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Lebensversicherung Zeitbombe Kurzfristzinsen

Lebensversicherer locken Kunden mit hohen Zinsen wie auf einem Tagesgeldkonto. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) weist die Versicherer deswegen in die Schranken. Wieso Kunden jetzt mit sinkenden Zinsen rechnen müssen.

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Euro-Münzen: Wer sein Quelle: dpa

Die Lebensversicherungsbranche kämpft mit allen Mitteln um das Geld der Kunden. Immer weniger schließen einen langfristigen Vertrag ab, 2009 gingen die monatlich laufenden Neubeiträge um 15,5 Prozent zurück. Die Beitrageinnahmen der Lebensversicherer aber scheinen zu explodieren. Das liegt am sogenannten Einmalbeitragsgeschäft, das schon 2009 mit 21 Milliarden Euro fast ein Viertel der Beitragseinnahmen ausmachte – ein Plus von 60 Prozent. Bei den sogenannten Kapitalisierungsgeschäften, einem Teil des Einmalbeitragsgeschäftes, zahlen Kunden Geld ähnlich einem Tagesgeldkonto ein – und können es jeden Tag wieder abziehen. So bietet etwa Cosmos Direkt derzeit 1,75 Prozent Zinsen. Die Branche will so Kunden für neue Verträge ködern.

Doch die Kurzfristprodukte der Branche könnten sich bei einer Zinswende als Zeitbombe entpuppen.

Die BaFin will diesem Geschäft jetzt einen Riegel vorschieben. Bisher, so die Kritik, konnten Versicherer die vergleichsweise hohen Zinsen nur zulasten der treuen langfristig Lebensversicherten anbieten. „Dies bedeutet eine Plünderung des Kollektivs" sagt Carsten Zielke, Analyst bei Société Générale. Für Altkunden haben Versicherer bereits vor Jahren, als die Zinsen noch üppig waren, langlaufende und somit hoch verzinste Anlagen gekauft. Das lohnt sich, denn Lebensversicherungen laufen üblicherweise zwölf bis über 30 Jahre. Kurzfristsparer hingegen können ihr Geld täglich wieder abziehen. Wieso also sollten sie von den rentierlichen Anlagen der treuen Altkunden profitieren?

Neue Regeln

Endgültig über die neuen Regeln entschieden hat die BaFin zwar noch nicht. Aber auf ihrer Internetseite stellt sie jetzt drei Hauptpunkte zur Diskussion:

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    1) Versicherer sollen Geld aus dem Kapitalisierungsgeschäft, in dem Kunden Bares ähnlich einem Tagesgeldkonto täglich ein- und auszahlen können, separat anlegen, sobald Kunden mehr als drei Prozent der gesamten Beiträge des Versicherers nur kurzfristig einzahlen.

    2) Versicherer sollen der Aufsicht monatlich Zahlen zur Liquidität zur Verfügung stellen. Kernfrage dabei: Wie schnell könnte der Versicherer die Kapitalanlagen zu Marktwerten verkaufen, falls Kunden schnell viel Geld abziehen?

    3) Versicherer sollen die Laufzeit der Tagesgelder in Zukunft im Voraus festlegen. Auch soll der Versicherer in Zukunft einer möglichen Verlängerung widersprechen können. Das macht das bankähnliche Geschäft für die Versicherer planbarer.

    Bisher galt die Drei-Prozent-Quote nur als Empfehlung der BaFin. Versicherer mussten sich nicht daran halten und das Geld der Kurzfristsparer nicht unbedingt in einem separaten Topf anlegen, obwohl Versicherer wie Cosmos Direkt oder Ergo das bereits für sich reklamieren. Genau das wird aber zu sinkenden Renditen für Kurzfristsparer führen. Denn welcher Versicherer schneidet sich schon gerne ins eigene Fleisch?

    Es stellt sich doch die Frage, wie Versicherer – zum Beispiel Cosmos Direkt - die derzeit versprochenen 1,75 Prozent Rendite verdienen? Ihnen bleiben nur extrem langfristige Anlagen oder hochriskante Papiere. Für zweijährige Bundesanleihen gibt es aktuell gerade einmal 0,758 Prozent Rendite. Selbst fünfjährige bieten nur 1,68 Prozent. Bleiben also risikoreiche Anlagen wie Griechenpapiere: Für eine zweijährige Laufzeit kassieren Anleger über zehn Prozent. Das wäre jedoch riskant, denn die Papiere sind längst nicht so liquide wie Bundesanleihen. Gibt es mit der Zinswende woanders eine höhere Rendite für die Kunden, werden sie ihr Erspartes schnell und schonungslos abziehen. Die Versicherer müssen dann schlagartig die langfristig angelegten Papiere auf den Markt schmeißen. Tun das andere Investoren ebenfalls zuhauf, könnten die Börsenkurse der Anleihen schlagartig sinken – Versicherer müssten möglicherweise mit Verlust verkaufen, um den Zins-Flüchtlingen schnell Bares zu überweisen. Das werde nicht passieren, meinen Versicherungsvorstände. So sagte Jürgen Meisch, Finanzvorstand der Gothaer der WirtschaftsWoche: „Wir haben die Zinsen für 2010 deutlich gesenkt, aber die Kunden ziehen das Geld trotzdem nicht ab."

    Dass es langfristig jedoch nicht funktionieren kann, kurzfristig verfügbare Anlagen mit langfristigen gegenzufinanzieren und umgekehrt, ist spätestens seit dem Beinahezusammenbruch der Hypo Real Estate bekannt. Der Baufinanzierer hatte langfristige Kredite kurzfristig gegenfinanziert. Als es aufgrund mangelnden Vertrauens kurzfristig kein Geld mehr am Kapitalmarkt gab, brach das Konstrukt zusammen. Die Folgen sind bekannt, der Konzern musste mit Steuermilliarden gerettet werden. Das sollte den Versicherern dank Protektor, der Sicherungseinrichtung für die Lebensversicherer in Deutschland, hoffentlich nicht passieren.

    Sinkende Renditen

    Die Folge werden aber sinkende Renditen sein, denn alternativ bleibt Versicherern nur dieser Ausweg. Der Prozess ist bereits im Gange. So bot Cosmos Direkt anfangs noch Lockzinsen über 2,1 Prozent an – drei Monate später waren es nur noch 1,75.

    Auch wenn die Vorschläge der BaFin bisher noch nicht bindend sind und Interessierte bis zum 20. August Stellung nehmen können, spricht vieles dafür, dass es so kommt. Die BaFin sollte in ihrer endgültigen Fassung aber die Drei-Prozent-Quote kippen und Lebensversicherer zwingen, das Geld der Kurzfristsparer komplett in einem separaten Topf zu verwalten. Sind sie dazu gezwungen und belassen sie es bei solch üppigen Renditen, schneiden sie sich am Ende ins eigene Fleisch. Doch bevor sie das tun, senken sie wohl lieber die Zinsen auf ein marktnahes Niveau.

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