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Niedrigzinsen Das Ende der Lebensversicherung (wie wir sie kennen)

Aufmacherbild Lebensversicherer Quelle: Getty Images

Alte Garantien werden durch Niedrigzinsen zur erdrückenden Last, selbst ein schneller Zinsanstieg wäre ein großes Problem: Die klassische Lebensversicherung hat kaum eine Überlebenschance.

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Die Nerven in der Lebensversicherungsbranche liegen blank. Kritische Berichte, wie jüngst etwa in der Zeitschrift "Ökotest", führen zu heftigen Reaktionen auf Seiten der Versicherer.

Die Rollen von Gut und Böse, von Recht-Habern und Wahrheits-Verdrehern sind dabei aber nicht eindeutig verteilt. Auf beiden Seiten werden die Fakten teils einseitig beleuchtet und sind zu oft von einer feststehenden Meinung beeinflusst.

Das Gerede von den gierigen Versicherern und den geprellten Kunden geht am Kern des Problems vorbei. Das ist gefährlich. Denn die Lage der Lebensversicherung ist ernst. Gerade jetzt wäre daher der Zeitpunkt, offen über die Probleme der Branche zu diskutieren und Lösungsansätze für den - ohne jede Frage vorhandenen - Vorsorgebedarf zu suchen.

Tipps: Die richtige Police finden

Versuchen wir es, mit einem kritischen Blick auf einige Probleme der Branche und einer Analyse, warum die Zukunft der Lebensversicherung gefährdet ist.

Aus Kundensicht ist der Befund eindeutig: Die Lebensversicherungen - mit rund 88 Millionen Verträgen immer noch einer der Hauptpfeiler der Altersvorsorge - werfen immer weniger ab. Die laufende Verzinsung der Sparguthaben wird laut Analysedienstleister Assekurata dieses Jahr auf 3,3 Prozent fallen.

Das wären 0,2 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr, der Rückgang hätte sich damit erneut beschleunigt. Neukunden bekommen bei 25-jähriger Laufzeit aktuell noch eine garantierte Verzinsung ihrer Gesamtbeiträge von schlappen 0,4 Prozent. Würden die Lebensversicherer weiter ihre aktuellen Überschüsse auszahlen, kämen 2,9 Prozent Rendite zusammen. Dabei drücken allein die Kosten die Rendite um 0,8 Prozentpunkte.

Abhängigkeit von Zinsen

Schon das ist kaum ein Grund zum Abschluss. Doch dass es bei konstanten Überschüssen bleibt, ist zudem extrem unwahrscheinlich. Denn die Lebensversicherer hängen fast komplett von einer einzigen Größe ab: den Zinsen.

80 Prozent und mehr ihrer Kapitalanlagen - dahinter steckt ganz überwiegend das Geld der Kunden - sind zu einem festen Zins angelegt. Das Problem ist nur, dass die Zinsen seit September 1981, also seit fast 34 Jahren, nur eine Richtung kennen: im Trend nach unten.

Deutsche Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit sind von etwa 11,4 Prozent Rendite pro Jahr 1981 auf aktuell 0,3 Prozent Rendite gefallen - ein Rückgang der Jahresrendite um 97 Prozent. Laut historischen Daten war die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen seit 1815 nie unter drei Prozent gefallen (die Hyperinflation 1923 ist dabei ausgeklammert).

Das hatte nur bis zur Finanzkrise 2008/2009 Bestand. 2012 wurde dann auch die 2-Prozent-Schwelle dauerhaft durchbrochen, seitdem ging es stetig weiter runter.

In diese Lebensversicherungen fließt das meiste Geld
Platz 20: Gothaer LebenDie Lebensversicherung ist noch nicht tot. Das Neugeschäft bei den Versicherern läuft immer noch wie geschmiert – trotz aller Unkenrufe. Die Kunden scheinen keine Alternative zur Lebensversicherung zu finden, denn die große Flucht blieb bisher aus. Die Gothaer Lebensversicherung AG bietet für 2014 eine Gesamtverzinsung, einschließlich Schlussüberschussbeteiligung und Mindestbeteiligung an den Bewertungsreserven, in Höhe von 4,20 Prozent für das Neugeschäft. Die laufende Gesamtverzinsung (ohne Schlussüberschussbeteiligung und Mindestbeteiligung an den Bewertungsreserven) sinkt um 0,2 Prozentpunkt auf 3,30 Prozent. Bruttobeiträge 2013: 1,3 MilliardenBruttobeiträge 2012: 1,25 MilliardenVeränderung: + 4,2 ProzentRang (Vorjahr): 20Datenquelle für die Prämieneinnahmen : Zeitschrift für Versicherungswesen, 1. April 2014 Quelle: dpa
Platz 19: Swiss LifeDer Versicherer Swiss Life, der den Finanzvertrieb AWD kaufte und umbenannte, muss noch deutlicher runter, wie das Versicherungsjournal notiert. Für 2013 falle die Überschussbeteiligung auf 3,0 Prozent. Im Vorjahr waren es 3,3 Prozent, davor noch 3,5 Prozent. Und für 2011 schrieb der Schweizer Versicherer seinen deutschen Kunden sogar noch 3,8 Prozent gut. Bruttobeiträge 2013: 1,328 MilliardenBruttobeiträge 2012: 1,33 MilliardenVeränderung: - 0,4 ProzentRang (Vorjahr): 17 Quelle: dpa
Platz 18: Volkswohl Bund LebenDie Volkswohl Bund Lebensversicherung hält ihre Überschussbeteiligung 2014 stabil. Die laufende Verzinsung bleibe bei 3,65 Prozent und die Gesamtverzinsung bei rund 4,3 Prozent, teilte die Gesellschaft mit. Als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit zahlt das Unternehmen einen vergleichsweise hohen Teil seiner Erträge an die Versicherten aus. Für 2012 lag die Überschussbeteiligung noch bei 4,05 Prozent. Bruttobeiträge 2013: 1,33 Milliarden EuroBruttobeiträge 2012: 1,29 Milliarden EuroVeränderung: + 2,8 ProzentRang (Vorjahr): 19 Quelle: PR
Platz 17: Provinzial Nordwest LebenDer Sparkassenversicherer aus Düsseldorf hat die Überschussbeteiligung erneut recht deutlich gesenkt. Sie liegt nun bei 3,1 Prozent. Das sind 0,3 Prozent weniger als im Vorjahr, als die Zinsgutschrift von 3,75 auf 3,4 Prozent zurückgenommen worden war. Die Gesamtverzinsung betrage nun 3,8 Prozent, davon entfallen auf den Schlussüberschuss 0,2 Prozent und die Beteiligung an den Bewertungsreserven 0,5 Prozent. Im Vorjahr war die Gesamtverzinsung der Provinzial Rheinland um 0,15 Prozentpunkt auf insgesamt 4,1 Prozent gefallen. Bruttobeiträge 2013: 1,46 Milliarden EuroBruttobeiträge 2012: 1,31 Milliarden EuroVeränderung: + 11,4 ProzentRang (Vorjahr): 18
Platz 16: Gothaer LebenDer Lebensversicherer der Signal-Iduna-Gruppe aus Dortmund senkt die Überschussbeteiligung um 0,35 Prozent auf 3,25 Prozent. Einschließlich Schlussüberschuss und Mindestbeteiligung an den Bewertungsreserven ergebe sich für die klassische Rentenversicherung eine Gesamtverzinsung von durchschnittlich 3,6 Prozent, erklärte ein Sprecher des Stadionsponsors von Borussia Dortmund. Bruttobeiträge 2013: 1,49 Milliarden EuroBruttobeiträge 2012: 1,40 Milliarden EuroVeränderung: + 6,3 ProzentRang (Vorjahr): 16 Quelle: dapd
Platz 15: Sparkassenversicherung (SV) LebenDie SV hält die laufende Überschussbeteiligung ihrer Lebens- und Rentenversicherungen für das nächste Jahr konstant - auf niedrigen 3,05 Prozent. Bruttobeiträge 2013: 1,88 Milliarden EuroBruttobeiträge 2012: 1,64 Milliarden EuroVeränderung: + 14,5 ProzentRang (Vorjahr): 15 Quelle: dpa
Platz 14: Alte Leipziger LebenDer mittelgroße, aber sehr kapitalstarke Lebensversicherer sendet ein Zeichen der Stabilität. Die Überschussbeteiligung, die im Vorjahr deutlich von 3,85 Prozent auf 3,35 Prozent gesenkt worden war, bleibt für 2014 stabil. Dieser Versicherer veröffentlichte seine Zahlen erneut als einer der ersten in der Branche. Das Signal an die Konkurrenz: Wir waren im Vorjahr vorsichtig, nun profitieren wir davon. Noch ist die Marke von drei Prozent kein Thema. Bruttobeiträge 2013: 1,91 Milliarden EuroBruttobeiträge 2012: 1,81 Milliarden EuroVeränderung: + 5,5 ProzentRang (Vorjahr): 14

Klar, auch die Inflation ist seit Anfang der Achtzigerjahre deutlich gefallen, aber am Grundproblem der Lebensversicherer ändert das nichts. Sie müssen die den Kunden gemachten Zusagen erfüllen. Und das wird immer mehr zum Problem.

Im Schnitt haben die Lebensversicherer ihren Kunden garantiert, die im Vertrag angesparten Gelder - also alles, was von den Sparbeiträgen nach Abzug der Kosten übrig bleibt -, mit gut drei Prozent zu verzinsen. So viel werfen die zehnjährigen Bundesanleihen aber eben nicht mehr ab.

Vorerst ist das kein Problem: Zum einen legt kein Lebensversicherer alles in zehnjährigen Bundesanleihen an, zum anderen ist eine Stärke der Lebensversicherung immer ihr langfristiger Charakter. Konkret: In Phasen mit miesen Kapitalerträgen bekommen Kunden mehr als aktuell erwirtschaftet, in guten Zeiten eben weniger.

Kunden profitieren von Altbeständen

Nur dürfen die schlechten Zeiten nicht zu lange dauern. Im Durchschnitt legen die Versicherer das Kapital mittlerweile etwa auf zehn Jahre an. Noch profitieren die Kunden also auch von den vor neun Jahren gekauften Anleihen und ihren deutlich höheren Zinserträgen (die zehnjährige Bundesanleihe brachte da noch fast vier Prozent Rendite). Doch Jahr für Jahr schlagen die neuen, niedrig verzinsten Anleihen stärker auf die Kapitalerträge durch.

Die Versicherungen, die keiner braucht

Eine Beispielrechnung: Angenommen, die Versicherer können bei einer Anlagedauer von zehn Jahren zu einem Prozentpunkt über der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen anlegen. Aber diese bringt dauerhaft nur die aktuellen 0,3 Prozent Rendite pro Jahr. Bei den Versicherten gehen wir von einem Austausch pro Jahr von fünf Prozent aus, stabiler Gesamtzahl der Versicherten und einem konstanten Garantiezins für Neukunden von 1,25 Prozent.

Dann würde etwa 2023 der laufende Ertrag der Kapitalanlagen nicht mehr reichen, um die Garantiezinsen im Bestand zu finanzieren. Zwar würde auch dieser durchschnittliche Garantiezins im Bestand langsam sinken, aber viel langsamer als die Erträge der Kapitalanlagen.

Klassischer Teufelskreis

Genau dieses Problem haben natürlich auch die Versicherer und vor allem die Finanzaufseher im Blick. Nur gibt es keine simple Lösung. Schnell kann die vermeintliche Medizin die Krankheit sogar noch verschlimmern.

Die europäische Regulierung Solvency II zwingt die Versicherer, die langfristigen Garantien stärker in ihren Risikomodellen zu berücksichtigen. Außerdem müssen sie alle Kapitalanlagen je nach Risiko mit Eigenmitteln unterlegen, um zu vermeiden, dass Verluste auf das für Kundenzusagen gebundene Kapital durchschlagen.

Beides führt dazu, dass Lebensversicherer mehr Geld möglichst risikolos zurücklegen müssen. Und damit droht ein Teufelskreis: Mehr Kapital muss risikolos angelegt werden, das führt zu niedrigeren Kapitalerträgen, damit vergrößert sich die Lücke zwischen Kundenzusagen und Kapitalstock noch, also muss mehr Kapital risikolos angelegt werden.

Probleme für Versicherer

Schon jetzt ist die Zeit in der Lebensversicherung vorbei, wo alle Kunden gleich viel Zins gutgeschrieben bekamen - unabhängig davon, welcher Garantiezins in ihrem Vertrag stand. Altkunden mit 4,0, 3,5 oder 3,25 Prozent Garantiezins bekommen noch so viel wie garantiert; alle anderen bekommen 2015 noch etwa 3,2 Prozent.

Weil keine Zinswende in Sicht ist, müssen die Versicherer zudem einen besonderen Topf füllen, die Zinszusatzreserve. Daraus sollen sie dann später die hohen Altzusagen erfüllen.

2014 mussten sie laut Analysedienstleister Assekurata acht Milliarden Euro in diesen Topf legen; seit 2011 waren es insgesamt über 20 Milliarden Euro. Dieses Jahr könnten neun Milliarden Euro dazukommen. Einige Versicherer könnten Probleme bekommen, die Zinszusatzreserve aus ihren Überschüssen zu füllen, sagt Reiner Will, Geschäftsführer von Assekurata.

Die Leistungsfähigkeit der Lebensversicherer
Die Lebensversicherung ist für Millionen Deutsche der wichtigste Baustein der privaten Altersvorsorge. Die niedrigen Zinsen nagen aber seit Jahren an den Erträgen. Schon ab Juli könnten die Auszahlungen an Kunden per Gesetz weiter schmelzen. Dennoch wird es auch künftig deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Versicherern geben. Für die Entscheidung, ob sich der Abschluss, das Halten bis zum Laufzeitende oder eine vorzeitige Kündigung der Lebensversicherung lohnt, kommt es darauf an, wie gut die Lebensversicherung für einen lange Niedrigzinsphase gerüstet sind. Nachfolgend wichtige Kennziffern der zwölf größten Lebensversicherer, die insgesamt 60 Prozent des Marktes repräsentieren. Quelle: Geschäftsberichte der Versicherer, Prof. Hermann Weinmann (Hochschule Ludwigshafen) Quelle: dpa
Ein Schild mit dem Logo der Nürnberger Versicherungsgruppe Quelle: dpa/dpaweb
Bayern-VersicherungLaufende Verzinsung der Kapitalanlagen ohne Einmaleffekte 1: 2013: 4,0 % Laufende Verzinsung der Kapitalanlagen mit Einmaleffekten 1: 2013: 4,4 % Bewertungsreserven: 2013: 9,7 % der Kapitalanlagen Anteil Zinspapiere an Bewertungsreserven 2: 2013 (2012): ► Was der Versicherer verteilen kann ( Überschuss) 3: 2012: 14,5 % der Beiträge 2013: 12,8 % der Beiträge Wie lange die freien Mittel reichen ( Bilanzpuffer) 4: 2012: 3,1 Jahre 2013: 3,4 Jahre Stärken: hohe Reserven, gute KapitalanlageSchwächen, die sich in Niedrigzinsphasen besonders stark auswirken: keine Niedrigzins-Risiko für Anleger: niedrig 1Einmaleffekte: Gewinne und Verluste aus Anlageverkäufen sowie Zu- und Abschreibungen; 2im Vergleich zum Branchendurchschnitt; 3Kapitalerträge oberhalb der Garantieverzinsung + interne Überschüsse durch zu hoch angesetzte Kosten für Verwaltung und Vertrieb sowie Risiken (Berufsunfähigkeit, Tod); das Verhältnis von Überschuss zu Beiträgen zeigt, wie gut der Versicherer wirtschaftet; 4ein Wert von beispielsweise 2,0 besagt, dass der Versicherer seine laufende Überschussbeteiligung zwei Jahre lang aus den freien Mitteln finanzieren kann; je höher der Faktor, desto finanzstärker ist der Versicherer. Quelle: PR
Der Schriftzug "W&W württembergische" Quelle: dpa
Fahnen mit dem Logo der Allianz Quelle: dpa
R+V AG Quelle: Presse
CosmosDirekt Quelle: Presse

Wie ernst die Lage ist, zeigen auch die Auswirkungen des seit August 2014 geltenden Lebensversicherungsreformgesetzes. Demnach dürfen die Lebensversicherer stille Reserven aus gehaltenen Anleihen nicht mehr zur Hälfte an ausscheidende Kunden auszahlen, wenn sie selbst dieses Geld brauchen, um ihre abgegebenen Garantieversprechen bei anhaltenden Niedrigzinsen einhalten zu können.

Ende 2013 machten diese Reserven 57,8 Milliarden Euro aus. Seitdem sind sie durch den anhaltenden Zinsverfall noch stark gestiegen, weil alte, höher verzinste Anleihen immer mehr wert sind und daher im Kurs steigen.

Ursprünglich war erwartet worden, dass nur einige Anbieter unter die Ausschüttungsstopp-Regel fallen würden. Tatsächlich greift sie nun aber branchenweit und betrifft auch große Versicherer, wie die WirtschaftsWoche Mitte Januar aufdeckte.

Angespannte Stimmung

Wie soll es also weitergehen? Das Problem ist, dass in kaum einem denkbaren Szenario die Lebensversicherung wirklich gut abschneidet. Das zeigen drei Szenarien zur weiteren Zinsentwicklung:

1. Bleibt es längerfristig bei Niedrigstzinsen, können die Lebensversicherer die Altzusagen irgendwann nicht mehr erfüllen. Damit müssten Kundenansprüche reduziert werden, was rechtlich durchaus machbar ist.

Neukunden hätten bei weiter sinkenden Zinsen den Vorteil, noch von den vor ihrem Abschluss bereits gekauften Anleihen im Bestand der Versicherer zu profitieren. Nur würde die Finanzierung der an die Altkunden gemachten Garantien (bis zu 4,0 Prozent Garantiezins) für die Versicherer ein derart enges Korsett, dass Neukunden mit ihren deutlich niedrigeren Garantiezinsen (aktuell nur 1,25 Prozent) tatsächlich schlecht dastehen dürften.

Die Versicherer müssten alle Überschüsse für die alten Hochzins-Verträge einsetzen. Ihnen bliebe kaum noch etwas, um die Verzinsung der neueren Verträge aufzustocken.

Vier Versicherer verschweigen ihre Zinsen
Öko-Test: Töpfe der Versicherer sind prall gefülltDas Verbrauchermagazin Öko-Test hat die Ertragslage und die Stabilität der Lebensversicherer geprüft. Ergegnis: Die Branche verfüge weiterhin über hohe Bewertungsreserven. Auch die Töpfe mit bereits erzielten, aber noch nicht ausgeschütteten Gewinnen seien prall gefüllt: "Insgesamt schlummern hier weitere 40,8 Milliarden Euro, die eigentlich den Kunden zustehen." Die Finanzstärke der Versicherer wurde mit Schulnoten bewertet. Das ist wichtig für Verbraucher, die wissen wollen, ob ihr Versicherer seine Verpflichtungen erfüllen kann. Dabei wurde unterschieden nach großen und kleinen Versicherern. Ein "Sehr gut" erhielten nur einige kleine Unternehmen, unter den Großen aber keiner. Die Note zwei wurde dagegen immerhin acht Mal vergeben. Befriedigend und damit durchschnittlich lagen immerhin rund zwei Dutzend der Unternehmen. Der Rest landete im Vierer-Bereich.
Bund der Versicherten: "Die Versicherungen rechnen sich arm." Trotz des schwachen Zinsniveaus erwirtschafteten die Versicherer mit Kapitalanlagen immer noch hohe Gewinne, reagierte der Bund der Versicherten (BdV) auf Berechnungen von Öko-Test zur Finanzstärke der Lebensversicherer. Diese Gewinne würden in den Bilanzen aber schlichtweg verschleiert. „Die Versicherungen rechnen sich arm - auf Kosten der Kunden“, kommentierte Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des BdV. Dies geschehe laut Öko-Test zum einen mittels der sogenannten Zinszusatzreserve, welche die Unternehmen seit 2011 zu bilden verpflichtet sind. Diese zusätzliche Reserve soll Niedrigzinsphasen ausgleichen und so die garantierten Zinserträge der Kunden über viele Jahre hinweg langfristig sichern. Die Mittel für diese zusätzliche Reserve generierten die Unternehmen aus Kapitalerträgen. Demnach müssten sie in der Bilanz eigentlich als Gewinn auftauchen. Doch buchhalterisch werde so getan, als würden diese Mittel schon heute eine feste Zahlungsverpflichtung an den Kunden sein.
Was die Lebensversicherer mitteilen: vom Schlechtesten bis zum BestenDie jährliche Zinsgutschrift der Lebensversicherer heißt Überschussbeteiligung, allerdings ist die Begriffswahl nicht völlig einheitlich in der Branche. Manchmal ist auch von Gesamtverzinsung die Rede, obwohl Überschussbeteiligung gemeint ist. Diese Kennzahl setzt sich zusammen aus dem Garantiezins und einem Bonus. Derzeit beträgt der Garantiezins 1,75 Prozent. In alten Verträgen kann er bis zu vier Prozent betragen. Die Lebensversicherer weisen neben der Überschussbeteiligung gerne noch die Gesamtverzinsung eines Vertrags aus, der im nächsten Jahr ausbezahlt wird. Diese Prozentzahl ist meist höher und bezieht sich auf auslaufende Verträge, weil der Kunde noch etwas aus weiteren Gewinntöpfen der Lebensversicherer erhält.  Quelle: dpa
Map-Report: "Nicht verstecken"Aktuell sei die Bereitschaft der deutschen Lebensversicherer, Vorhabinformationen zu ihren Überschussdeklarationen zu geben, nicht besonders stark ausgeprägt, stellt der Branchenkenner Manfred Poweleit in seinem wöchentlichen Map-Fax fest. "Warum eigentlich?", so fragt er. "Nach wie vor hat die Lebensversicherung keinen Grund, sich zu verstecken. Im vergangenen Jahr 2013 wurden die Guthaben der Versicherten mit einer kapitalbildenden gemischten Lebensversicherung im Schnitt aller Rechnungszinssätze mit 3,66 Prozent verzinst."
Vier Versicherer, die lieber schweigenEinige Lebensversicherer liefern seit einigen Jahren keine Daten mehr, etwa an die Ratingagentur Assekurata. Die Analysten der Agentur fertigen jedes Jahr einen Überblick an, wie sich die Überschussbeteiligung und die Gesamtverzinsung von Lebensversicherungen entwickelt. Auf diese Weise sorgen sie für Transparenz in der Branche und für Kunden, die gerne wissen möchten, wie sich ihr Vertrag im Vergleich entwickelt. Doch folgende Versicherer schweigen lieber, wie eine Aufstellung von Assekurata im Internet ergibt. Dies sind: MÜNCHENER VEREIN Lebensversicherung a.G.Uelzener Lebensversicherungs-AktiengesellschaftVPV Lebensversicherungs-AGWWK Lebensversicherung a.G.Auch auf Nachfrage von Handelsblatt Online erfolgte bisher keine Reaktion dieser vier Versicherer.
WWK: keine AntwortDer Versicherer WWK nennt zwar keine Überschussbeteiligung für seine klassische Lebensversicherung. Stattdessen versucht das Unternehmen, sich mit anderen sich von der Konkurrenz abzusetzen. So sei das Unternehmen in der Kategorie „Inländische Anbieter - Agentur-und Maklervertrieb“ mit dem Titel „Bester Lebensversicherer Deutschlands“ ausgezeichnet worden. Jürgen Schrameier, Vorstandsvorsitzender der WWK, erklärte dazu: "Besonders stolz sind wir auf unsere seit vielen Jahren überdurchschnittlich hohe Substanzkraft. Sie ist der Garant für unseren Geschäftserfolg, dies gilt in Zeiten der Niedrigzinsphase stärker denn je.“ Auf Unternehmensebene berücksichtige die umfangreiche Analyse wesentliche Unternehmenskennzahlen wie Eigenkapital- und freie RfB-Quote im Verhältnis zur Deckungsrückstellung. Das Unternehmen zählt nach eigenen Angaben mit Beitragseinnahmen von rund einer Milliarde Euro zu den größten 30 Lebensversicherungen in Deutschland.
Münchener Verein: keine AntwortDas Versicherungsgeschäft werde nicht mit der primären Absicht der Gewinnerzielung betrieben, sondern vornehmlich zur Sicherung eines günstigen Versicherungsschutzes, erklärt das Unternehmen in einer Selbstdarstellung. Im Gegensatz zur Hauptversammlung der Aktiengesellschaft seien in der obersten Vertretung des Versicherungsvereins keine Personen vertreten, die Kapitalinteressen verfolgen, sondern Mitglieder, die gleichzeitig Versicherungsnehmer sind. Bei der Münchener Verein Kranken- und Lebensversicherung erfolge die Vertretung der Mitglieder in der Hauptversammlung durch Mitgliedervertreter. Da nur Mitglieder durch die oberste Vertretung repräsentiert würden, sei der Einfluss von dritter Seite ausgeschlossen. Im Belastungstest des Analysehauses Morgen & Morgen habe der Versicherer im Oktober erneut die Note „Sehr gut“ erhalten, heißt es in einer Pressemitteilung. Morgen & Morgen untersucht dabei die Risiken, die aus den Verpflichtungen des Versicherungsbestands sowie den Kapitalanlagen eines Lebensversicherers resultieren. Quelle: Screenshot

2. Steigen die Zinsen hingegen schnell und deutlich an, würde das den Versicherern wieder mehr laufende Zinserträge bringen. Allerdings nur sehr langsam, weil sie das verwaltete Kapital auf etwa zehn Jahre angelegt haben und diese Laufzeiten in den vergangenen Jahren noch verlängert haben, um die Zinserträge ein wenig aufzubessern.

So berichtet etwa Generali-Finanzvorstand Torsten Utecht gegenüber dem Branchenverband GDV, dass die Generali Lebensversicherung die durchschnittliche Laufzeit der gehaltenen Anleihen (Duration) in den vergangenen Jahren von sechs auf neun Jahre erhöht habe.

Die Folge der längeren Laufzeiten: Anders als seit 1981 würde angesichts stark steigender Zinsen die laufende Durchschnittsverzinsung der Kapitalanlagen der Versicherer schnell unter die aktuell erreichbaren Renditen sinken und sich nur sehr langsam diesem Niveau annähern.

Das birgt zwei Probleme: Neukunden hätten kaum noch Gründe, eine Lebensversicherung abzuschließen. Denn mit ihrem Einstieg würden sie sich auch die von Versicherern früher gekauften, schlechter verzinsten Anleihen einkaufen.

Die hohen stillen Reserven aus den gehaltenen Anleihen (Bewertungsreserven) würden sich bei einem schnellen Zinsanstieg zudem auflösen. Dieser Topf wäre also nicht mehr verfügbar, um daraus irgendwelche Kundenansprüche zu finanzieren.

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3. Bleibt ein langsamer, aber ausreichend zeitnah beginnender Zinsanstieg. Dieses Szenario wäre für die Lebensversicherung wohl am besten. Die beschriebenen Probleme beim schnellen Zinsanstieg (Neukunden-Mangel, plötzliches Auflösen der Bewertungsreserven) kämen nur deutlich schwächer zum Tragen. Die Altzusagen könnten erfüllt werden; Neukunden wären zwar nicht leicht für die Lebensversicherung zu begeistern, könnten aber mit dem Verweis auf die lange Tradition und Krisenstabilität im Zweifel überzeugt werden.

Die angespannte Stimmung in der Branche wird sich so schnell wohl nicht beruhigen. Dass ausgerechnet Felix Hufeld, bisher oberster Versicherungsaufseher der Finanzaufsicht BaFin, nun auf den Chefposten der BaFin rücken soll, kann insofern auch als Signal verstanden werden: Die Versicherer werden in den kommenden Jahren große Herausforderungen zu meistern haben.

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