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Schwellenländer "Indien bereitet Sorge"

George Iwanicki, Leiter Strategie für Schwellenländermärkte bei der New Yorker Anlagegesellschaft J.P. Morgan Asset Management, sieht weiter enormes Potenzial in den asiantischen Märkten. Die aktuelle Überhitzungsgefahr hält er für beherrschbar.

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George Iwanicki Quelle: Stefan Hajek

Herr Iwanicki, in den Schwellenländern brummt die Wirtschaft, während der Westen noch mitten in der Krise steckt. Wie nachhaltig ist das derzeitige Wachstum in Asien und Südamerika? Kann sich die frühere „Dritte Welt“ im positiven Sinne von uns abkoppeln oder ist die schnelle Erholung in den Schwellenländern eine Blase?

Ich denke, dass diese Entwicklung weder neu noch überraschend ist. Die Wirtschaftsleistung der Staaten und Regionen folgt – mit einiger Verzögerung – lediglich den demografischen Trends. Asien, ganz besonders China, aber auch Indien, erobert sich nur jenen Teil an der Weltwirtschaft zurück, denn es früher schon einmal hatte, bevor der Westen durch die schnellere Industrialisierung davon zog.

Diese Regionen hatten vor einigen Jahrhunderten schon einmal ganz erheblichen Anteil am Welthandel, der weltweiten Produktion und lagen auch im Wohlstand der Bevölkerung nicht so weit zurück wie in den vergangenen 100 Jahren – im Gegenteil. Wenn sie so wollen, wird gerade eine Fehlentwicklung der letzten 200 Jahre korrigiert.

Solche langfristigen Trends drehen aber normalerweise nicht ohne größere Verwerfungen.

Auch dieses Mal nicht. China zum Beispiel steht ebenso wie Indien besonders im Fokus, dort gibt es bereits wieder klare Anzeichen einer Überhitzung, aber wir sind überzeugt, dass dort eine sanfte Landung gelingen kann. Ich denke, langfristig ist die Verlagerung des Wachstums und damit letztlich des Wohlstand in die Schwellenländer unumkehrbar.

Dieser Trend ist auch nicht gar nicht so furchtbar neu, wie jetzt viele behaupten. Er hat bereits Ende der 1980er-Jahre eingesetzt. Da war die westliche Welt rund um den Atlantik, plus Japan, auf dem Zenit, wir haben es nur lange nicht gemerkt, weil der Technologieboom dazwischen kann. Aber die Schwellenländer holen seitdem auf, während bei uns das Wachstum immer schwächer wird. Von den vergangenen 20 Jahren war in 19 Jahren das Wachstum der Schwellenländer größer als das der G3 (USA, Japan, Deutschland).

Welche kurzfristigen Verwerfungen drohen?

Wir müssen vor allem China sehr genau beobachten und die Versuche der dortigen Regierung, das teilweise schon wieder überschäumende Wachstum zu bremsen. Die Chinesen haben ab 2008 aus allen Rohren gefeuert und sowohl immense Konjunkturprogramme aufgelegt, als auch die Notenbankpolitik extrem gelockert. Nun stellt sich heraus, dass der Einbruch der Wirtschaft in China gar nicht so tief war wie befürchtet und die keynesianischen Maßnahmen wohl etwas zu viel des Guten.

Wie sehen die Bremsmaßnahmen aus?

Im Moment sind sie noch undramatisch, entfalten aber bereits ihre Wirkung. So hat die chinesische Führung schon im September und Oktober 2009 angekündigt, bis auf weiteres keine neuen Konjunkturprogramme mehr aufzulegen; vor allem keine, die auf den staatlichen Ausbau der Infrastruktur aus sind. Jetzt kommen Maßnahmen dazu, die den Immobilienboom abkühlen lassen sollen, etwa die Beschränkung des Immobilienerwerbs in Peking, wo nur noch ein Haus pro Familie gekauft werden darf.

Die chinesische Regierung differenziert sehr genau; Maßnahmen, die auf die Stärkung der Binnennachfrage und speziell des Konsums zielen, wurden weitgehend intakt belassen; solche, die auf Investitionen zielen, speziell mit staatlichem Geld, relativ früh aufgegeben; ich bin insgesamt zuversichtlich für China, dass die so genannte weiche Landung gelingt, zumal der Inflationsdruck nachlässt; etwas weniger günstig sieht es in Indien aus.

Fast jeder Anleger wird Ihnen recht geben, dass die asiatischen Volkswirtschaften künftig schneller wachsen werden als die westlichen oder Japan. Aber wie viel sollte man dort investieren? In der Vergangenheit waren die volkswirtschaftlichen Aussichten auch schon gut, trotzdem kommt es immer wieder zu verheerenden Ausverkäufen an den Schwellenländerbörsen.

Da rennen Sie bei mir offene Türen ein; auch ich sage immer, wir kaufen Unternehmen und speziell deren künftige Cash-flows und Gewinne, keine Futures auf das Bruttoinlandsprodukt. Ich gehe fest davon aus, dass die stärkere Volatilität der Schwellenländerbörsen – das, was Sie als stärkeren Boom in guten Zeiten und katastrophalen Crash in schlechten kennen, gegenüber den etablierten Börsen weiter abnehmen wird. Damit verringert sich auch das Risiko großer Verluste. An den Bondmärkten sehen wir das schon zum Teil. Die Risikoaufschläge gegenüber den etablierten Volkswirtschaften sinken kontinuierlich.

Bei Anleihen kann man Staatsanleihen spielen, die sind in der Regel liquide; um über die Aktienmärkte zu profitieren, braucht es solide Unternehmen, die verlässlich bilanzieren und deren Aktien liquide gehandelt werden. Das war in der Vergangenheit in den meisten Schwellenländern ein Problem.

Nicht nur die Aktien, auch die Unternehmen selbst stellten in manchen Ländern ein Problem dar. Denn das schnellere Wachstum der Volkswirtschaften spiegelte sich bis vor kurzem nicht auf der Ebene der Unternehmen wieder. Einige asiatische und lateinamerikanische Firmen, von afrikanischen ganz zu schweigen, konnten in punkto Profitabilität und Bilanzqualität nicht annähernd mit westlichen Firmen mithalten. Das lang an vielen Dingen: mangelnder Transparenz, Korruption, zu viel Geld verschwand in irgendwelchen Kanälen… Das zeigte sich unter anderem an notorisch überhöhten Investitionskosten im Verhältnis zum Umsatz .

Und das ändert sich?

Oh ja, schon heute gehören viele Firmen aus Schwellenländern zu den profitabelsten der Welt. Alle relevanten Kennzahlen der Schwellenländer-Unternehmen bessern sich seit einigen Jahren kontinuierlich: Verschuldungsgrad, Asset Turnover, Gewinnmargen, Fixkostenanteil am Umsatz, um nur vier zu nennen.

Woran liegt’s?

Die Inflationsraten sind gesunken und damit die Kapitalkosten; die Unternehmen haben sich weltweite Märkte erschlossen und können so ihre niedrigen Kosten, vor allem beim Lohn, besser ausnutzen. Bis vor wenigen Jahren war z.B. Indien noch ein reiner Binnenmarkt. Indische, koreanische und chinesische Unternehmen sind die größten Gewinner der Globalisierung.

Derzeit steigen die Löhne und die Kosten aber schneller als im darbenden Europa…

…der Wettbewerbsvorteil ist noch immer immens. Doch die Schwellenländer werden mehr selbst konsumieren müssen und weniger in den Westen exportieren können, der ihre Waren auch noch auf Pump kauft. Das war das Geschäftsmodell der 1990er und 2000er Jahre; das ist vorbei.

Denn im Westen, dessen bin ich ziemlich sicher, wird die allgemeine Entschuldung weiter gehen. Kreditmengen sinken, die Leute sparen; der Konsum wird weiter zurückgehen. Europa, die USA, Japan: alle müssen enorme Anstrengungen unternehmen, um der immensen Verschuldung Herr zu werden. Die Demografie wird das Problem verschärfen.

Börsenkurse in Shanghai Quelle: AP

Gelingt es, im Gegenzug den Konsum in den Schwellenländern schnell genug hochzufahren?

Ich bin nicht so pessimistisch wie die meisten Menschen derzeit. Nimmt man alle Schwellenländer zusammen, wächst der Konsum konstant und nähert sich dem Niveau der westlichen Welt an. Das reicht natürlich noch nicht. Aber es gibt in den Schwellenländern enormes Potenzial für weiteren Konsum. In Brasilien zum Beispiel haben nur zwei Prozent der Bevölkerung eine Hypothek abzuzahlen; in den meisten westlichen Ländern ist es fast die Hälfte der Bevölkerung.

Gelingt es ohne harte Währungsschnitte oder Hochinflation?

Das ist weniger eine ökonomische als eine politische Frage. Ökonomisch ist es gar nicht so schwierig. Die richtigen Rezepte sind weitgehend bekannt: Man muss den Großteil der künftigen Ausgaben verschieben und stunden. Kleine, aber sehr langfristige Maßnahmen bringen dabei viel mehr als sehr harte, aber kurzfristige Maßnahmen.

Konkret: Die Politiker sollten nicht das Autobahnprojekt x stoppen, um eine Milliarde Euro zu sparen, sondern über mittel- bis langfristigere Maßnahmen nachdenken, etwa das Renteieintrittsalter zu verlängern, wäre extrem wirksam. Aus vergangenen Krisen wissen wir, dass solche Langfrist-Anstrengungen geeignet sind, die Bondmärkte stark zu beruhigen. Aber sie sind unpopulär.

Was glauben Sie? Wird die Politik das ökonomisch Sinnvolle tun?

Die Anleihemärkte signalisieren im Moment leider das Gegenteil.

Wie groß ist die Gefahr, die von der Inflation in den Schwellenländern ausgeht?

Die Inflation ist noch fast überall unter Kontrolle – außer in Indien. Dort beobachten wir die zögerliche Haltung der Zentralbank, endlich bremsende Maßnahmen einzuführen, sehr genau. Die erste indische Inflationswelle kann man noch ganz gut mit hohen Nahrungsmittelpreisen erklären; die Monsunzeit hat zu Ernteausfällen geführt, ein lokales, temporäres Phänomen. Aber in Indien könnten zudem in einer zweite Welle die Energiepreise steigen, was den Markt sehr viel mehr verunsichern würde: Die Energiepreise muss man genau beobachten, sie sind die offene Flanke.

Und in den anderen Schwellenländern?

In fast allen Schwellenländern ist die Inflation unter Kontrolle, obwohl es dort kaum Einbrüche in der Kapazitätsauslastung gab, die ja bei uns im Westen gern als Erklärung für die nach wie vor starken deflationären Tendenzen hergenommen wird. China bremst gerade massiv, das wird spannend, es ist eine Gratwanderung, denn zu schnell darf die Regierung nicht bremsen, sonst steigt die Arbeitslosigkeit und es kommt zu sozialen Unruhen.

Im Moment blickt die Welt wegen der Fußball-WM auf Afrika. Für die meisten Investoren ist der Kontinent aber – anders als Lateinamerika und erst recht Asien – ein weißer Fleck auf der Landkarte. Läuft Afrika Gefahr, langfristig von Asien und Lateinamerika ganz abgehängt zu werden?

Nein, die Hinwendung der Investoren weltweit zu den Schwellenländern und damit der internationalen Kapitalströme beinhaltet auch für Afrika mehr Chancen als Risiken. Das Potenzial Afrikas ist enorm. Noch beschränken sich die meisten Investitionen des Auslands auf die Erschließung der afrikanischen Rohstoffe, vor allem China ist hier bekanntlich sehr aktiv. Doch das muss nicht so bleiben. Zwar konzentrieren sich 85 Prozent beispielsweise des liquiden Aktienvermögens noch immer auf Südafrika. Aber in Subsahara-Afrika kann man mittlerweile sehr gut via Johannesburg investieren.

Welche Unternehmen außerhalb des Bergbau- und Rohstoffbereichs sind interessant?

Vor allem schwarzafrikanische Banken, aber auch Einzelhandel und vor allem mobile Telekommunikation. MTN Telecommunications und Safari.com, die ein Bezahlsystem für Mobiltelefone entwickelt haben, sind zwei von Dutzenden hoffnungsvollen Beispielen für innovative schwarzafrikanische Geschäftsmodelle.

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