Ost-West-Rente Was uns "gleiche Renten für alle" kosten

Die Koalition ringt: Sollen Rentner im Osten und Westen gleich behandelt werden? Das wäre im Prinzip richtig – aber teuer und oft ungerecht. Die Politik würde den nächsten Kriegsschauplatz in der Rentenpolitik eröffnen.

Rente in Ost und West anzugleichen wäre richtig und teuer. Quelle: dpa Picture-Alliance

Nein, überraschen dürfte sie das nicht. Es läuft ja meistens so. Oder besser gesagt: Es läuft eigentlich immer so. Gerät die Rente in die Schlagzeilen, geht es los. Dann kommen die E-Mails, die Anrufe, sogar viele Briefe, oft handgeschrieben. Die Fragen in den Bürgersprechstunden drehen sich dann fast nur noch um dieses eine Thema, Klagen, Ansprüche und Wut stauen sich in den Ablagen ihres Abgeordnetenbüros. Jana Schimke seufzt.

Seit gut drei Jahren sitzt sie für die CDU im Bundestag, Wahlkreis im Brandenburgischen südlich von Berlin. Schimke hat zuvor in Verbänden gearbeitet, mehrere Jahre auch als Mitarbeiterin bei Parlamentariern. Sie kannte die Politik und ihre Mechanismen bestens, bevor sie selber Politikerin wurde. „Bei der Rente“, sagt sie, „gibt es ein ganz eigenes Ungerechtigkeitsempfinden.“

Doch diesen Sommer ist da noch mehr, das spürt Schimke. „Ost-West-Angleichung“, der Begriff klingt so spröde, technisch, blutarm. Doch es geht um die letzten Narben der Deutschen Einheit. Um Geld und Gerechtigkeit. Niemand Geringere als die Bundeskanzlerin, ihre Kanzlerin, nimmt sich der Sache höchstpersönlich an. Auch Schimke ist Ostdeutsche, geboren in Cottbus. Sie weiß: Diesmal geht es nicht einfach um die übliche Rentenaufwallung. Da kommt Größeres.

So viel Rente bekommen Sie
DurchschnittsrentenLaut den aktuellen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung bezogen Männer Ende 2014 eine Durchschnittsrente von 1013 Euro. Frauen müssen inklusive Hinterbliebenenrente mit durchschnittlich 762 Euro pro Monat auskommen. Quellen: Deutsche Rentenversicherung; dbb, Stand: April 2016 Quelle: dpa
Ost-Berlin mit den höchsten, West-Berlin mit den niedrigsten RentenDie Höhe der Rente schwankt zwischen den Bundesländern. Männer in Ostberlin können sich mit 1147 Euro Euro über die höchste Durchschnittsrente freuen. In Westberlin liegt sie dagegen mit 980 Euro am niedrigsten. Aktuell bekommen männliche Rentner: in Baden-Württemberg durchschnittlich 1107 Euro pro Monat in Bayern durchschnittlich 1031 Euro pro Monat in Berlin (West) durchschnittlich 980 Euro pro Monat in Berlin (Ost) durchschnittlich 1147 Euro pro Monat in Brandenburg durchschnittlich 1078 Euro pro Monat in Bremen durchschnittlich 1040 Euro pro Monat in Hamburg durchschnittlich 1071 Euro pro Monat in Hessen durchschnittlich 1084 Euro pro Monat in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 1027 Euro pro Monat in Niedersachsen durchschnittlich 1051 Euro pro Monat in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 1127 Euro pro Monat im Saarland durchschnittlich 1115 Euro pro Monat in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 1069 Euro pro Monat in Sachsen durchschnittlich 1098 Euro pro Monat in Schleswig-Holstein durchschnittlich 1061 Euro pro Monat in Thüringen durchschnittlich 1064 Euro pro Monat Quelle: AP
Frauen mit deutlich weniger RenteFrauen im Ruhestand bekommen gut ein Drittel weniger als Männer. Auch sie bekommen in Ostberlin mit durchschnittlich 1051 Euro die höchsten Bezüge. Am wenigsten bekommen sie mit 696 Euro in Rheinland-Pfalz. Laut Deutscher Rentenversicherungen beziehen Frauen inklusive Hinterbliebenenrente: in Baden-Württemberg durchschnittlich 772 Euro pro Monat in Bayern durchschnittlich 736 Euro pro Monat in Berlin (West) durchschnittlich 861 Euro pro Monat in Berlin (Ost) durchschnittlich 1051 Euro pro Monat in Brandenburg durchschnittlich 975 Euro pro Monat in Bremen durchschnittlich 771 Euro pro Monat in Hamburg durchschnittlich 848 Euro pro Monat in Hessen durchschnittlich 760 Euro pro Monat in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 950 Euro pro Monat in Niedersachsen durchschnittlich 727 Euro pro Monat in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 749 Euro pro Monat im Saarland durchschnittlich 699 Euro pro Monat in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 964 Euro pro Monat in Sachsen durchschnittlich 983 Euro pro Monat in Schleswig-Holstein durchschnittlich 744 Euro pro Monat in Thüringen durchschnittlich 968 Euro pro Monat Quelle: dpa
Beamtenpensionen deutlich höherStaatsdienern geht es im Alter deutlich besser. Sie erhalten in Deutschland aktuell eine Pension von durchschnittlich 2730 Euro brutto. Im Vergleich zum Jahr 2000 ist das ein Zuwachs von knapp 27 Prozent. Zwischen den Bundesländern schwankt die Pensionshöhe allerdings. Während 2015 ein hessischer Staatsdiener im Ruhestand im Durchschnitt 3150 Euro ausgezahlt bekam, waren es in Sachsen-Anhalt lediglich 1940 Euro. Im Vergleich zu Bundesbeamten geht es den Landesdienern dennoch gut. Im Durchschnitt kommen sie aktuell auf eine Pension von 2970 Euro. Im Bund sind es nur 2340 Euro. Quelle: dpa
RentenerhöhungIm Vergleich zu den Pensionen stiegen die normalen Renten zwischen 2000 und 2014 deutlich geringer an. Sie wuchsen lediglich um 15,3 Prozent. Quelle: dpa
Reserven der RentenkasseDabei verfügt die deutsche Rentenversicherung über ein sattes Finanzpolster. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung betrug die sogenannte Nachhaltigkeitsrücklage Ende 2014 genau 35 Milliarden Euro. Das sind rund drei Milliarden Euro mehr als ein Jahr zuvor. Rechnerisch reicht das Finanzpolster aus, um fast zwei Monatsausgaben zu bezahlen. Nachfolgend ein Überblick, mit welcher Rente die Deutschen im aktuell im Durchschnitt rechnen können: Quelle: dpa
Abweichungen vom StandardrentnerWer 45 Jahre in den alten Bundesländern gearbeitet hat und dabei den Durchschnittslohn verdiente, bekommt pro Monat 1314 Euro ausgezahlt. Bei 40 Arbeitsjahren verringert sich die monatliche Auszahlung auf 1168 Euro. Wer nur 35 Jahre im Job war, bekommt 1022 Euro. Quelle: Fotolia
Durchschnittsrente Ost nach ArbeitsjahrenIn den neuen Bundesländern liegt die Rente nach 45 Arbeitsjahren und durchschnittlichem Lohn bei 1217 Euro. Für 40 Jahre in Arbeit gibt es aktuell 1082 Euro. Bei 35 Jahren sind es in den neuen Bundesländern 947 Euro. Quelle: Fotolia
Halbtags arbeiten erhöht das ArmutsrisikoJe nach Verdienst, kann die Rente aber stark schwanken. Wer etwa im Berufsleben auf die Hälfte vom Durchschnittsverdienst kam, dessen Rentenansprüche halbieren sich auch. In den alten Bundesländern wären das aktuell nach 45 Berufsjahren 657 Euro. In den neuen Bundesländern bei gleicher Arbeitszeit 609 Euro. Quelle: dpa
Maximale Rentenhöhe für GutverdienerUmgekehrt verdoppelt sich die Rente, wenn der Lohn während des Arbeitslebens über der Bemessungsgrenze lag. In den alten Bundesländern könnte ein Vielverdiener so auf 2628 Euro kommen. In den neuen Bundesländern sind theoretisch bis zu 2434 Euro drin. Quelle: dapd

Vor wenigen Tagen schickte Bundessozialministerin Andrea Nahles (SPD) einen Gesetzentwurf ans Kanzleramt. Nahles machte darin einen konkreten Vorschlag, wie die derzeit getrennten west- und ostdeutschen Rentenregeln bis 2020 zusammengeführt werden sollen. „Gleiches Recht für alle“, versprach die Ministerin. So will es der schwarz-rote Koalitionsvertrag. So will es – sie hat es vielfach erklärt – Angela Merkel (CDU). Man könnte meinen, bei so viel geballtem Willen und so viel geballter Macht gäbe es kein Problem.

Auf den ersten Blick soll schließlich endlich zusammenwachsen, was zusammengehört. Mittlerweile existiert ein gesetzlicher Mindestlohn für ganz Deutschland, auch der Hartz-IV-Regelsatz ist überall derselbe, egal, ob er in Chemnitz oder Köln ausgezahlt wird. Nur durch das Rentenrecht läuft tatsächlich noch immer eine Mauer, als wäre 1989 gar nichts passiert.

Wie die Höherwertung der Ostrenten funktioniert.

Ein zentraler Faktor der Rentenformel, der Rentenwert, welcher die Gegenleistung von einem Jahr Beitragszahlung auf den Cent genau bemisst, ist bis heute in Deutschland streng zweigeteilt. Vor allem liegt er im Osten immer noch sechs Prozent niedriger als im Westen, weil die Löhne dort trotz aufholender Konjunktur nach wie vor niedriger sind. Das sorgt regelmäßig für Zorn, weil es wie eine Benachteiligung wirkt. Aber: Gleichzeitig gibt es eine Sonderbehandlung für ostdeutsche Löhne, die sogenannte Höherwertung.

Diese einst als Ausgleich gedachte Maßnahme sorgt unterm Strich dafür, dass ein west- und ein ostdeutscher Beitragszahler bei gleichem Einkommen gar nicht den gleichen Rentenanspruch erwerben – sondern, dass der im Osten sogar um acht Prozent höher liegt (siehe Rechnung Seite 28).

Ist das zeitgemäß im Jahre 26 nach der Einheit? Es ist vor allem kompliziert.

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