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Private Altersvorsorge Lebensversicherung: Einmalzahlung schlägt lebenslange Rente

Wer sein Geld in einer Lebensversicherung anlegt, hofft, es zu mehren. Das klappt jedoch nicht immer

Zwei von drei Deutschen lassen sich ihre Lebensversicherung als Einmalzahlung aushändigen, nicht als Rente. Der Versichererverband GDV will das ändern. Dabei verkennt er jedoch die Fakten.

Etwas läuft falsch mit den Deutschen und der Lebensversicherung, davon ist zumindest der Versichererverband GDV überzeugt. Er hat am Donnerstag nach Berlin geladen, um mit wissenschaftlicher Unterstützung zwei Kernaussagen in die Öffentlichkeit zu bringen. Erstens: Eine neue Forsa-Umfrage des Verbands hat ergeben, dass zwei von drei Deutschen sich ihre Lebensversicherung nicht als lebenslange Rente auszahlen lassen, sondern als Einmalzahlung. Zweitens: Der GDV will, dass sich das ändert.

Um das zu erreichen, haben die Versicherer Jochen Ruß vom Ulmer Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften beauftragt. Ruß präsentiert Pro- und Kontra-Tabellen, wissenschaftliche Studien und verhaltensökonomische Erklärungen, die allesamt zeigen sollen, dass die Deutschen falsch liegen mit ihrer Vorliebe für die Einmalzahlung. Es sei „wissenschaftlich unstrittig, dass die Verrentung von angespartem Vermögen sinnvoll ist“, sagt Ruß. Die Menschen würden Opfer „typischer Fehleinschätzungen“.

Das Problem ist nur, dass das stimmt und doch nicht stimmt. Die Grundlage des Vortrags, dass nämlich jeder privat fürs Alter vorsorgen muss, ist unstrittig. Allein die Schlussfolgerungen von Ruß und dem GDV sind es nicht. In vielen Fällen kann es im Gegenteil sinnvoller sein, sich das Geld einmal auszahlen zu lassen als als lebenslange Rente.

Lassen wir die Abschluss- und Verwaltungskosten außen vor, die ja in beiden Fällen gleichermaßen anfallen, so bekommt ein Versicherter, der 30 Jahre lang jeden Monat 200 Euro in seine Lebensversicherung einzahlt, am Ende gerade einmal eine garantierte lebenslange Rente von 285 Euro pro Monat. Selbst bei Sparraten von 600 Euro sind es nur 856 Euro Rente. Grundlage ist jeweils ein Zins von drei Prozent auf die Kapitaleinlagen sowie ein garantierter Rentenfaktor von 25 Euro aus. Das entspricht dem aktuell üblichen Wert und bedeutet, dass pro 10.000 angesparte Euro garantiert 25 Euro im Monat an Rente ausgezahlt werden.

Entscheidet der Versicherte sich hingegen für eine Einmalzahlung, so bekommt er im ersten Fall bei ebenfalls drei Prozent rein rechnerisch 116.036 Euro und im zweiten Fall 348.109 Euro. Jetzt wird es interessant. Gehen wir weiter davon aus, dass der Versicherte denselben Lebensstandard haben will wie mit der lebenslangen Rente, sich also jeden Monat denselben Betrag selbst auszahlt, den er auch von der Versicherung bekommen würde. Hortet er das Geld unter der Matratze, so dauert es knapp 34 Jahre, bis er das Geld komplett aufgebraucht hat. Geht er mit 67 Jahren in Rente, so darf er also nicht älter werden als 101 Jahre, sonst ist sein Finanzpuffer aufgebraucht.

Forscher Ruß nennt das das „Mein Geld ist schon weg, aber ich bin noch da“-Risiko. Es ist sein zentrales Argument. Da die Deutschen immer älter werden, verkalkulieren sich viele, brauchen ihre Rücklagen zu früh auf und schlittern in die Altersarmut. Dann doch lieber die niedrigeren Renten, aber dafür die Sicherheit bis ans Lebensende. Oder, wie Ruß es formuliert: „Wer lebenslange Ausgaben hat, braucht ein lebenslanges Einkommen.“

Was Ruß ausblendet: Dieses Einkommen kann aber durchaus auch über eine Einmalzahlung gesichert werden, zumindest, wenn man vom aktuell niedrigen Niveau der Garantierenten ausgeht. Und die Einmalzahlung ist in der Regel noch attraktiver, als es die obige Rechnung suggeriert. Denn die wenigsten legen ihr Geld unter die Matratze, sondern bringen es gegen Zinsen auf die Bank. Wer nicht heute in Rente geht, sondern erst in zehn oder 20 Jahren, hat eine realistische Chance auf drei Prozent Zinsen. Und die alleine würden genügen, um die Rente zu finanzieren.

In Zahlen: Hat ein Versicherter besagte 200 Euro eingezahlt und will sich die 285 Euro Rente im Monat auszahlen, so sind das 3420 Euro im Jahr. Für seine Gesamtersparnis von 116.036 Euro bekommt er im Jahr mit drei Prozent Zinsen 3481 Euro an Zinsen. Er kann also die Rente nicht nur aus den Zinsen bezahlen, er macht sogar einen kleinen Gewinn. Selbst wenn der Versicherte einen Altvertrag und damit 400 Euro Rente im Monat hätte, würde es über 42 Jahre dauern, bis die lebenslange Rente sich als besser erwiese als die Einmalzahlung. Hinzu kommt, dass die Einmalzahlung bei Altverträgen komplett steuerfrei ist, bei Neuverträgen muss nur die Hälfte des Vertrags versteuert werden, während auf die Rente komplett Steuern anfallen.

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