Sozialpolitik Wohin mit den Milliarden der Sozialkassen?

Neue Rekordüberschüsse stellen die Renten- und Krankenversicherung vor ungewohnte Probleme: Wie legt man Milliardensummen inflationsgeschützt am Kapitalmarkt an?

Bahr und von der Leyen Quelle: dapd

Die Wächter des begehrtesten Schatzes der deutschen Sozialpolitik logieren in einem Backstein-Altbau im Berliner Westen. Im dritten Stock der Deutschen Rentenversicherung Bund kümmert sich eine eingeschworene Truppe von Finanzexperten um alle Überschüsse, die sich in der gesetzlichen Kasse anhäufen. Um mit den Beitragsgeldern von 35 Millionen Versicherten zu jonglieren, nutzen die Anlageexperten Konten bei 45 verschiedenen Banken. Und ihr Job wird von Woche zu Woche anspruchsvoller: Inzwischen verwalten sie eine Rücklage von 25,2 Milliarden Euro. In der ganz normalen Finanzwelt würde das schon einen prächtigen Fonds abgeben.

Allerdings ist in der Sozialversicherung alles ein bisschen anders. Vor allem, weil es nicht um Pracht, nicht um Rendite und schon gar nicht um Zockerei geht, wenn die Beamten Renten-Euro am Geldmarkt investieren. Ihre Anlagen müssen unantastbar sein – „mündelsicher“, so will es der Gesetzgeber.

So viel Rente bekommen Sie
DurchschnittsrentenLaut den aktuellen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung bezogen Männer Ende 2014 eine Durchschnittsrente von 1013 Euro. Frauen müssen inklusive Hinterbliebenenrente mit durchschnittlich 762 Euro pro Monat auskommen. Quellen: Deutsche Rentenversicherung; dbb, Stand: April 2016 Quelle: dpa
Ost-Berlin mit den höchsten, West-Berlin mit den niedrigsten RentenDie Höhe der Rente schwankt zwischen den Bundesländern. Männer in Ostberlin können sich mit 1147 Euro Euro über die höchste Durchschnittsrente freuen. In Westberlin liegt sie dagegen mit 980 Euro am niedrigsten. Aktuell bekommen männliche Rentner: in Baden-Württemberg durchschnittlich 1107 Euro pro Monat in Bayern durchschnittlich 1031 Euro pro Monat in Berlin (West) durchschnittlich 980 Euro pro Monat in Berlin (Ost) durchschnittlich 1147 Euro pro Monat in Brandenburg durchschnittlich 1078 Euro pro Monat in Bremen durchschnittlich 1040 Euro pro Monat in Hamburg durchschnittlich 1071 Euro pro Monat in Hessen durchschnittlich 1084 Euro pro Monat in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 1027 Euro pro Monat in Niedersachsen durchschnittlich 1051 Euro pro Monat in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 1127 Euro pro Monat im Saarland durchschnittlich 1115 Euro pro Monat in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 1069 Euro pro Monat in Sachsen durchschnittlich 1098 Euro pro Monat in Schleswig-Holstein durchschnittlich 1061 Euro pro Monat in Thüringen durchschnittlich 1064 Euro pro Monat Quelle: AP
Frauen mit deutlich weniger RenteFrauen im Ruhestand bekommen gut ein Drittel weniger als Männer. Auch sie bekommen in Ostberlin mit durchschnittlich 1051 Euro die höchsten Bezüge. Am wenigsten bekommen sie mit 696 Euro in Rheinland-Pfalz. Laut Deutscher Rentenversicherungen beziehen Frauen inklusive Hinterbliebenenrente: in Baden-Württemberg durchschnittlich 772 Euro pro Monat in Bayern durchschnittlich 736 Euro pro Monat in Berlin (West) durchschnittlich 861 Euro pro Monat in Berlin (Ost) durchschnittlich 1051 Euro pro Monat in Brandenburg durchschnittlich 975 Euro pro Monat in Bremen durchschnittlich 771 Euro pro Monat in Hamburg durchschnittlich 848 Euro pro Monat in Hessen durchschnittlich 760 Euro pro Monat in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 950 Euro pro Monat in Niedersachsen durchschnittlich 727 Euro pro Monat in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 749 Euro pro Monat im Saarland durchschnittlich 699 Euro pro Monat in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 964 Euro pro Monat in Sachsen durchschnittlich 983 Euro pro Monat in Schleswig-Holstein durchschnittlich 744 Euro pro Monat in Thüringen durchschnittlich 968 Euro pro Monat Quelle: dpa
Beamtenpensionen deutlich höherStaatsdienern geht es im Alter deutlich besser. Sie erhalten in Deutschland aktuell eine Pension von durchschnittlich 2730 Euro brutto. Im Vergleich zum Jahr 2000 ist das ein Zuwachs von knapp 27 Prozent. Zwischen den Bundesländern schwankt die Pensionshöhe allerdings. Während 2015 ein hessischer Staatsdiener im Ruhestand im Durchschnitt 3150 Euro ausgezahlt bekam, waren es in Sachsen-Anhalt lediglich 1940 Euro. Im Vergleich zu Bundesbeamten geht es den Landesdienern dennoch gut. Im Durchschnitt kommen sie aktuell auf eine Pension von 2970 Euro. Im Bund sind es nur 2340 Euro. Quelle: dpa
RentenerhöhungIm Vergleich zu den Pensionen stiegen die normalen Renten zwischen 2000 und 2014 deutlich geringer an. Sie wuchsen lediglich um 15,3 Prozent. Quelle: dpa
Reserven der RentenkasseDabei verfügt die deutsche Rentenversicherung über ein sattes Finanzpolster. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung betrug die sogenannte Nachhaltigkeitsrücklage Ende 2014 genau 35 Milliarden Euro. Das sind rund drei Milliarden Euro mehr als ein Jahr zuvor. Rechnerisch reicht das Finanzpolster aus, um fast zwei Monatsausgaben zu bezahlen. Nachfolgend ein Überblick, mit welcher Rente die Deutschen im aktuell im Durchschnitt rechnen können: Quelle: dpa
Abweichungen vom StandardrentnerWer 45 Jahre in den alten Bundesländern gearbeitet hat und dabei den Durchschnittslohn verdiente, bekommt pro Monat 1314 Euro ausgezahlt. Bei 40 Arbeitsjahren verringert sich die monatliche Auszahlung auf 1168 Euro. Wer nur 35 Jahre im Job war, bekommt 1022 Euro. Quelle: Fotolia

Doch mit der Sicherheit ist das so eine Sache. Derzeit werden die Rücklagen von gleich zwei Seiten in die Zange genommen. Zum einen sind die Zinsen auf Niedrigstniveau zusammengeschnurrt. Da fällt es schwer, die Überschüsse vor der Inflation zu retten. Zum anderen müsste man die Überschüsse vielleicht auch vor der Politik schützen, die die Milliarden gern wählerwirksam unter das Volk bringen würde. 2013 steht eine Bundestagswahl an. Davor soll wieder verteilt werden.

Potenzial dafür gibt es reichlich, seit die Reserven auf ein neues Rekordniveau geklettert sind, und das nicht nur bei der Rentenkasse. Auch im Gesundheitsfonds und in den Krankenkassenbilanzen addieren sich die Überschüsse auf insgesamt 21,8 Milliarden Euro. Macht zusammen mit den Rentenrücklagen eine stattliche Summe von 47 Milliarden Euro. Die Konjunktur mag sich abkühlen, der Euro auch schwächeln. In Deutschland stehen die Sozialkassen vor einem ganz neuen Luxusproblem: Wohin mit der Kohle? Oder kurz: Investieren oder ausschütten?

An Begehrlichkeiten herrscht kein Mangel. Im Gesundheitswesen rufen die Ärzte nach höheren Honoraren, die Apotheker fordern mehr Geld für die Arzneimittelversorgung, die Hospitäler trachten nach einer neuen Finanzspritze, die Pharmaindustrie hofft, sie könne jetzt endlich die von ihr verhassten Zwangsrabatte kippen, und die Kassen fühlen sich längst vom Zwang befreit, sparsamer zu wirtschaften.

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