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Sozialkassen Warum uns Pflege teuer sein sollte

2011 will uns Gesundheitsminister Rösler zum Zusatzsparen verpflichten, damit wir Hilfe im Alter noch bezahlen können. Der Plan ist ein erster, aber zu kurzer Schritt. Ein Kommentar von Cordula Tutt.

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Pflegedienst im Quelle: dapd

Die Chancen stehen 50:50 - Wer sich heute fit und mitten im Leben fühlt, muss dennoch damit rechnen, seine letzten Jahre auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Jeder zweite alte Mensch in Deutschland wird pflegebedürftig – oft sieben bis acht Jahre lang. Weil die Zahl der Beitragszahler für die Pflegekassen schwindet und die Zahl der über 80-Jährigen stark steigt, will Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) gegensteuern.

Rösler hat 2011 zum "Jahr der Pflege“ ernannt und will einen unpopulären Schritt gehen – zu dem ihn der Koalitionsvertrag freilich verpflichtet. Der Liberale will die mittlere und jüngere Generation zum Extrasparen für die Pflege animieren – ein Modell ähnlich wie die Riester-Rente, nur eben verpflichtend.

Warum die Beiträge nicht reichen

Das ist ehrlich und womöglich mutig für einen FDP-Minister, dessen Partei stets die vom Staat auferlegten Lasten  kritisiert. Denn die Pflegeversicherung – die 1995 als jüngste Sozialversicherung startete  – hatte von Anfang an einige Fehler, die keine Regierung seither behob.

Zurzeit zahlen Arbeitnehmer mit mindestens einem Kind 1,95 Prozent ihres Gehalts, Kinderlose 2,2 Prozent.

Fünf Gründe sprechen dafür, dass diese Beiträge und die heutige Form der Versicherung nicht mehr funktionieren:

1.  Weil die Jüngeren für die Älteren zahlen, profitierten viele hilfebedürftige Senioren zunächst, ohne selbst einen gewichtigen Beitrag geleistet zu haben. Umgekehrt ist für die jüngeren Beitragszahler absehbar, dass die Pflegeversicherung nicht mehr finanzierbar sein wird, wenn sie alt sind und vergleichbare Leistungen beanspruchen wollen.

2.  Die Kasse sollte stets nur eine Teilkaskosicherung bieten. Bereits heute springen immer wieder die Sozialämter ein, weil die Rente Betroffener darüber hinaus nicht reicht. Bisher ist Altersarmut kaum ein Thema. Wer aber heute länger arbeitslos ist, wer als Freiberufler lieber nicht an Vorsorge denkt oder wer nach einigen Rentenreformen ganz allgemein weniger gesetzliche Rente bekommt als die Eltern, wird den teuren letzten Abschnitt im Leben schwerer bewältigen.

3.  Verschärfend kommt hinzu, dass immer weniger Töchter, Schwiegertöchter oder Söhne zuhause die Pflege übernehmen und immer häufiger professionelle, aber teure Hilfe in Anspruch genommen werden muss. Das dient oft dem Familienfrieden, schont aber nicht die Kassen.

4.  Weil Profihilfe für viele Familien zu teuer ist, stützen sich etliche auf osteuropäische Pflegerinnen, die rund um die Uhr halblegal oder illegal arbeiten – wohl auch nach der Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes für Osteuropäer. Doch steigt der Lebensstandard in den Nachbarländern, was diese Wanderarbeit immer unattraktiver macht. Außerdem altern die Gesellschaften in Osteuropa noch schneller als unsere, was Arbeitskräfte dort knapp wie begehrt macht.

5. Schließlich legte 2009 eine Expertengruppe im Auftrag des Gesundheitsministeriums ihre neue Definition der Pflege vor. Die halten Betroffene und Profis für geboten, sie macht aber Hilfe teurer. Nicht mehr nach Minuten für Waschen, Ankleiden und Füttern soll das Geld bemessen werden. Das Ziel ist künftig, die Menschen am sozialen Leben zu beteiligen. Das heißt zum Beispiel Einkaufsbegleiter statt Essen auf Rädern, das heißt vor allem aber auch, dass viele der rund 1,3 Millionen Demenzkranken erstmals Geld aus der Versicherung bekommen. Bisher galt: Wer altersverwirrt ist, aber körperlich noch eher rüstig, bekommt kein Geld.

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