WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Rente Wer macht die schöneren Geschenke?

Die Diskussion über längere Arbeitszeiten für Beamte zeigt: Die Rente mit 63 hat unsere Gesellschaft grundlegend umgepolt. Statt ums Verbessern geht es nur noch ums Verteilen.

Dass das Rentenalter immer weiter steigt, während die Rente an sich sinkt, ist weitreichend bekannt. Doch wie verhält sich die Rente im Vergleich zur Pension? Quelle: Fotolia

Am Dienstag berät das Kabinett in Sachsen-Anhalt über einen Vorschlag seines Finanzministers Jens Bullerjahn (SPD), den man noch vor wenigen Jahren vielleicht als Routine zu den Akten gelegt hätte. Die Arbeitszeit der Landesbeamten soll steigen, statt mit 65 sollen sie regulär erst mit 67 Jahren in den Ruhestand gehen können, für besondere Berufsgruppen wie Feuerwehrleute steigt das Alter von 60 auf 62 Jahre. Man könnte das konsequent nennen, schließlich gelten vergleichbare Regeln für die Angestellten im Landesdienst schon länger. Die meisten anderen Bundesländer haben bereits ähnliche Vorschriften, wie Sachsen-Anhalt sie jetzt bekommen soll. Es spricht also viel dafür, den Vorschlag umzusetzen. Nicht zuletzt, um sich dem bald verpflichtenden Haushaltsausgleich zumindest anzunähern.

Doch den Konsens, dass leere Kassen und demografische Veränderungen uns dazu zwingen, auch über Lebensarbeitszeiten anders nachzudenken, hat die große Koalition aus freien Stücken aufgegeben. Die Gewerkschaft der Polizei kritisierte die neue Altersgrenze in Sachsen-Anhalt prompt als „totalen Schwachsinn“. Viel verbales Eskalationspotenzial bleibt da nicht übrig. Es zeigt sich: So berechtigt die Anliegen mancher Berufsgruppen sein mögen, nach einer Lebensarbeitszeit von 45 Jahren auf Rücksicht auf die eigene Gesundheit in den Ruhestand zu treten, diese Reform hat viel grundlegendere Folgen gehabt. Statt ums verbessern geht es heute nur noch ums verteilen.

Einige Jahre gab es in Deutschland ein Zeitfenster der ökonomischen Vernunft, in dem ziemlich oft am Ende einer Debatte tatsächlich die Lösung stand, die man gesamtgesellschaftlich als sinnvoll betrachten konnte. Dieser Volksverstand existierte unabhängig von Regierungsparteien und Personal, er speiste sich aus der Überzeugung, dass ein mehr ein Wettbewerbsfähigkeit des Landes letztlich allen nütze. Eine historische Ausnahmesituation, muss man heute sagen.

Vielen Deutschen droht die Altersarmut
Die Ergebnisse einer neuen Studie besorgniserregend. Es droht eine riesige Versorgungslücke und vielen Bürgern eine akute Altersarmut. Den künftigen Rentnern ist dies zwar durchaus bewusst, allerdings tun sie kaum etwas dagegen. Im Gegenteil: Mehr als ein Viertel der Befragten gab an, die Altersvorsorge komplett zu ignorieren. Das zeigt die Studie „Altersvorsorgereport: Deutschland 2014“ der Sparda-Bank in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Jens Kleine vom Research Center for Financial Services der Steinbeis-Hochschule. Sie gibt einen umfassenden Überblick zum deutschen Altersvorsorgemarkt vorgelegt. Quelle: IMAGO
Das private Vorsorgeverhalten lässt in Deutschland zu wünschen übrig. Die Mehrheit der Bürger will den gegenwärtigen Lebensstandard nicht für die Altersvorsorge einschränken. Dadurch entsteht laut den Berechnungen der Experten eine Versorgungslücke von mehr als 27.000 Euro. Neben einer möglichen Altersarmut des Einzelnen droht in der Gesellschaft ein Generationenkonflikt beim Streit um die Höhe der staatlichen Rente. Quelle: IMAGO
Verantwortlich für die Versorgungslücke sind neben dem Lebensstandard zu geringe finanzielle Möglichkeiten. Rund 75 Prozent der Deutschen fehlt schlichtweg das Geld, um privat vorzusorgen. Besonders betroffen sind dabei die Arbeiter. In dieser Berufsgruppe verfügen nur 19 Prozent über ausreichende finanzielle Spielräume für die private Altersvorsorge. Quelle: IMAGO
Diese Vorsorgeproblematik hat zur Folge, dass die ohnehin schon in der Gesellschaft bestehende Schere zwischen Arm und Reich im Alter noch größer wird. Menschen mit ausreichender Kapitalausstattung sind nämlich in der Lage zusätzlich 325 Euro in die private Altersvorsorge zu stecken. „ Das soziale Ungleichgewicht wird sich im Alter weiter verschärfen. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung wird im Alter gut leben können, wohingegen ein wesentlich größerer Teil mit Einschränkungen oder gar Altersarmut zu kämpfen haben wird“, so Heinz Wings, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank Hamburg. Quelle: IMAGO
Trotz dieser möglichen Scherenbildung herrscht insgesamt nur geringes Interesse für Altersvorsorge-Themen. Viele haken das Thema komplett ab – und das obwohl 82 Prozent der Befragten bewusst ist, dass eine rechtzeitige private Altersvorsorge notwendig ist, wenn der bestehende Lebensstandard im Alter fortgesetzt werden soll. Quelle: IMAGO
Neben dem Desinteresse spiegelte sich bei den Befragten auch Unkenntnis wider. Die Studie ergab, dass rund 73 Prozent der Bürger zwar von zu niedrigen Rentenansprüchen ausgeht, allerdings kennen auch weniger als die Hälfte deren tatsächliche Höhe. 50 Prozent der Deutschen hat zudem Angst im Alter vom Existenzminimum leben zu müssen. Vor allem junge Menschen treibt diese Angst um – was Wings zufolge ein gutes Ergebnis ist: „Dass die jungen Menschen die Bedeutung der Altersvorsorge erkannt haben, ist ein äußerst positives Zeichen. Sie haben jedenfalls vom Alter her noch Möglichkeiten, um ausreichend vorzusorgen.“ Quelle: IMAGO
Die Versorgungslücke von 27.000 Euro ergibt sich durch die Berechnung des durchschnittlichen Sparverhaltens. So wollen die Befragten bei Renteneintritt circa 96.000 Euro angespart haben. Doch hierfür legen die Bürger in einem Zeitraum von 21 Jahren im Monat lediglich 179 Euro im Monat zur Seite. Die Experten der Studie haben außerdem mit einem recht hohen Zinssatz von vier Prozent gerechnet. Alles zusammengerechnet – die Sparquote und der durchschnittliche Zinssatz – ergeben statt der anvisierten 96.000 nur 69.000 Euro. Quelle: IMAGO

Am Anfang dieser Überzeugung stand um die Jahrtausendwende die Feststellung, im internationalen Wettbewerb zurückzufallen. Es folgten Reformen auf dem Arbeitsmarkt, Gewerkschaften und Arbeitgeber fanden zudem sehr häufig schlüssige Kompromisse. Später wurde aus dem erfolgreichen Krisenmanagement etwas noch viel wertvolleres: das Streben nach stetiger Verbesserung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit, die das Potenzial zur Verstetigung in sich trug. Den Gipfel dieser erstaunlichen Volksvernunft, der ein Plateau hätte werden können, bildete die Rente mit 67. Sicher, auch sie war umstritten, aber zunächst erfolgreich.  Dabei ging es mit Deutschland zum Zeitpunkt des Beschlusses 2006 bereits wieder langsam aufwärts. Die Wirtschaft wuchs, auch die hohen Arbeitslosenzahlen begannen sich zu erholen. Und dennoch rang sich die Regierung zu einer so grundlegenden Reform durch, ohne jeglichen Druck von Außen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%