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Private Altersvorsorge Rentenversicherer suchen verzweifelt Rendite

Die Zinsgarantien der Vergangenheit fallen den Versicherern bei Altersvorsorgeprodukten auf die Füße. Mehr Aktien- und Immobilieninvestments sollen mehr Rendite für die Versicherten rausholen, bergen aber auch höhere Risiken.

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Euroscheine im Glas Quelle: dpa

Der künftige Erfolg der privaten Altersvorsorge steht auf dem Spiel. Die Europäische Aufsichtsbehörde für Versicherungen und Pensionskassen EIOPA sorgt sich um die Rücklagen der Versicherer. In ihrem halbjährlichen Stabilitätsbericht stellte sie Anfang der Woche fest, dass die Kapitalausstattung der Unternehmen inzwischen nicht mehr ansteige, sondern sinke. Die Versicherungen hätten Probleme angesichts der historisch niedrigen Zinsen.

Im vergangenen Jahrzehnt hatten Politik und Versicherungsbranche intensiv dafür geworben, dass die Bürger mehr privat vorsorgen müssten, weil die gesetzliche Rentenversicherung auf Dauer den wachsenden Anteil an Rentnern in der Bevölkerung nicht mehr ausreichend finanzieren kann. Ohne private Vorsorge, so die einhellige Botschaft, drohe künftigen Rentner eine Versorgungslücke im Alter.

Die Folge: Die Rentenleistungen der künftigen Rentner wurde gekürzt, die Garantiezinsen für neue Lebens- und Rentenversicherungen gesenkt, das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre heraufgesetzt und mittels staatlicher Förderung und Steuererleichterungen Anreize für mehr private Altersvorsorge geschaffen. Riester-Rente und Co. sollten die Versorgungslücke im Alter schließen, das Umlageverfahren der gesetzlichen Kassen durch privat finanzierte, kapitalbildende Sparformen ergänzt. Kurzzeitig sah es so aus, als wäre mit den harschen Einschnitten die Kuh vom Eis.

So einfach könnten Vorsorgesparer ihr Geld selbst anlegen

Auf der Suche nach sicherer Rendite

Aber die Produkte für die private Altersvorsorge müssen vor Verlust der Ersparnisse schützen und auf die Beiträge der Sparer eine halbwegs attraktive Rendite bieten, damit Kunden sie kaufen – und das heißt, der Zins muss spürbar oberhalb der Inflation liegen. Lange Jahre übernahmen vor allem Investments in Staatsanleihen diese Aufgabe für die Versicherer. Auch Aktien konnten die über Milliarden herrschenden Vermögensverwalter der Versicherer beimischen, um die Rendite zu steigern.

Als die Börsen aber mit dem Platzen der Dotcom-Blase Anfang des Jahrtausends einbrachen und die Versicherungen riesige Vermögenswerte verbrannten, galten Aktien als Teufelszeug, Festverzinsliches wie Anleihen und Geldmarktpapiere waren wieder gefragt. Finanz- und Euro-Krise sorgten aber in den vergangenen Jahren für eine Geldschwemme durch die Notenbanken und somit auch für immer weiter sinkende Zinsen.

Die Anbieter von Altersvorsorgeprodukten sind daher verzweifelt auf der Suche nach sicherer Rendite. Europäische Staatsanleihen galten lange als durchweg sicheres Investment mit passablen Renditen – bis die Beinahe-Pleite Griechenlands auch diese Illusion zerstörte.

Seitdem gibt es nur noch staatliche Bonds mit hohen Risiken - und sichere Häfen wie Deutschland, die USA oder die Schweiz, deren Emissionen aber kaum mehr attraktive Erträge abwerfen. Teilweise liegen die Renditen sogar nahe null Prozent. Das bereitet deutschen Versicherern wie der Allianz und der Münchener Rück immer mehr Kopfzerbrechen: Sie wissen nicht mehr, wie sie ihre milliardenschweren Policen-Einnahmen lukrativ anlegen sollen.

Anlage-Notstand der Versicherer alarmiert Politik

Klaus-Peter Flosbach Quelle: Pressebild

Das Problem ruft jetzt auch die Politik auf den Plan. Denn am Ende könnte die Altersvorsorge von Millionen Deutschen in Gefahr sein. Um das zu verhindern, zeigt sich die Koalition in Berlin offen, den Versicherern aus der Patsche zu helfen. Ideen werden gesammelt. Vor allem soll es den Firmen erleichtert werden, mehr Geld in Sachwerte zu stecken.

„Der niedrige Zins für Staatsanleihen ist ein wahnsinnig großes Problem“, sagt Volker Wissing, finanzpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion. „Wir haben damit eine Gefährdung der Altersvorsorge.“ Auch beim Koalitionspartner CDU/CSU läuten die Alarmglocken: „Mit dem aktuellen Niveau bei zehnjährigen Papieren kann man keinen Garantiezins darstellen“, sagt der Finanzexperte der Unions-Fraktion im Bundestag, Klaus-Peter Flosbach. „Noch profitieren die Versicherer von ihren Altanlagen, aber die laufen irgendwann aus“, warnt er.

Viele Lebensversicherer haben ihren Kunden eine Rendite von vier Prozent und mehr pro Jahr versprochen. Zehnjährige Bundesanleihen bringen aber seit Ausbruch der Schuldenkrise in der Euro-Zone weniger als zwei Prozent. Die Rechnung geht also ohne bessere Investments auf Dauer nicht mehr auf. Gleichzeitig dürfen die Alternativen aber auch nicht zu viele Risiken mitbringen, um die Renten nicht zu gefährden. Das Problem frisst sich langsam in die Bücher der Anbieter.

Die Münchener Rück als weltgrößter Rückversicherer kam mit ihren Kapitalanlagen von mehr als 200 Milliarden Euro vergangenes Jahr auf eine Rendite von 3,4 Prozent - historisch betrachtet ein magerer Wert. Doch immer wieder laufen Investments aus und dieses Geld will neu angelegt werden. Und hier liegt die Rendite nur noch bei unter drei Prozent. Die Lage verschlechtert sich also jeden Tag. Kapitalstarke Firmen wie die Münchener Rück und die Allianz werden das noch Jahre verkraften können, kleinere Unternehmen aber nicht.

Riester-Produkte im Überblick

Trommeln bei der Politik

Die EIOPA geht davon aus, dass wenn die Regierungen in Europa daran scheiterten, ihre Haushalte in Ordnung zu bringen und dies die Konjunktur stark belaste, zunächst vor allem kleinere, nationale Versicherer darunter litten. Wenn sich die Lage in Griechenland zu einer Währungskrise auswachse und die Märkte erschüttere, wären auch die Großen der Branche betroffen. Zu ihnen gehören etwa die Allianz, die französische Axa und die italienische Generali.

Auch Elke König, Chefin der deutschen Finanzaufsicht BaFin, bezeichnete die Lage der Lebensversicherer in Deutschland als „angespannt“. Im Schnitt haben sie ihren Versicherten eine Rendite von 3,3 Prozent versprochen, erwirtschaften mit ihren neuen festverzinsten Geldanlagen aber derzeit weniger als drei Prozent. Die fehlende Rendite müssen die Anbieter zur Not aus ihren Reserven beisteuern, wenn sie Policen auszahlen müssen.

Einige Versicherer suchen bereits ihr Heil in mehr Aktien- oder Immobilieninvestments. Die Alte Leipziger-Hallesche etwa, ein wichtiger Anbieter von Lebensversicherungen, erhöht bereits wieder seine Aktienquote. Sie soll von null auf fünf Prozent steigen – allen Risiken der krisengeschüttelten Börsen zum Trotz. Mit Dividendenpapieren will der Versicherer so wieder eine attraktive Rendite reinholen. Gleiches erhofft sich die Alte Leipziger offenbar auch von Immobilieninvestments. Andere Versicherer dürften dem Beispiel folgen. Die Aktienquote von Marktführer Allianz beträgt 7,2, bei der Münchener Rück beträgt sie 3,1 Prozent. Beide denken über eine Erhöhung der Quoten nach.

Bei der Politik trommeln die Versicherer bereits für eine Lockerung der Anlagevorschriften. FDP-Mann Wissing erklärt, in der Vergangenheit seien Anreize für Investments in Staatsanleihen gesetzt worden. Nun müssten die Aufseher die Weichen aber so stellen, dass es mehr Möglichkeiten gebe. „Es ist wünschenswert, dass die Realwirtschaft als Investmentziel für die Versicherungsbranche wieder eine stärkere Rolle spielt. Es besteht Kapitalbedarf im Energiebereich, auch bei Unternehmensanleihen“, sagt Wissing. „Die bisherige Sichtweise, Staatsanleihen sind sicher, die Realwirtschaft nicht, hält keiner Überprüfung mehr stand.“

Sein Unions-Pendant Flosbach kritisiert in erster Linie die auf der EU-Ebene ausgearbeiteten neuen Eigenkapitalregeln für Versicherer. „In Solvency II sind eine Reihe von Fehlern drin.“ Dadurch könne noch mehr Druck auf die Versicherer entstehen. „Es ist zum Beispiel völlig verrückt, welche Kapitalanforderungen Solvency an Immobilieninvestitionen legt.“

Versicherer schichten um

Ernst & Young Quelle: dapd

Das künftig geltende Regelwerk soll die tatsächlichen Risiken der Assekuranzen besser abbilden und fordert im Sinne der Kunden mehr Schutz. Vor allem werden die Kapitalanlagen dabei unter die Lupe genommen, die früher nicht als Risiko galten und immer wieder Schwächen und Verluste im eigentlichen Versicherungsgeschäft ausgeglichen haben.

Allerdings muss nach dem jetzigen Stand der Verhandlungen für Investitionen in Immobilien rund 25 Prozent Eigenkapital als Risikopuffer zurückgehalten werden. Bei Erneuerbaren Energien, Infrastrukturprojekten und Aktien sind es im sogenannten Standardmodell sogar satte 49 Prozent. Bei Staatsanleihen sind es unverändert null Prozent - eine paradoxe Situation vor dem Hintergrund drohender Staatspleiten in der Euro-Zone.

Die Versicherer schichten zwar fleißig um - in Rohstoffe, Pfandbriefe, Aktien, Unternehmensanleihen sowie Wind- und Solarprojekte. Doch die hohen Risikopuffer sind ein Problem: „Das hat das Potenzial, die Investments zu limitieren“, sagt David Jones, Chef der Allianz-Sparte für Anlagen in Erneuerbare Energien. „Niedrige Risikopuffer würden es attraktiver machen.“ Verlässlichkeit ist zudem für die Versicherer entscheidend: „Aus Investorensicht braucht man Klarheit und Sicherheit“, so Allianz-Manager Jones.

Was an der Riester-Kritik dran ist

Nicht immun gegen die Schuldenkrise

Versicherungsgesellschaften und berufliche Vorsorgeeinrichtungen sind nach Ansicht des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken (European Systemic Risk Board, ESRB) nicht immun gegenüber den Auswirkungen der Euroraum-Schuldenkrise auf die Finanzmärkte. "Ihr zunehmendes Risiko aus der Wechselwirkung zwischen Staats- und Bankenrisiken wird zunehmend eine Herausforderung, zumindest was die Konzentration von Risiken angeht", schrieb der ESRB in ihrem Jahresbericht. „Sollten sich die derzeitigen Zinskonditionen verschlechtern oder mehrere Jahre anhalten, dürften Schwachstellen in der Branche zutage treten." Weiter heißt es: „In welchem Ausmaß und wie rasch Versicherungen ihre Anlagemuster ändern, wird beeinflussen, ob sich die Bedingungen an den Finanzmärkten stabilisieren oder nicht und ob dies Auswirkungen auf das allgemeine Kreditangebot hat."

Der Immobilienmarkt scheint für eine Ausweichstrategie der Versicherer aber nur bedingt geeignet. Einer Studie der Beratungsgesellschaft Ernst & Young zufolge drängen immer mehr Versicherer in den Immobilienmarkt, finden aber immer weniger Anlageziele. Der Befragung von 25 Versicherern zufolge würde jedes Unternehmen 2012 im Durchschnitt gerne knapp 300 Millionen Euro in Immobilien in Deutschland und europäische Kernmärkte investieren, was die Immobilienquote auf 6,7 von zuletzt 6,3 Prozent nach oben schrauben würde.

Da sich alle befragten Versicherer auf gut vermietete Einzelhandels- und Büroobjekte in Top-Lagen sowie zunehmend auch auf Wohnungsbestände fokussieren, wird es eng, die Preise steigen. Dennoch betrachten sie Aktien in der Euro-Schuldenkrise als ein zu volatiles Investment, langfristig vermietete Immobilien dagegen versprächen verlässliche Einnahmen. Vor allem deshalb stehen bei den Versicherern Direktinvestitionen in Immobilien weiter ganz oben auf der Wunschliste.

Auch bei den großen Wohnungspaketen, die hierzulande gerade den Besitzer wechseln, mischt die Assekuranz zunehmend mit: So machte zu Jahresbeginn beim milliardenschweren Verkauf der LBBW-Wohnungen ein Konsortium um die Augsburger Immobiliengesellschaft Patrizia und etliche Pensionskassen das Rennen. Ähnliche Bieter bringen sich für das Wohnungspaket der BayernLB in Süddeutschland in Stellung. Aber auch indirekte Immobilieninvestitionen gewinnen für die Versicherer weiter an Bedeutung - etwa in Form von klassischen Immobilienfinanzierungen oder als Eigenkapitalgeber in Fonds. (mit Material von Reuters)

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