Lebensversicherung Versicherer tricksen bei der Transparenz

Die Probleme der Lebensversicherer sind trotz Reformen gewaltig, fast täglich gibt es neue Warnungen. Für den Kunden sollten die Kosten eigentlich transparenter werden, aber jeder Versicherer rechnet, wie es ihm gefällt.

Lebensversicherung Quelle: dpa

Man hatte es in den Wirren der Griechenland-Rettung fast vergessen: Seit Januar gelten für die Lebens- und Rentenversicherungen neue Regeln. Viele der mehr als 60 Millionen Versicherten werden die Auswirkungen zu spüren bekommen, die das Lebensversicherungs-Reformgesetz  (LVRG) auch auf ihre Verträge hat. Das Gesetz hat der Bundestag 2014 eilig im Sommer verabschiedete, als die Bevölkerung im Fußball-WM-Taumel alles andere vergaß. Sogar einigen Politikern ging das damals zu schnell und sie kritisierten etwa Schlupflöcher im Gesetz, die den Versicherern Möglichkeiten böten, sich wirtschaftlich schlechter darzustellen, als sie sind.

Wo es möglich war, wurden die Verpflichtungen der Versicherer - und damit die Ansprüche der Kunden – gestutzt, um die Lebensversicherer vor dem Untergang zu retten. Sie sollten wenigstens noch in der Lage sein, garantierte Zusagen trotz der Niedrigzinsen einzuhalten. Weil es plötzlich sehr vielen Versicherern sehr schlecht zu gehen scheint, wurde den Altkunden, deren Verträge in Kürze auslaufen, der Anteil an den Bewertungsreserven branchenweit gestrichen. Für Neuverträge wurde der Garantiezins auf 1,25 Prozent gesenkt. Erst auf Druck des Bundesrates kamen Transparenzvorschriften für die Kosten und eine Beschränkung von Provisionen hinzu.

Dafür verprassen Deutsche ihre Lebensversicherung
Platz 10: Hobbys (1,7 Prozent)Rund 40 Milliarden Euro zahlen deutsche Versicherer jährlich für auslaufende Lebensversicherungen aus. Das stecken nur 1,7 Prozent der Empfänger in ihre eigenen Hobbys. Die Zahlen stammen von der Gothaer Versicherung. Diese hat die Gesellschaft für Konsumforschung GfK beauftragt, über 1.000 Deutsche zu ihren "Zahltag-Wünschen" zu befragen, wenn die Lebensversicherung fällig ist. Quelle: dpa
Platz 9: Zweit-Wohnsitz im Ausland (2,7 Prozent)Ein Domizil an der Sonne gilt als klassische Ausgabe für Senioren. Dabei wollen nur 2,7 Prozent der Befragten ihre Lebensversicherung für eine Immobilie auf Mallorca und Co. verprassen. Quelle: dpa
Platz 8: Erfüllung von Kauf-Wünschen (3 Prozent)Deutschlands Senioren geben sich bescheiden. Auch dem Klischee des Rentners, der sich endlich ein Cabrio leisten kann, wollen sie nicht folgen. Nur drei Prozent wollen sich solche teuren Wünsche erfüllen, wenn die Lebensversicherung fällig ist. Quelle: dpa
Platz 7: Wohnung oder Haus kaufen (7,7 Prozent)Deutlich mehr Befragte wollen im Alter eine Immobilie kaufen: 7,7 Prozent planen ihre Lebensversicherung dafür einzusetzen. Die Rekord-Preise zahlreicher Immobilien in München, Düsseldorf oder Frankfurt können sich ohnehin nur noch junge Glücksritter oder eben "Best-Ager" leisten. Der Deutschen Bank zufolge stiegen die Immobilienpreise in Großstädten seit 2008 jährlich um sieben Prozent. Quelle: dpa
Platz 6: Anlage für Kinder oder Enkelkinder (9,3 Prozent)Viele Deutsche geben sich bei der Lebensversicherung uneigennützig: 9,3 Prozent nutzen die Auszahlung, um sie wieder für ihre Kinder oder Enkelkinder anzulegen. Quelle: obs
Platz 5: Renovierungen (10,7 Prozent)Im Alter haben sich viele Deutsche oft schon Haus und Grund zugelegt - und bringen mit ihrer Lebensversicherung Haus und Wohnung wieder in Schuss. 10,7 Prozent der Befragten haben Renovierungen als "Zahltag-Wunsch" angegeben. Quelle: dpa
Platz 4: Weitersparen (11,8 Prozent)Kaum ist das ersparte Geld da, soll es wieder reinvestiert werden: 11,8 Prozent wollen nach der Auszahlung ihrer Lebensversicherung weiter sparen. Quelle: dpa
Platz 3: Einkünfte aufstocken (13,3 Prozent)Bei der mittlerweile oftmals kargen Rente, nutzen einige Deutsche ihre Lebensversicherung, um jeden Monat ein wenig mehr im Portemonnaie zu haben. 13,3 Prozent wollen so ihre laufenden Einnahmen aufstocken. Quelle: dpa
Platz 2: Reisen (15,4 Prozent)In der Rente bekommen die Deutschen vor allem eines: Zeit. Gemeinsam mit dem Geld einer Lebensversicherung wollen 15,4 Prozent der GfK-Befragten diese nutzen, um Weltreisen oder Kreuzfahrten anzutreten, die im Berufsleben so kaum möglich gewesen wären. Quelle: obs
Platz 1: Abbezahlung von Haus und Wohnung (15,6 Prozent)Raus aus den Schulden zu kommen, steht bei den Deutschen an erster Stelle. Mit 15,6 Prozent möchte die größte Gruppe der Befragten mit ihrer fälligen Lebensversicherung ihr Haus oder ihre Wohnung entschulden. Besondere Priorität hat das in Thüringen (22,6 Prozent), Brandenburg (21,4 Prozent) und Baden-Württemberg (19,9 Prozent). Quelle: dpa

Die geforderte Transparenz schuldig geblieben

Und genau hier tricksen viele Versicherer offenbar, wo sie können. Eigentlich sollten Versicherte, die jetzt einen neuen Vertrag abschließen, durch die Angabe von Effektivkosten erkennen können, wie stark die Abschlusskosten, also die Provision für den Versicherungsverkäufer, und die Verwaltungskosten eines Versicherungsvertrages die jährliche Rendite schmälern. Je höher die Abzüge, desto weniger Geld fließt in den Vertrag und nur diese Summe wird in Höhe des Garantiezinses verzinst. Die einheitliche Angabe einer Effektivkostenquote würde die Verträge der Versicherer zumindest in punkto Kosten vergleichbar machen.

Die solventesten Lebensversicherer

Kein Rechenfehler, sondern Methode

Zwar hat die Lobbyorganisation, der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft, seinen Mitgliedern ein Berechnungsverfahren für die Effektivkosten vorgeschlagen, aber offenbar haben sich einige nicht daran gehalten. Eine Studie im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) mit Berechnungen des Berliner Instituts für Transparenz in der Altersvorsorge (ITA) und des Analyseunternehmens Morgen&Morgen ergab, dass bei vielen Versicherern die Kostenquoten viel höher sind, als die Anbieter selbst berechnet hätten. Um einen peinlichen Rechenfehler, der dem Versicherer Ergo unterlaufen war bei der Berechnung von Ablaufleistungen seiner Kunden, handelt es sich im Fall der Kosten aber offenbar nicht. Die Berechnung der unabhängigen Experten führte in einem Fall zu doppelt so hohen Kosten. Die Gothaer berechnet für eine Rentenversicherung Effektivkosten von 0,58 Prozent, die einheitliche Berechnung von Morgen & Morgen enthüllt aber 1,14 Prozent. Vom günstigen Anbieter wird das Unternehmen zu einem der teuersten. Kaum Abweichungen gab es hingegen bei Allianz, Alte Leipziger, Barmenia und Cosmos, sie haben offenbar vorbildlich gerechnet.

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