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Private Krankenversicherung Lieber tot als pragmatisch

Die CSU will, das Privatversicherte künftig ihre komplette Altersrückstellung bei einem Wechsel mitnehmen können. Der PKV-Verband verweigert sich reflexartig. Dumm findet das Wirtschaftswoche-Redakteurin Anke Henrich.

Ginge es nach der CDU, sollen Privatversicherte künftig ihre komplette Altersrückstellung bei einem Wechsel mitnehmen können. Quelle: dpa

18 von 43 Privaten Krankenversicherungen können laut Versicherungsaufsicht ihre Zinszusagen auf die Altersrückstellungen ihrer Versicherten einhalten. Einzelne Anbieter fordern von ihren Kunden jährliche Beitragserhöhungen von mehr als fünf Prozent und bieten ihnen weniger Leistungen als die gesetzlichen Krankenkrankenkassen im Pflichtenheft stehen haben. SPD und Grüne wollen der Zwei-Klassen-Medizin und damit der Privaten Krankenversicherung komplett ein Ende machen und sie in ein gemeinschaftliches System überführen. Bei der PKV geht es schon seit Jahren politisch und wirtschaftlich um Kopf und Kragen. Aber der Strick zieht sich zu.

Diese Leistungen müssen private Krankenversicherer übernehmen
Zunächst einmal sollten Privatpatienten und solche, die es werden wollen, wissen, dass die Versicherung sich weigern kann, Rechnungen eines bestimmten Arztes zu bezahlen. Dieser Ausschluss kommt in der Regel dann vor, wenn der Mediziner mehrmals durch falsche Abrechnung aufgefallen ist oder deutlich höhere Rechnungen stellt, als die Konkurrenz. Die Versicherung muss ihre Kunden allerdings darüber informieren, wenn sie bestimmte Ärzte ausschließt und kann sich nicht erst nach der Behandlung weigern, die Kosten zu übernehmen. Quelle: Fotolia
Wann eine Arztrechnung eingereicht wird, spielt übrigens keine Rolle. Die Versicherung muss zahlen, auch wenn der Patient die Rechnung erst Jahre nach der Behandlung einreicht. Quelle: Fotolia
Wer für eine Operation nicht in eine Uniklinik oder ein städtisches Krankenhaus, sondern in eine Privatklinik gehen möchte, kann das tun. Die Versicherung übernimmt die Kosten - auch wenn die oft deutlich über denen der anderen Spitäler liegen. Quelle: dpa/dpaweb
Neben den Kosten für Arztbesuche und Klinikaufenthalte übernehmen die Versicherer in der Regel auch hohe Laborkosten. Selbst wenn diese über dem von den gesetzlichen Kosten akzeptierten Satz liegen. Privatversicherte sollten allerdings ihren Vertrag genau prüfen: Manche Unternehmen schließen hohe Laborkosten aus beziehungsweise zahlen nur den regulären Satz. Die Kunden müssen dann die Differenz selber tragen. Quelle: dpa
Außerdem übernimmt die Versicherer Leistungen von fachfremden Ärzten. Wenn beispielsweise der Hautarzt seinen Patienten gegen Tetanus impft, zahlt die Private die Behandlung anstandslos. Quelle: dpa
Wo sich Kassenpatienten mit den günstigen Modellen abfinden oder selbst tief in die Tasche greifen müssen, übernehmen die privaten Krankenversicherer auch teuren Zahnersatz. Die Patienten dürfen günstige Modelle ablehnen, wenn diese beispielsweise einen schlechten Tragekomfort haben. Quelle: AP
Auch Massagen und Krankengymnastik muss die private Krankenversicherung bezahlen. Jedoch übernehmen die Versicherer nur die am Markt üblichen Preise. Wer eine Behandlung in Anspruch nimmt, die teurer ist als in Deutschland üblich, muss die Differenz aus eigener Tasche zahlen. Quelle: Fotolia

Nun kommt der CSU-Gesundheitsexperte Johannes Singhammer mit einem in dieser Lage geradezu  bescheidenen Verbesserungsvorschlag: Endlich sollte es allen PKV-Kunden möglich sein, zu einem anderen PKV-Anbieter zu wechseln und dabei sämtlich selbst eingezahlten Altersrückstellungen mitnehmen zu dürfen. Bisher war das für Wechselwillige ein abschreckendes Verlustgeschäft. Natürlich hätte das Konsequenzen: Der Markt würde entrümpelt. Unattraktive Anbieter würden von Konkurrenten übernommen; die Versicherten würden es kaum merken. So wenig wie sie den Abgang von sieben Anbietern in den vergangenen zehn Jahren verspürt haben. Die verbliebenen Unternehmen stünden wirtschaftlich besser im Wind. Die Branche bekäme einen kundenfreundlicheren Anstrich, der Wechsel von der GKV in die PKV würde wieder attraktiver.

Und wie reagiert die PKV-Betonlobby auf die zunehmende Existenzbedrohung? Wie immer und immer mit Komplettabwehr: Änderungen sind unmöglich, weil... und am Ende sind garantiert die Patienteninteressen gefährdet. Diese hundertfach runtergeleierte Talkshow-Argumentation ist inzwischen so sinnentleert wie nach wochenlangem Palaver telegen spätnachts abgeschlossene Tarifverhandlungen. Wir Zuschauer sind von beidem so müde.

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Wann liefert der PKV-Verband öffentlich neue Vorschläge zur Verbesserung der eigenen Lage?  Es gibt sie, wie alle Beteiligten wissen. Aber den innovativen Anbietern, die hinter den Kulissen seit Jahren alternative Modelle entwickeln und durchrechnen, denen hat die Branche einen Maulkorb verpasst.

Realitätsverlust lautet die Diagnose.

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