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So kann es funktionieren Die Zinsrente in Zeiten der Niedrigzinsen

Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin geht davon aus, dass die Nullzinsen Ende 2019 Geschichte sein werden. Quelle: iStock

Vorige Woche haben wir gezeigt, wie Sie sich eine Rente nur aus Zinsen zahlen. Manche Leser störten sich am angenommenen Zinssatz von drei Prozent. Doch auch im realen Zinsumfeld kann die Zinsrente funktionieren.

Sich selbst eine Rente zahlen zu können, nur aus den Zinsen auf das Ersparte, davon träumen viele Menschen. Wie unser voriger Beitrag gezeigt hat, ist die Zinsrente durchaus realistisch, wenn man von einem Zinssatz von drei Prozent ausgeht. Um sich eine Rente von 500 Euro auszuzahlen, müsste man so 40 Jahre lang jeden Monat nur 330 Euro zurücklegen. Viele Leser sahen in dieser Rechnung jedoch ein Problem, denn wo solle man in Zeiten der Nullzinsen eine Verzinsung von drei Prozent bekommen?

Tatsächlich gibt es auf Tagesgeld noch immer unter einem Prozent, auf Festgeld, wenn Sie viel Glück haben, 1,5 Prozent. Doch sofern keine neue Weltwirtschaftskrise kommt, werden die Zinsen in Deutschland nicht ewig auf diesem Niveau bleiben.

Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin geht davon aus, dass die Nullzinsen Ende 2019 Geschichte sein werden. Dann werde die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins langsam und in kleinen Schritten anheben. „Wir werden nie wieder die Zinsen von fünf und mehr Prozent sehen, wie es sie vor 2008 gab“, prognostiziert Fratzscher. Ein Zins von 3,5 bis vier Prozent sei aber gut vorstellbar – mehr also als im Rechenbeispiel zur Zinsrente.

Um sich vorzustellen, wie der Leitzins der Eurozone sich entwickeln könnte, rät Fratzscher zum Blick nach Amerika. In den USA lag der Leitzins sieben Jahre lang auf null und wurde dann in kleinen Schritten über zweieinhalb Jahre hinweg auf zwei Prozent angehoben. In den nächsten Monaten erwarten Experten zwei weitere kleine Zinserhöhungen. Mittelfristig dürfte ein Niveau von drei Prozent wieder normal sein - mindestens.

Nehmen wir nun diese Werte und wenden Sie auf unser Rechenbeispiel zur Zinsrente an. Dabei kalkulieren wir betont pessimistisch und lassen den angenommenen Zins für die nächsten drei Jahre auf null, obwohl es ja schon jetzt Tagesgeldangebote für 0,7 Prozent gibt. Gehen wir davon aus, dass der Zins in Jahr vier und fünf bei einem Prozent, in Jahr sechs und sieben bei zwei Prozent und ab Jahr acht schließlich bei drei Prozent liegt, dann ergibt sich folgendes Bild:

Mit 330 Euro im Monat kämen Sie nun in 40 Jahren auf ein Erspartes von 261.445 Euro. Daraus könnten Sie sich wiederum eine endlose Zinsrente von 493 Euro im Monat auszahlen – nur geringfügig weniger als die 500 Euro, die im vorherigen Beispiel bei konstant drei Prozent zustande kamen. Hebt die EZB also wie erwartet graduell die Zinsen an, ist der Weg zur Zinsrente weiterhin möglich, selbst dann, wenn Sie im jetzigen Nullzinsumfeld mit dem Sparen beginnen.

Was aber, wenn die EZB die Zinsen doch nicht anhebt? Dann müssen Sie ins Risiko gehen, wenn Sie eine Rendite sehen wollen. Oder, wie Thomas Hentschel von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen es nennt, Ihr Geld „chancenorientiert anlegen“. Und das heißt in Zeiten der Nullzinsen natürlich: an der Börse.

Wie fast alle anderen Experten auch rät Hentschel zu den ETF genannten Indexfonds, die eine Auswahl an Aktien wie etwa den Dax originalgetreu abbilden. Am sinnvollsten sind möglichst breit aufgestellte Fonds, so wie die ETF-Empfehlung schlechthin, der MSCI World. Der bildet weit über 1000 Top-Unternehmen aus 23 Industrieländern ab und hat allein voriges Jahr um knapp zehn Prozent zugelegt. Auch in den Jahren davor waren es im Schnitt kaum weniger. Hentschel zufolge können selbst vorsichtige Anleger mit einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von vier bis sechs Prozent rechnen.

Doch genau hier liegt das Problem: der Durchschnitt. Was, wenn der ETF ausgerechnet in dem Jahr abstürzt, in dem Sie in Rente gehen wollen, und Ihr Erspartes mit sich reißt? Die Lösung liegt darin, gar nicht erst so lange zu warten. Spätestens zehn Jahre vor der Rente sollten Sie beginnen, Ihr Aktienvermögen Schritt für Schritt in sicherere Anlagen umzulagern. Steigen die Zinsen schon vorher, können Sie damit schon deutlich eher beginnen. Und je eher Sie anfangen, desto besser können Sie zwischenzeitliche Kurstiefs aussitzen. So haben Sie am Ende wahrscheinlich sogar mehr Geld, als wenn Sie es statisch zu drei Prozent auf einem Bankkonto angespart hätten. Steigen die Zinsen hingegen gar nicht, können Sie Ihr Geld bis zum Ende im Depot lassen und sich dort über einen Entnahmeplan auszahlen. Das Risiko dabei ist freilich höher.

So oder so sollte klar sein: Wer in 40 Jahren in Rente geht, der muss sich für eine immense Rentenlücke wappnen – und dafür wird die Zinsrente allein nicht reichen. Sie kann aber ein Baustein sein, um den Lebensstandard zu halten, etwa neben Immobilien, betrieblicher Vorsorge oder Riester-Rente. Denn je größer die Rentenlücke, desto geringer ist die Chance, dass Sie sie allein über eine Vorsorgeform schließen können.

Lassen Sie uns ehrlich sein. Selbst mit einem hohen Zinsniveau kann eine Rente über Zinsen nur funktionieren, wenn Sie früh genug mit dem Sparen beginnen. Ansonsten kann der Effekt von Zins und Zinseszins nicht mehr greifen. Wer also nur noch fünf Jahre bis zur Rente und noch nichts gespart hat, für den kann es keine Rente aus Zinsen geben. Wer jedoch früh anfängt, 30, ja 40 Jahre vor der Rente, der hat große Hebel zu seiner Verfügung – selbst in Zeiten der Niedrigzinsen. 

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