Prozesslawinen vermeiden Mediatoren sollen schnell Streits schlichten

Der Zaun, der wenige Zentimeter zu hoch ist oder ein Hundehaufen vor der Haustür: Ein Streit mit den Nachbarn kann schnell sehr teuer werden. Deshalb nehmen mittlerweile viele die Hilfe von Mediatoren in Anspruch. Das vermeidet häufig langwierige Konflikte.

Streitschlichter-Verfahren sind häufig kürzer als langwierige Gerichtsprozesse. Quelle: dpa/dpaweb

Die Deutschen gelten als "Prozess-Hansel" - streiten mit ihrem Nachbarn, den Behörden oder dem Arbeitgeber. Langwierige Prozesse sind teuer. Deshalb vermitteln immer häufiger Mediatoren bei Konflikten - davon profitieren auch die Rechtschutzversicherer. Auch die Gerichte werden entlastet. Denn eine Mediation ist in der Regel kürzer und billiger als ein Prozess. Die Mehrheit der Rechtsschutzversicherer bietet nach Angaben des Branchenverbandes GDV die Möglichkeit der Mediation an. „Viele Kunden sind froh, wenn der Streit beigelegt werden kann, bevor eine große Prozesslawine losgetreten wird“, heißt es beim GDV.

Etwa 50.000 Mediatoren gibt es in Deutschland mittlerweile, wie der Bundesverband Mediation mitteilt. Die Tendenz ist steigend; viele von denen sind Juristen oder Psychologen. Vor allem bei den Rechtsschutzversicherern sind immer mehr der Streitschlichter im Einsatz. Das Angebot reicht von der klassischen Mediation, bei der sich die Kontrahenten und der Mediator treffen und gemeinsam eine Lösung suchen, bis hin zu einer Vermittlung per Telefon oder E-Mail, die häufig als Shuttle-Mediation bezeichnet wird.

Dabei spricht der von der Assekuranz bestimmte Vermittler mit dem Versicherungskunden, dann mit dem Kontrahenten, anschließend unterbreitet er einen Kompromissvorschlag, beschreibt Rechtsanwalt Michael Burmann das Verfahren. „Aufgabe des Mediators ist es, den Streit mit ein paar Telefonaten zu lösen“, sagt Burmann. Bei kleinen Nachbarschaftskonflikten findet er das Verfahren durchaus sinnvoll. Bei Streitfällen zum Beispiel im Arbeits- und Mietrecht sieht der Jurist diese Form der Vermittlung allerdings kritisch. „Man schließt unter Umständen eine Vereinbarung mit großer Tragweite ab und ist sich dessen nicht bewusst“, sagt der Jurist. Im Gegensatz zur klassischen Mediation werde den Betroffenen nicht empfohlen, rechtlichen Rat in Anspruch zu nehmen, um die Dimension des Kompromisses zu überprüfen. „Die Shuttle-Mediation dient dazu, keinen Rechtsrat in Anspruch zu nehmen“, kritisiert Burmann, der selbst Mediator ist.
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) weist dagegen darauf hin, dass der Kunde Anspruch darauf hat, sich im Versicherungsfall anwaltlich beraten zu lassen. „Was der Kunde bekommt, ist nicht immer eine Mediation, die den Namen auch verdient“, sagt aber auch Walter Letzel vom Bundesverband Mediation. Ihn stört unter anderem, dass der Vermittler den Lösungsvorschlag erarbeitet und nicht die Kontrahenten gemeinsam unter Vermittlung des Profis. Bei kleineren Streitereien, bei denen sich die Parteien auf Augenhöhe begegnen, könne die telefonische Streitschlichtung sinnvoll sein. Bei einem Konflikt mit einer Behörde oder einem großen Unternehmen rät Letzel jedoch davon ab.

Das Übergewicht der einen Seite sei zu groß. Annabel Oelmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen empfiehlt generell: „Bei komplizierten Rechtsfällen sollte man sich zunächst von einem Anwalt beraten lassen, bevor man eine von der Rechtsschutzversicherung angebotene Mediation annimmt“. Wichtig sei zudem, dass der Vermittler frei gewählt werden könne. Stiftung Warentest zufolge legen viele Versicherer in ihren Bedingungen fest, dass sie den Mediator bestimmen, wenn sie die Kosten dafür übernehmen.

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