrund der niedrigen Zinsen seit 2011 Kapital zurücklegen müssen. Der Topf, der Zinszusatzreserve heißt, dient als Sicherheit dafür, dass Versicherer die ihren Kunden garantierten Zinsen zahlen können. Die Branche hat schon mehr als 20 Milliarden Euro eingezahlt. Doch die Vorschrift zur Stabilisierung der Branche destabilisiert sie nun. Denn die Zinsen sinken schneller und heftiger als erwartet. Versicherern bereitet es immer größere Probleme, mehr und mehr Milliarden auf die Seite zu legen.

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Die BaFin räumt ein, dass ihr „Belastungen für die Branche bewusst“ seien. BaFin-Chef Felix Hufeld sagte der WirtschaftsWoche: „Die herrschenden Zinsbedingungen sind in der Tat eine große Herausforderung für Branche und Aufsicht gleichermaßen.“ Die Behörde hat daher reagiert: „Vor dem Hintergrund des stetig sinkenden Zinsniveaus hat die BaFin eine interne Arbeitsgruppe eingerichtet, die überprüft, ob und in welchem Maße eine Rekalibrierung der Zinszusatzreserve erforderlich erscheint“, teilte die Behörde auf Anfrage mit. Die Arbeitsgruppe ist demnach erst kürzlich eingerichtet worden.

Die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV), in der sich Versicherungsmathematiker zusammengeschlossen haben, will nun erreichen, dass Versicherer die Reserve langsamer aufbauen können. „Keiner hat damit gerechnet, dass man für zehnjährige Staatsanleihen plötzlich nur noch Zinsen nahe Null bekommt“, sagt DAV-Vorstandschef Wilhelm Schneemeier. Das Tempo für den Aufbau der Zinszusatzreserve sei daher für einige Lebensversicherer nur schwer durchzuhalten.

Die Aufsicht hat nun die Wahl zwischen Pest und Cholera: Würde sie ihre Vorschrift lockern, könnten Versicherer den Topf zwar langsamer befüllen. Das würde jedoch die durch die Zinszusatzreserve beabsichtigte Stabilisierung der Lebensversicherer ad absurdum führen: Dürften Versicherer weniger Kapital zur Seite legen, könnten einzelne zu wenig Geld haben, um hohe Garantien zu bedienen.

Und bliebe alles, wie es ist, müssten Versicherer weiter ihr Tafelsilber verscherbeln. Um die Zinszusatzreserve zu befüllen, verkaufen sie der Ratingagentur Standard & Poor’s zufolge Anleihen mit hohen Kursgewinnen. Das ist gefährlich: Denn Kursgewinne haben gerade Anleihen mit hohen Kupons. Diese Anleihen zu verkaufen, gleicht aber dem Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Denn Zinsen auf die hoch verzinsten Anleihen kassieren Versicherer künftig nicht mehr. Folge: Der durchschnittliche Zins im Portfolio sinkt, die Probleme verschärfen sich. „Realisieren Versicherer zu viele Kursgewinne auf Anleihen, um die Zinszusatzreserve schneller aufzubauen, fehlt in den nächsten Jahren das Geld, um den Kunden zeitnah eine Überschussbeteiligung zahlen zu können“, beschreibt Schneemeier ein weiteres Problem. Die DAV sei daher im Gespräch mit der Aufsicht, um den Topf mit „mehr Augenmaß“ zu befüllen und Einzahlungen beispielsweise über 16 Jahre zu strecken.

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