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Private, gesetzliche, betriebliche Altersvorsorge Wie es um unsere Rente steht

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Säule III: Private Altersvorsorge mit Riester, Rürup und Co.

Weil die gesetzliche Rente kaum reichen wird, setzen viele Deutsche auch auf die zusätzliche private Altersvorsorge, zumeist ausgestattet mit staatlicher Förderung durch Zulagen oder Steuervorteile. In Frage kommen dafür etwa die Riester-Rente, die Basis-Rente (auch Rürup-Rente genannt) oder Sparprodukte wie etwa kapitalbildende Renten- und Lebensversicherungen oder Fondssparpläne, die den gesetzlichen Ansprüchen an eine steuerbegünstigte Altersvorsorge genügen.

Das Problem: Um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen, müssen die Verlustrisiken begrenzt werden. Nur so ist später auch tatsächlich ein Kapitalstock für die Verrentung vorhanden. Das führt dazu, dass die Anbieter solcher Sparprodukte überwiegend in festverzinste Anleihen mit geringem Ausfallrisiko investieren. Denn die Rendite für den langfristigen Vermögensaufbau kommt im Wesentlichen durch den Zinseszinseffekt zustande – und der geht in Zeiten niedriger Verzinsung zusehends in den Keller.

So gehen die Deutschen mit Geld um
Die Deutschen gelten als fleißige Sparer. Doch die Statistik sagt etwas anderes. 30 Prozent der Deutschen haben gar nichts auf der hohen Kante. 19 Prozent wollten sich nicht dazu äußern. Elf Prozent besitzen bis zu 2.500 Euro. Nur ein Prozent besitzt mehr als 500.000 Euro an Geldvermögen. Quelle: Das Buch „Wie wir Deutschen ticken“, erschienen im Edel Verlag und basiert auf repräsentativen Umfragen des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Quelle: dpa
Die Einstellung der Deutschen zur Aktie ist bekanntlich eher skeptisch. 16 Prozent aller Männer und sieben Prozent aller Frauen besitzen Aktien. Zum Vergleich: In den USA legen 56 Prozent der Bevölkerung ihr Geld in Aktien an. Der Aktienbesitz ist auch von der Bildung und dem Einkommen abhängig: Wer mehr als 3.000 Euro im Monat verdient, hat eher Aktien (23 Prozent). Wer weniger als 3.000 Euro verdient kommt noch auf elf Prozent Aktien. Wer Abitur hat, besitzt auch öfter Aktien (18 Prozent) als ein Hauptschulabsolvent (sechs Prozent). Quelle: dpa
40 Prozent aller Deutschen besitzen kein nennenswertes Vermögen. Beliebtester Besitz ist mit 32 Prozent das Sparbuch, dahinter kommt mit 27 Prozent das Auto bzw. Möbel. 23 Prozent der Deutschen besitzen Immobilien und nur sechs Prozent verfügen über Gold. Quelle: dpa
Die Mehrheit der Deutschen scheint den Artikel aus dem Grundgesetz „Eigentum verpflichtet“ nicht zu mögen. 52 Prozent wünschen sich, dass ein Unternehmer mit seiner Firma tun kann, was er will. Beim geliebten Eigenheim ist dies noch deutlicher: 74 Prozent wollen, dass ein Grundstückseigentümer mit seinem Grundstück machen kann, was er will. Nur 33 Prozent äußerten sich für eine Zwangsvermietung einer leeren Immobilie durch den Staat. Quelle: dpa
Bei der Beziehung zum Geld sind die Deutschen innerlich gespalten. Die Moral und die Gier geben sich die Hand – wohl ohne, dass es die Befragten merkten. So sagten 75 Prozent der Deutschen: „Bei uns werden Menschen zu sehr über ihren Besitz definiert.“ Besitz wird also überbewertet. An anderer Stelle sagten jedoch 77 Prozent: „Es ist mir wichtig, einen gewissen Wohlstand zu haben.“ Sprich: Wenn die anderen Geld lieben, ist das schlecht. Wenn ich selbst Geld habe, dann ist es kein Problem. Quelle: dpa
Geld macht nicht glücklich, so lautet eine abgedroschene Lebensweisheit. Die Mehrheit der Deutschen schließt sich ihr an. „Nur“ 36 Prozent sagten, dass sie glücklicher wären, wenn sie mehr Geld hätten. Quelle: dpa
Beim Thema Geld sind die Deutschen sehr misstrauisch. Oder selbstbewusst. Oder beides. Jedenfalls gaben 76 Prozent an, dass sie sich bei finanziellen Entscheidungen auf ihr eigenes Wissen verlassen. Auf Platz zwei landen Freunde und Verwandte mit 28 Prozent, dicht gefolgt vom Bankberater mit 23 Prozent. Nur zehn Prozent vertrauen einem unabhängigen Finanzberater und neun Prozent den Finanztipps in der Presse. Quelle: gms

So kommt die Rendite deutscher Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit aktuell nicht einmal mehr in die Region von einem halben Prozent. „Die Versicherungswirtschaft ist damit gescheitert, sich als Anbieter von Altersvorsorgeprodukten zu etablieren. Die Riester-Rente ist da nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Kleinlein vom Bund der Versicherten. „Viele Anbieter haben gut daran verdient, die Kunden und der Steuerzahler zahlen drauf.“

Paradoxerweise hat sich das Verhalten der Deutschen in den vergangenen Jahren kaum verändert. Nach einer Studie der Bundesbank haben drei Viertel der Bürger ihr Sparverhalten seit Anfang der Niedrigzinsphase nicht verändert. Viele häuften ihr Geld sogar auf Sparbüchern mit Mini-Zinsen an. Gleichzeitig nimmt das Interesse an der mit staatlichen Zulagen geförderten Riester-Rente seit 2013 ab. Gut ein Fünftel aller Riester-Verträge liegen still. Grund dafür sind oft vergleichsweise hohe Vertragskosten bei geringen Renditen – allen staatlichen Zulagen und Steuervorteilen zum Trotz. Zudem sind die Produkte häufig unflexibel.

Typische Irrtümer von Riester-Sparern

Ebenso greifen die Mini-Renditen das Konzept der Lebensversicherung an. Die Deutschen haben dieses Produkt lange bevorzugt, weil es feste Zinsen garantiert. Über 88 Millionen Verträge haben die Bundesbürger abgeschlossen. Insgesamt liegen 740 Milliarden Euro bei den Versicherern. Doch während die Anbieter vor 20 Jahren noch vier Prozent Zinsen pro Jahr garantierten, sind es heute nur noch 1,25 Prozent. Ein Satz, der sich wegen der üblicherweise saftigen Verwaltungs- und Provisionskosten kaum noch lohnt.

Um ihre Garantiezusagen einzuhalten, haben deutsche Lebensversicherer eine Sicherheitsreserve von rund 31 Milliarden Euro aufgebaut. Wilhelm Schneemeier, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) bezweifelt aber, dass das auf Dauer reicht. „In der heutigen Zinssituation wird es mit neuen Produkten kaum möglich sein, mehr als den Beitragserhalt für Produkte mit laufender Beitragszahlung fest zuzusagen.“

Was von der Privatrente übrigbleibt
Die sinkenden Renditen bei der Lebensversicherung sind ein Aufreger-Thema in Deutschland. In der Ansparphase erwirtschaften die Gesellschaften heute kaum mehr als sie durchschnittlich an Garantien für ihre Kunden bereithalten müssen. Verbraucherschützer raten Kunden daher seit Jahren, ihr Geld separat anzusparen – und erst zum eigentlichen Rentenantritt an eine Rentenversicherung abzutreten, die dann das Langlebigkeitsrisiko übernimmt. Je besser eine Gesellschaft ab dann wirtschaftet und anlegt, desto höher fällt die Sofortrente aus. Ein aktueller Map-Report hat sich angesehen, welche Versicherer bei der Sofortrente in der Vergangenheit am besten abgeschnitten haben. Quelle: dpa
Die zentrale Frage des Map-Reports lautet: Was hat der Versicherer aus der Einmalzahlung machen können? Oder genauer: Wie viel haben Kunden an monatlicher Rente ausbezahlt bekommen, wenn sie 1995 (und auch 2000 und 2005) 50.000 Euro Einmalzahlung an eine Rentenversicherung gegeben haben? Bei der dynamischen Variante, bei der ein einmal erreichtes Rentenniveau nicht mehr unterschritten werden darf, liegt die Debeka an erster Stelle. In den 20 Jahren 1995 bis heute haben sich die Rentenzahlungen auf 98.749 Euro aufsummiert – das sind knapp 9.000 mehr als der Durchschnitt. 464,53 Euro monatlich bezahlt sie ihren Kunden seit dem 1.1.2015 aus. Quelle: dpa
Nach der Debeka rangiert die Cosmos Versicherung auf dem zweiten Platz bei den dynamischen Renten über 20 Jahre. Bei ihr wurden aus 50.000 Euro Einmalzahlung 94.672 Euro oder 417,26 Euro Rente seit dem 1.1.2015. Der Map-Report sieht das Modell, das die Renten dynamisch an die Entwicklung der Überschüsse anpasst, allerdings kritisch: Im Niedrigzinsumfeld der vergangenen Jahre habe kaum ein Versicherer mehr die Rentenzahlungen anheben können. Der Grund: Wegen der Niedrigzinsen gehen die Überschüsse seit längerem kontinuierlich zurück. Quelle: Screenshot. Quelle: Handelsblatt Online
Platz drei bei den dynamischen Sofort-Renten über 20 Jahre belegt die Württembergische. Sie machte aus einst 50.000 Euro nach 20 Jahren 93.850 Euro oder 421,87 Euro Rente ab dem 1.1.2015. Die mit Abstand meisten Teilnehmer der Untersuchung meldeten Daten zur dynamischen Rentenversicherung, heißt es im Map-Report – „aus gutem Grund“. Denn es sieht besser aus, wenn die Rentenleistungen im dynamischen Modell – trotz Niedrigzinsen – zumindest konstant bleiben. Quelle: dpa
Wie stark die „erzwungene“ Rentengarantie im dynamischen Modell die Wirklichkeit verzerrt, wird bei den Gewinnern Debeka, Cosmos und Württembergische besonders sichtbar. „Während die dynamische Rente steigt oder zumindest das erreichte Niveau hält, rauscht der konstante Vertrag ab dem Jahr 2002 in den Keller“, so der Report. Bei der Cosmos sinkt die Monatsrente von 2002 bis 2005 von 407 Euro um 69 Euro auf 338 Euro. Bei der Württembergischen sinkt die Rente im selben Zeitraum um 71 Euro, bei der Debeka sogar um 93 Euro. Quelle: dpa
„Unter den gegeben Bedingungen sind die Ergebnisse der Rentenleistungen der Lebensversicherer bemerkenswert gut“, heißt es im Map-Report. Dies gilt allerdings vor allem für den Fall, bei dem die Sofortrentenzahlungen seit 1995 laufen. Je später der Versicherer mit der Rentenzahlung begonnen hat, umso eher schlägt sich das Niedrigzinsumfeld auf die Ergebnisse nieder – und umso länger muss ein Vertrag laufen, damit der Kunde seine Einmalzahlung wiedersieht. Quelle: dpa
Recht komfortabel sieht es also bei Rentenzahlungen aus, die nach einer Einmalzahlung von 50.000 Euro, bereits ab 1995 bezahlt werden. Bei der Rente mit konstantem Überschusssystem erreicht – laut Map-Branchenvergleich – ein Mustervertrag ab 1995 nach zehn Jahren und neun Monaten einen positiven Saldo zwischen Ein- und Auszahlungen. Länger dauert es bei der dynamischen Rente: Dort muss ein Kunde sich elf Jahre und acht Monate gedulden, bis er sein Eingezahltes wiedersieht. Quelle: dpa

Schneemeier glaubt, dass es noch schlimmer kommen könnte. „Die aktuelle Entwicklung wird dazu führen, dass über die zugesagten Garantien neu nachzudenken ist." Neben der Höhe des Zinssatzes werde vor allem die Länge der Zusage zu überdenken sein. Bei negativen Zinsen befürchtet der Chef der Versicherungs- und Finanzmathematiker-Vereinigung sogar, dass der Erhalt der Vermögen unter Druck geraten könne. „Wir erwarten bei den Produkten eine stärkere Verlagerung der Risiken hin zu den Kunden“, sagt Schneemeier.

Die Versicherungsmathematiker fordern deswegen einen erleichterten Zugang der Versicherungen zu wertstabilen Anlagen wie Immobilien, Infrastrukturfonds und erneuerbare Energien. Erlauben müssten das die Aufsichtsbehörden. Sie prüfen, wie riskant die Anlagen der Rentenversicherer sind und ob sie den gesetzlichen Vorschriften hinsichtlich beschränkter Verlustrisiken genügen.

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