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Niedrigzinsen Das Ende der Lebensversicherung (wie wir sie kennen)

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Kunden profitieren von Altbeständen

Nur dürfen die schlechten Zeiten nicht zu lange dauern. Im Durchschnitt legen die Versicherer das Kapital mittlerweile etwa auf zehn Jahre an. Noch profitieren die Kunden also auch von den vor neun Jahren gekauften Anleihen und ihren deutlich höheren Zinserträgen (die zehnjährige Bundesanleihe brachte da noch fast vier Prozent Rendite). Doch Jahr für Jahr schlagen die neuen, niedrig verzinsten Anleihen stärker auf die Kapitalerträge durch.

Die Versicherungen, die keiner braucht

Eine Beispielrechnung: Angenommen, die Versicherer können bei einer Anlagedauer von zehn Jahren zu einem Prozentpunkt über der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen anlegen. Aber diese bringt dauerhaft nur die aktuellen 0,3 Prozent Rendite pro Jahr. Bei den Versicherten gehen wir von einem Austausch pro Jahr von fünf Prozent aus, stabiler Gesamtzahl der Versicherten und einem konstanten Garantiezins für Neukunden von 1,25 Prozent.

Dann würde etwa 2023 der laufende Ertrag der Kapitalanlagen nicht mehr reichen, um die Garantiezinsen im Bestand zu finanzieren. Zwar würde auch dieser durchschnittliche Garantiezins im Bestand langsam sinken, aber viel langsamer als die Erträge der Kapitalanlagen.

Klassischer Teufelskreis

Genau dieses Problem haben natürlich auch die Versicherer und vor allem die Finanzaufseher im Blick. Nur gibt es keine simple Lösung. Schnell kann die vermeintliche Medizin die Krankheit sogar noch verschlimmern.

Die europäische Regulierung Solvency II zwingt die Versicherer, die langfristigen Garantien stärker in ihren Risikomodellen zu berücksichtigen. Außerdem müssen sie alle Kapitalanlagen je nach Risiko mit Eigenmitteln unterlegen, um zu vermeiden, dass Verluste auf das für Kundenzusagen gebundene Kapital durchschlagen.

Beides führt dazu, dass Lebensversicherer mehr Geld möglichst risikolos zurücklegen müssen. Und damit droht ein Teufelskreis: Mehr Kapital muss risikolos angelegt werden, das führt zu niedrigeren Kapitalerträgen, damit vergrößert sich die Lücke zwischen Kundenzusagen und Kapitalstock noch, also muss mehr Kapital risikolos angelegt werden.

Probleme für Versicherer

Schon jetzt ist die Zeit in der Lebensversicherung vorbei, wo alle Kunden gleich viel Zins gutgeschrieben bekamen - unabhängig davon, welcher Garantiezins in ihrem Vertrag stand. Altkunden mit 4,0, 3,5 oder 3,25 Prozent Garantiezins bekommen noch so viel wie garantiert; alle anderen bekommen 2015 noch etwa 3,2 Prozent.

Weil keine Zinswende in Sicht ist, müssen die Versicherer zudem einen besonderen Topf füllen, die Zinszusatzreserve. Daraus sollen sie dann später die hohen Altzusagen erfüllen.

2014 mussten sie laut Analysedienstleister Assekurata acht Milliarden Euro in diesen Topf legen; seit 2011 waren es insgesamt über 20 Milliarden Euro. Dieses Jahr könnten neun Milliarden Euro dazukommen. Einige Versicherer könnten Probleme bekommen, die Zinszusatzreserve aus ihren Überschüssen zu füllen, sagt Reiner Will, Geschäftsführer von Assekurata.

Die Leistungsfähigkeit der Lebensversicherer
Die Lebensversicherung ist für Millionen Deutsche der wichtigste Baustein der privaten Altersvorsorge. Die niedrigen Zinsen nagen aber seit Jahren an den Erträgen. Schon ab Juli könnten die Auszahlungen an Kunden per Gesetz weiter schmelzen. Dennoch wird es auch künftig deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Versicherern geben. Für die Entscheidung, ob sich der Abschluss, das Halten bis zum Laufzeitende oder eine vorzeitige Kündigung der Lebensversicherung lohnt, kommt es darauf an, wie gut die Lebensversicherung für einen lange Niedrigzinsphase gerüstet sind. Nachfolgend wichtige Kennziffern der zwölf größten Lebensversicherer, die insgesamt 60 Prozent des Marktes repräsentieren. Quelle: Geschäftsberichte der Versicherer, Prof. Hermann Weinmann (Hochschule Ludwigshafen) Quelle: dpa
Ein Schild mit dem Logo der Nürnberger Versicherungsgruppe Quelle: dpa/dpaweb
Bayern-VersicherungLaufende Verzinsung der Kapitalanlagen ohne Einmaleffekte 1: 2013: 4,0 % Laufende Verzinsung der Kapitalanlagen mit Einmaleffekten 1: 2013: 4,4 % Bewertungsreserven: 2013: 9,7 % der Kapitalanlagen Anteil Zinspapiere an Bewertungsreserven 2: 2013 (2012): ► Was der Versicherer verteilen kann ( Überschuss) 3: 2012: 14,5 % der Beiträge 2013: 12,8 % der Beiträge Wie lange die freien Mittel reichen ( Bilanzpuffer) 4: 2012: 3,1 Jahre 2013: 3,4 Jahre Stärken: hohe Reserven, gute KapitalanlageSchwächen, die sich in Niedrigzinsphasen besonders stark auswirken: keine Niedrigzins-Risiko für Anleger: niedrig 1Einmaleffekte: Gewinne und Verluste aus Anlageverkäufen sowie Zu- und Abschreibungen; 2im Vergleich zum Branchendurchschnitt; 3Kapitalerträge oberhalb der Garantieverzinsung + interne Überschüsse durch zu hoch angesetzte Kosten für Verwaltung und Vertrieb sowie Risiken (Berufsunfähigkeit, Tod); das Verhältnis von Überschuss zu Beiträgen zeigt, wie gut der Versicherer wirtschaftet; 4ein Wert von beispielsweise 2,0 besagt, dass der Versicherer seine laufende Überschussbeteiligung zwei Jahre lang aus den freien Mitteln finanzieren kann; je höher der Faktor, desto finanzstärker ist der Versicherer. Quelle: PR
Der Schriftzug "W&W württembergische" Quelle: dpa
Fahnen mit dem Logo der Allianz Quelle: dpa
R+V AG Quelle: Presse
CosmosDirekt Quelle: Presse

Wie ernst die Lage ist, zeigen auch die Auswirkungen des seit August 2014 geltenden Lebensversicherungsreformgesetzes. Demnach dürfen die Lebensversicherer stille Reserven aus gehaltenen Anleihen nicht mehr zur Hälfte an ausscheidende Kunden auszahlen, wenn sie selbst dieses Geld brauchen, um ihre abgegebenen Garantieversprechen bei anhaltenden Niedrigzinsen einhalten zu können.

Ende 2013 machten diese Reserven 57,8 Milliarden Euro aus. Seitdem sind sie durch den anhaltenden Zinsverfall noch stark gestiegen, weil alte, höher verzinste Anleihen immer mehr wert sind und daher im Kurs steigen.

Ursprünglich war erwartet worden, dass nur einige Anbieter unter die Ausschüttungsstopp-Regel fallen würden. Tatsächlich greift sie nun aber branchenweit und betrifft auch große Versicherer, wie die WirtschaftsWoche Mitte Januar aufdeckte.

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