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Staatlich geförderte Altersvorsorge Die Riester-Lüge

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Walter Riester, Erfinder der Quelle: AP

Insgesamt vier Musterfälle haben die Sparkassen berechnet, die Ergebnisse für die Werbefiguren Tommy, Lena, Rolf und Gabriele stellen sie auf Internet-Seiten, Plakaten und in Prospekten vor. Die einfache Botschaft an die Kunden: Mit der Riester-Rente bekommen Sie Geld hinterhergeschmissen. Wer davor weglaufe, sei selber schuld. Warum Riester tatsächlich so stark beworben wird, erschließt sich erst demjenigen, der die Informationsbroschüre der » von den Sparkassen teuer bezahlten Werbeagentur studiert. Fettgedruckt heißt es da: Riester – „Gut. Für den Vertrieb.“

So unterscheidet sich die Riester-Rente nicht von anderen, werblich stark angepriesenen Finanzprodukten: Verkäufern spült die Zusatzrente hohe Provisionen in die Kassen. Sie gilt zudem als Türöffner, um den Kunden im Anschluss leichter weitere Produkte zu verkaufen.

Selbst Walter Riester, Ex-Bundesarbeitsminister und Namensgeber der geförderten Altersvorsorge, hält die Provisionen für einen wesentlichen Treiber des Booms. Der Gesetzgeber erlaubte den Anbietern von Riester-Policen von 2005 an, die Abschlusskosten auf fünf statt auf zehn Jahre zu verteilen – Provisionen fließen also doppelt so schnell. Seitdem verkauft sich die Riester-Rente „plötzlich wunderbar“, sagt der Namenspatron.

Sparer nur scheinbar im Vorteil

Der ehemalige CDU-Sozialminister Norbert Blüm bezeichnet die Erfindung seines Nachfolgers dagegen als „Sündenfall“. Es gebe nur zwei Gewinner, so Blüm Mitte Juli in einem Beitrag für „Die Welt“: die Arbeitgeber, die sich im Gegensatz zur gesetzlichen Rentenversicherung nicht an der geförderten Altersvorsorge beteiligen – und die Finanzbranche. Der Gründer des mächtigen Finanzvertriebs AWD, Carsten Maschmeyer, soll die Riester-Rente als „Goldquelle“ bejubelt haben.

Während die Finanzbranche garantiert vom Riester-Boom profitiert, sieht es bei den Sparern anders aus. Sicher: Sie bekommen tatsächlich Geld vom Staat. Wer vier Prozent seines Bruttoeinkommens einzahlt, erhält eine staatliche Zulage von 154 Euro, pro Kind gibt es einen weiteren Zuschuss. Dazu kommen häufig noch Steuervorteile.

Stundung statt Gewinn

Geschenkt ist das Geld jedoch so gut wie nie. Was viele Sparer unterschätzen: Einen großen Teil der Zulagen und Steuervorteile, die ihnen während des Berufslebens zufließen, holt sich der Staat später zurück – in Form einer vollen Besteuerung der Riester-Rente im Alter. Die Steuervorteile entpuppen sich damit zum größten Teil als bloße Stundung.

In den Werbebroschüren der Banken und Sparkassen ist davon nichts zu lesen. „Bei vielen Riester-Darstellungen wird nur die Ansparphase betrachtet, was danach passiert, unterschlagen die Anbieter“, klagt Finanzmathematiker Kleinlein. Das gilt nicht nur für die Anbieter, sondern auch für die Politik: Das Bundesfinanzministerium beendet eine „Beispielrechnung zum Riestern“ mit dem Ruhestandsbeginn. Und die Bundesregierung verkündet im Internet: „Ganz wichtig ist festzuhalten, dass Riester-Sparern mindestens ihre eigenen Einzahlungen erhalten bleiben.

Und durch die Zulagen haben sie in jedem Fall eine positive Rendite.“ Ein lohnendes Investment ist die Riester-Rente in erster Linie für Sparer mit Kindern und niedrigem Gehalt. So profitiert ein 30-jähriger Riester-Sparer mit zwei Kindern und einem Jahreseinkommen von 18.000 Euro schon vom 71. Lebensjahr an von der staatlichen Förderung, während ein gleichaltriger kinderloser Riester-Fondssparer mit Einkünften von 52.500 Euro eben 92 Jahre alt werden muss.

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