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Staatlich geförderte Altersvorsorge Die Riester-Lüge

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Wann lohnt sich Wohn-Riester? (Zur Großansicht bitte auf die Grafik klicken)

Ursachen für die horrenden Unterschiede zwischen Werbung und Wirklichkeit sind die Systematik der Riester-Rente und das komplexe Wechselspiel zwischen staatlichen Zuschüssen und Steuervorteilen. So muss der Sparer mit zwei Kindern und 18.000 Euro Einkommen 720 Euro pro Jahr in seinen Riester-Vertrag einzahlen, damit er die volle staatliche Förderung bekommt. Da er Anspruch auf 639 Euro Zulagen für sich und die beiden Kinder hat, muss er nur 81 Euro aus eigener Tasche zuschießen.

Zusätzliche Steuervorteile hat er dann aber nicht mehr: Theoretisch kann er zwar den Gesamtbeitrag von 720 Euro von der Steuer absetzen, was zu einer Steuerersparnis von 194 Euro führen würde. Aber da das Finanzamt alle gezahlten Zulagen vom Steuerbonus abzieht, bleibt von der Steuerersparnis nichts mehr übrig. Immerhin: Der Geringverdiener profitiert massiv von den Zulagen – und die fallen in Relation zu seinem eigenen Sparbeitrag sehr hoch aus.

Gutverdiener sind im Nachteil

Ganz anders stellen sich kinderlose Gutverdiener. Sie kassieren eine Zulage von nur 154 Euro, erhalten aber einen hohen Steuerzuschuss von 725 Euro. Bei einem Gesamtbeitrag von 2.100 Euro zahlen sie also nur 1.221 Euro aus der eigenen Tasche. Das liest sich zunächst gut. Jedoch: Wegen der schlechteren Relation von Eigenbeitrag zu staatlicher Förderung (1.221 Euro zu 725 Euro plus 154 Euro Zulage) muss der Gutverdiener 21 Jahre länger warten als der Geringverdiener mit Kindern, bis er seine Eigenleistung verzinst zurückbekommen hat.

Gutverdiener fahren auch mit Kindern nicht besser. Da das Finanzamt die erhaltenen Kinderzulagen vom Steuervorteil abzieht, profitieren sie bei der Riester-Rente oft nicht von ihren Kindern. Wenn ein Riester-Sparer mit 52.500 Euro Einkommen Nachwuchs bekommt, senken die Kinderzulagen den Steuerbonus um den gleichen Betrag. Erst weitere Kinder hauchen dem Riester-Vertrag dann wieder einen positiven Effekt ein. Hinzu kommt, dass der steuerlichen Förderung eine spätere Steuerlast gegenübersteht. Nur wenn der Steuersatz im Alter sehr viel niedriger sein sollte als während des Berufslebens, ergeben sich echte Steuervorteile. Dann sparen die Riester-Kunden über die Steuervorteile im Berufsleben mehr ein, als sie später draufzahlen.

Hohe Gebühren, magere Renditen

Aber darauf sollte niemand bauen – vor allem, weil die Steuersätze im Alter in Zukunft steigen werden. Schließlich wird die gesetzliche Rente schrittweise höher besteuert: Wer 2020 in den Ruhestand geht, muss sie bereits zu 80 Prozent versteuern. Wenn zusätzlich noch eine Betriebsrente oder Mieteinnahmen zu erwarten sind, müssen Anleger im Alter in jedem Falle mit einem hohen persönlichen Steuersatz rechnen, warnt Steuerberater Hans Schnellhammer von Ecovis in Passau. „Riester-Produkte nur wegen des Steuervorteils abzuschließen ist unsinnig.“

Die meisten Riester-Sparer haben sich bisher für die Variante der Rentenversicherung und nicht für einen Bank- oder Fondssparplan entschieden. Der Anteil der Rentenversicherungen an den Riester-Verträgen liegt bei 75 Prozent, insgesamt haben die Versicherten 2008 rund 4,6 Milliarden Euro eingezahlt.

Doch bei Rentenversicherungen fallen hohe Gebühren bei mageren Renditen an – daran ändert auch die staatliche Förderung nichts. Im Gegenteil: „Für Riester-Verträge berechnen die Anbieter oft sogar höhere Gebühren als für klassische Rentenversicherungspolicen, die nicht staatlich bezuschusst sind“, kritisiert Mark Ortmann, Geschäftsführer des unabhängigen Berliner Instituts für Transparenz in der Altersvorsorge. Als Argument führen die Versicherer den vergleichsweise hohen Aufwand bei niedrigen Sparbeiträgen an. Doch das Argument greift längst nicht mehr, weil die Sparbeiträge deutlich gestiegen sind: Während Riester-Versicherte 2002 die staatliche Förderung für maximal 44 Euro pro Monat beanspruchen durften, gilt dies heute für bis zu 175 Euro.

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