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Leser fragen, die WiWo antwortet Wann Riester ein Minusgeschäft ist

Mancher Riestersparer verliert Geld, ohne es zu merken Quelle: imago images

Es gibt 16,5 Millionen Riester-Verträge in Deutschland. Viele Sparer fragen sich derzeit, ob sie ihren Vertrag kündigen sollten. Für wen sich das lohnt – und wem trotz garantiertem Beitragserhalt ein Minusgeschäft droht. Die Fragen und Antworten aus unserem WirtschaftsWoche-Experten-Call.

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Im März haben sich zahlreiche WiWo-Leser im Rahmen des WiWo-Clubs in einen Expertencall zum Thema Riester-Rente eingewählt. Dort konnten sie Niklas Hoyer, Leiter Verbraucherfinanzen, und Redakteurin Kristina Antonia Schäfer eine halbe Stunde lang alle Fragen stellen, die ihnen rund um Förderung, Steuern, Sparpläne und Last-Minute-Tipps unter den Nägeln brannten. Hier finden Sie die Fragen – und Antworten –, die rund um das Thema Riester und bestehende Verträge aufkamen.

Ein häufig geäußerter Kritikpunkt an Riester sind die hohen Kosten. Gibt es Möglichkeiten, die Rentabilität einzelner Angebote zu berechnen und zu vergleichen?
Was jeder nutzen kann und auch sinnvoll ist, sind die sogenannten Produktinformationsblätter, kurz PIB. Die gibt es bei jedem Anbieter, zum Beispiel für verschiedene Spardauern. Darin ist etwa aufgeführt, wie stark die Kosten Jahr für Jahr die Rendite schmälern. Teilweise kommen da große Summen zusammen. Bei der Riesterrente Perspektive der Allianz zum Beispiel mindern die Kosten über 30 Jahre Laufzeit gerechnet die Rendite um etwa 1,4 Prozentpunkte. Bei Fondssparplänen ist es teilweise sogar mehr. Es gibt aber auch günstigere Varianten. Deswegen sollte man das dringend vergleichen.

Wenn ich schon einen Riester-Vertrag habe, woran kann ich erkennen, wie gut oder schlecht er ist?
Das Praktische bei Riester ist, dass man jedes Jahr ein Schreiben bekommt. Darin steht, wie viel Geld seit Bestehen des Vertrages eingeflossen ist, sowohl eigene Zahlungen als auch Zulagen, und was der Stand des Riester-Kontos ist. Da kann man sehen, ob der Anbieter es zumindest geschafft hat, dass mehr Geld auf dem Konto ist, als eingezahlt wurde. Gerade bei Riester-Rentenverträgen ist das am Anfang oft nicht der Fall. Die Versicherer stellen nämlich die Kosten häufig gleich zu Beginn in Rechnung. Deshalb ist es bei solchen Verträgen ein schlechter Zeitpunkt, nach wenigen Jahren die Reißleine zu ziehen, auch wenn die Zahlen schlecht aussehen. Kündigen ist ohnehin meist nicht die optimale Lösung.

Kann es sinnvoll sein, den Vertrag beitragsfrei zu stellen?
Das kommt sehr auf den individuellen Fall an. Für manche kann es sinnvoll sein, den alten Vertrag beitragsfrei zu stellen und einen neuen abzuschließen. Man kann auch grundsätzlich das Geld aus dem alten Vertrag in einen neuen Vertrag mitnehmen, wenn die Anbieter das mitmachen. Da sollte man aber vorher überprüfen, welche Kosten dafür beim alten Anbieter anfallen.

Ein Tipp: Manche Versicherungsvertreter sehen so etwas als Chance, um einem nochmal einen neuen Vertrag zu vermitteln, für den sie dann wieder Abschlusskosten ansetzen dürfen. Da könnte es sinnvoll sein, einen Honorarberater zu beauftragen. Den muss man zwar auch bezahlen, aber dem kann es egal sein, ob man einen neuen Vertrag abschließt oder den alten optimiert. Eine andere Variante ist, zur gesetzlichen Rentenversicherung zu gehen. Die bieten mittlerweile auch über die gesetzliche Rente hinaus Altersvorsorgeberatung an, und das kostenfrei. Die können nicht sehr in die Tiefe gehen, aber eine Orientierung bieten.

Bekomme ich bei Riester am Ende auf jeden Fall mehr Geld raus, als ich eingezahlt habe? Oder kann es sogar sein, dass ich ein Verlustgeschäft mache?
Es kann bei Riester passieren, dass man weniger herausbekommt, als man eingezahlt hat. Es gibt zwar einen garantierten Beitragserhalt, das ist gesetzlich so vorgeschrieben. Vordergründig sind Verluste damit ausgeschlossen: Wenigstens die eigenen Einzahlungen und die staatlichen Zulagen müssen erhalten bleiben. Dieser garantierte Beitragserhalt gilt aber nur zu Beginn der Auszahlungsphase. Diese Summe liegt dann auf dem, nennen wir es mal: Riester-Konto, sei es bei einer Fondsgesellschaft oder bei einem Versicherer oder wo auch immer. Auf dieses Konto hat man als Sparer aber gar keinen Zugriff. Die Summe ist damit in gewisser Weise fiktiv. Man kann nicht sagen, dass man das Geld jetzt auf einen Schlag kassieren will. Vorgesehen ist, dass es als Rente ausgezahlt wird.

Ist das unbedingt schlecht?
Eine Rentenversicherung ist immer eine Wette auf ein langes Leben. Damit schließt sie aus, dass am Ende des Geldes noch Leben übrig ist, was Sicherheit gibt. Die Rentenversicherungen rechnen jedoch mit einer sehr hohen Lebenserwartung. Oft muss man 90 Jahre oder sogar noch älter werden, um das eingezahlte Geld wiederzusehen. Wer sich schon grundlegend abgesichert hat und etwas zusätzlich für die Altersvorsorge tun will, der sollte also vermeiden, in eine solche Rentenversicherung hereinzukommen.

Wie gelingt das?
Mit der sogenannten förderschädlichen Verwendung. Dabei lässt man sich das Geld auf einen Schlag auszahlen, bevor es eigentlich in die Verrentung geht. Da muss man zwar die Förderung zurückzahlen, nicht aber die Zinsen und Erträge auf dieses vom Staat beigesteuerte Geld. Das ist daher weniger schlimm, als es klingt. Man hat zudem den Vorteil, dass man nur auf die Hälfte des Gewinns Steuern zahlen muss. Das kann zu einer deutlich höheren Rendite führen als eine Verrentung, für die man sehr alt werden muss.

Bietet der garantierte Beitragserhalt Riestersparern Vorteile? Sie können so doch zum Beispiel mit Fondssparplänen in Aktien investieren, ohne große Risiken einzugehen?
Das klingt gut. Es führt nur zu einem Problem: Die Anbieter müssen ja für diese Garantie einstehen. Und sobald die Aktienkurse mal abstürzen, wie zur Zeit im Zuge der Coronakrise, schichten sie das Geld dann oft um: raus aus Aktien, rein in sichere Anlagen wie Anleihen oder Cash. Schon in der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass oft zu ungünstigen Zeitpunkten Geld aus den Aktienmärkten abgezogen wird. Aktuell sind die Riester-Fondssparer bei DWS und Union Investment zum Beispiel kaum noch in den Aktienmärkten investiert. Das gibt kurzfristig Sicherheit, nimmt aber die Chance, an Kurserholungen zu verdienen.

In der WirtschaftsWoche hatten wir mehrfach eine Alternative vorgestellt: einen Riester-Fondssparplan des Start-ups Fairr. Dort sollte die Aktienquote lange hoch bleiben. Haben die die Krise besser weggesteckt?
Leider gar nicht. Eigentlich wollte Fairr bis 20 Jahre vor Rentenbeginn die Aktienquote der Riestersparer bei 100 Prozent halten. Nun mussten sie, beziehungsweise die Sutor Bank, die hier die Vermögensverwaltung übernimmt, eingreifen – was vertraglich möglich ist – und haben vorübergehend alles Geld der Kunden komplett aus Aktien geholt. Es liegt nun schlicht als Bargeld auf Konten. Wann hier wieder ein Einstieg in die Märkte erfolgt, ist noch offen. Viele Kunden dürften sich ihren Fondssparplan aber anders vorgestellt haben. Wenn ich auf eigene Faust fürs Alter vorsorge, etwa mit ETF-Sparplänen ohne staatliche Förderung, kann ich auch heftige Kurseinbrüche aussitzen und auf Besserung warten.

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