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Private Krankenversicherung Die Schlinge um die PKV zieht sich zu

Linke Politiker und Krankenkassen befeuern ihre Kampagne gegen die PKV. Selbst in CDU und FDP mehren sich die Kritiker. Versicherer und AOK bombardieren sich gegenseitig mit Horrorszenarien zur Beitragsentwicklung.

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Cowboy bei einem Rodeo. Quelle: ap

Seit fast zwei Jahrzehnten ist Oskar K. in der privaten Krankenversicherung (PKV). Lange war der Akademiker zufrieden, doch seit ein paar Jahren steigt sein Ärger. „Ein großer Teil der Privatversicherten sitzt auf einem Pulverfass“, sagt er heute. Denn wie sich Leistungen und Beiträge künftig entwickeln, sei nicht absehbar. 

Das sehen immer mehr Politiker, Verbraucherschützer und viele Konkurrenten der PKV genauso. Und sie nehmen einzelne Fälle wie den von Oskar K. inzwischen wöchentlich zum Anlass, den öffentlichen Druck auf die privaten Anbieter zu erhöhen. Im Vorfeld der nächsten Bundestagswahl zieht sich die Schlinge zu: Die PKV kämpft immer verzweifelter ums Überleben. Denn die Anti-PKV-Front will nicht nur an die Rücklagen der Privaten, viele würden die PKV in ihrer heutigen Form am liebsten abschaffen und durch eine Bürgerversicherung für alle ersetzen. 

So stark steigen die Prämien in der PKV

Befeuert wird die Anti-PKV-Kampagne durch immer neue Berichte und Studien über starke Beitragsanstiege. So hat Oskar K. dem Handelsblatt aufgezeigt: Innerhalb von nur zehn Jahren verdoppelte sich seine Prämie nahezu. Dass der Informatiker kein Einzelfall ist, belegen nun sogar Zahlen, die jüngst von der Bundesregierung veröffentlicht wurden. Seit 2000 sind die Prämien für Privatpatienten im Schnitt um mehr als fünf Prozent gestiegen. Generell gilt dabei: Für Beamte eher weniger, für Angestellte und Selbstständige eher mehr. 

Für die gut 40 privaten Krankenversicherer sind das unangenehme Wahrheiten. Denn wenn privat versicherte Angestellte mit sechs Prozent oder mehr Beitragsanstieg rechnen müssen, dann verdoppelt sich ihre Prämie theoretisch alle zwölf Jahre. Wer also als Angestellter dem Höchstbeitrag der Krankenkassen entkommen ist und seine Prämie in der PKV halbiert hat, ist viel schneller als gedacht wieder auf seinem Ausgangsniveau. 

Bitter für die Branche: Solche Rechnungen widerlegen eine Kernbotschaft der Verkäufer von privaten Krankenversicherungen. Die Branche liefert zwar nur für neun Millionen Deutsche den vollen Krankenschutz, doch vermarktet wurde dies bisher als die höherwertige Alternative zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Kurz gesagt: Günstiger im Preis und besser in der Leistung. So wurden neue Kunden jahrzehntelang gelockt. 

Die Linken: Die PKV hat ihre besten Zeiten hinter sich

Dieses Image gerät durch teilweise horrende Beitragssteigerungen einzelner Versicherer wie Central und überbordende Provisionen für Vermittler ins Wanken. Besonders bedrohlich ist dabei: In Berlin baut sich eine nahezu alle Parteien übergreifende Front gegen die PKV auf. SPD, Grüne und neuerdings auch die Linken profilieren sich als besonders starke PKV-Kritiker. 

Die Linken waren es dabei, die der Bundesregierung hoch interessante Zahlen zur Beitragsentwicklung in der PKV entlockten. Die Finanzaufsicht Bafin führt eine Statistik, die auf Daten der Anbieter beruht. Generell ist die PKV-Branche sehr zurückhaltend mit Angaben zur Beitragsentwicklung. Nur einzelne Unternehmen, die vergleichsweise gut dastehen, nennen bereitwillig Daten. Andere verweisen nur auf Durchschnittswerte, die oft wenig aussagekräftig sind. 

Die Bafin-Statistik bestätigt nun erstmals offiziell die Schätzungen mancher Analysten, dass Privatversicherte im Schnitt mit einem Beitragsanstieg von mehr als fünf Prozent pro Jahr rechnen müssen. Es können aber in einzelnen Jahren auch mehr als sieben Prozent werden. 

Zudem ist zu berücksichtigen, dass die Durchschnittswerte durch die hohe Zahl der Beamten verzerrt sind. Diese Gruppe macht knapp die Hälfte der PKV-Versicherten aus, verursacht aber erfahrungsgemäß weniger Kosten. Daher steigen die Prämien der Beamten auch nicht so stark. Umgekehrt beklagen vor allem Angestellte und Selbstständige immer wieder starke Beitragserhöhungen.  

Der Linken-Bundestagsabgeordnete Harald Weinberg sagte dem Handelsblatt: „Die Zahlen der Bundesregierung belegen, dass die PKV ihre besten Zeiten hinter sich hat.“ Beiträge und Ausgaben stiegen rasant und deutlich stärker als in der gesetzlichen Krankenversicherung. Die Zinsentwicklung bei den Alterungsrückstellungen zeige, dass die PKV nicht demographiefest sei. 

Breite Kritik an der PKV

Nicht nur SPD und Grüne, auch Teile der CDU und FDP stimmen inzwischen in den Anti-PKV-Chor mit. Der Unions-Politiker Jens Spahn fiel bereits mit PKV-Kritik auf. Und nun fordert auch der FDP-Gesundheitspolitiker Lars Lindemann "grundlegende Veränderungen" von der Branche. „Ich bezweifle, ob die Vollversicherung in der heutigen Gestalt in der Zukunft noch so bestehen bleiben kann“, sagte er dem „Stern“. Selbst auf den Gesundheitsminister der FDP, Daniel Bahr, können sich die Privaten nicht mehr vorbehaltlos verlassen.

Warum die Prämien in der PKV steigen müssen

Die Krankenkassen, die rund 70 Millionen Deutsche versichern, erhalten in dieser politischen Gemengelage richtig Oberwasser. Im vergangenen Jahr hatten noch viele mit den eigenen Finanzen zu kämpfen, nun beschäftigen sie sich mit dem Systemgegner, der ihnen Jahr für Jahr die besten Kunden abwirbt – vor allem gut verdienende Angestellte und Selbstständige. 

Besonders aus dem größten Krankenkassenlager, der AOK, kommt immer mehr öffentlicher Gegenwind. Jüngstes Beispiel: Eine AOK-Studie, die den neun Millionen Privatversicherten stark steigende Beiträge in der Zukunft vorhersagt. Aus der Präsentation, die dem Handelsblatt vorliegt, geht hervor, dass die privaten Krankenversicherer von jedem Mitglied 2700 Euro Prämie im Jahr zusätzlich verlangen müssten, um in den nächsten 40 Jahren finanziell über die Runden zu kommen. Allein um diesen Fehlbetrag auszugleichen, seien etwa vier Prozent Prämiensteigerungen pro Jahr notwendig.

Die PKV nennt AOK-Spekulation über Beiträge "dreist"

Die privaten Krankenversicherer reagierten umgehend. PKV-Direktor Volker Leienbach kontert: „Die AOK bildet keinerlei Vorsorge für die steigende Lebenserwartung und die steigenden Gesundheitsausgaben ihrer Versicherten. Die Private Krankenversicherung dagegen hat für ihre 9 Millionen Versicherten fast 150 Milliarden Euro kapitalgedeckte Vorsorge vorzuweisen.“ Da sei es schon „dreist“, dass die AOK Spekulationen über zukünftige Kosten des System-Wettbewerbers anstelle.

Leienbach rechnete vor, der AOK-Höchstbeitrag sei in den letzten 40 Jahren von rund 750 Euro auf heute rund 7.100 Euro pro Jahr gestiegen. Wenn man diese Erfahrungswerte linear fortschreibe, werde der AOK-Höchstbeitrag in 40 Jahren bei über 67.000 Euro pro Jahr liegen. Hinzu kämen noch die Belastungen der Steuerzahler für den Anteil der AOK an den staatlichen Milliarden-Zuschüssen.

Das Beitragsorakel der AOK könne zudem nicht davon ablenken, was sich Tag für Tag in der Praxis beweise, so Leienbach: „Deutschland hat dank seines Zwei-Säulen-Systems aus Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung eine auch im internationalen Vergleich hervorragende Gesundheitsversorgung mit kurzen Wartezeiten, freier Arztwahl und medizinischem Fortschritt für alle.“

Privatpatienten interessiert zumeist vor allem die Beitragssenkung

Ein AOK-Sprecher erklärte dazu, man vermisse eine ernsthafte Auseinandersetzung des PKV-Verbandes mit den Fakten. Mit Polemik gegen die AOK und das Umlageverfahren der GKV werde sich der PKV-Verband auf Dauer nicht einer sachlichen Diskussion entziehen können. 

Der Systemstreit um PKV und GKV interessiert den Privatpatienten Oskar K. indes im Moment recht wenig. Er ist vor allem daran interessiert, seinen eigenen Beitrag zu senken. Bisher hatte er einen Tarif mit 900 Euro Selbstbeteiligung. „Mein jetziger Tarif hat eine Selbstbeteiligung von 500 EUR und erheblich schlechtere Leistungen. Er sieht keine Beitragssenkungen für das Rentenalter vor.“ Zudem weiß er: „Es werden aber nicht alle Leistungen vollständig bezahlt, wie dies vorher der Fall war.“ Dieses Risiko gehen alle PKV-Kunden ein, wenn sie bei ihrem Versicherer in einen anderen Tarif gehen. 

Zwar bezahlt er mit knapp 300 Euro im Monat jetzt wieder deutlich weniger. Doch wie lange? Bei den heutigen Tarifen und Beitragserstattungen seien die Anreize, keine Erstattungen zu beanspruchen und Leistungen selber zu zahlen, deutlich schlechter geworden. „Daher rechne ich persönlich auch mit weiterhin explodierenden Ausgaben.“

 

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