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Streit bei Auszahlung Wem gehören die Kursgewinne der Lebensversicherer?

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Komplizierte Versicherungswelt

Das wiederum scheint auch Anton unangemessen, der durchaus nicht daran verdienen will, dass sein Bruder den Vertrag fällig gestellt hat. Bernhard schlägt eine neue Lösung vor: „Wir müssen einfach 50 Prozent des Anleihevermögens verkaufen oder zumindest so tun als ob, so bleibt aus der Anleihe genau jener Ertrag übrig, der Dir auch ohne meine Kündigung zugekommen wäre: eine Hälfte des aufgelaufenen Zinspotts (62.500 Euro), zehn künftige Kupons auf die restliche Anleihe (zehn mal 3125 Euro = 31.250 Euro) sowie deren Tilgung (50.000 Euro), das sind genau die 143.750 Euro, die Du ohne meine Kündigung erhalten hättest.“

Darin stimmt Anton so weit ein, aber es bleibt die zentrale Frage offen: „Wie viel kriegst Du dann heute?“

Vorsorge



Hier kommt nun doch wieder der Börsenkurs, also die Bewertungsreserven, ins Spiel: „Ich will die Hälfte vom Zinspott und die Hälfte dessen, was die Anleihe an der Börse bringt. Ob Du sie wirklich verkaufst oder mein Auszahlungsbegehren von 62.500 plus 72.500 = 135.000 Euro sonst wie finanzierst, magst Du halten, wie Du willst. Du hast jedenfalls die Möglichkeit, durch einen Verkauf der Hälfte des Anleihepapiers (zu 72.500 Euro) Dich exakt so zu stellen, wie wenn ich nicht ausgestiegen wäre.“

Somit ist die Welt wieder gerecht und beide sind zufrieden: Anton kann 2024 das Geplante vereinnahmen und Bernhard erhält sofort dank „Bewertungsreserve“ 22.500 Euro mehr als ohne.

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    Die reale Versicherungswelt ist freilich komplizierter, aber der zentrale Sachverhalt wirkt genauso: Wenn fällige beziehungsweise gekündigte Verträge in der Niedrigzinsphase nicht auf Basis der aktuellen Kurswerte festverzinslicher Wertpapiere befriedigt werden, so kommt den verbleibenden Kunden von den hohen künftigen Kupons nicht nur der Teil zugute, der ihren eigenen früheren Mitteln zuordenbar ist, sondern auch ein Anteil, der mit Mitteln ehemaliger Kunden angeschafft wurde. Das ist der Grund, warum im Beispiel Anton nach Bernhards Kündigung eine so viel höhere Schlusszahlung erhielte, sofern eben die Kursgewinne unberücksichtigt bleiben. Mit einer solchen Berücksichtigung erhält Bernhard allerdings keine Scheingewinne, wie zuweilen behauptet wird, sondern lediglich einen Ausgleich für die aus „seinen“ 50.000 Euro resultierenden hohen Zinskupons der Jahre 2015 bis 2024, die anderenfalls Anton ungerechtfertigt bereichert hätten.

    Kritiker eines solchen Ausgleichverfahrens vernachlässigen die Ursache der (vorübergehenden) Kursgewinne von Kuponanleihen, nämlich die späteren hohen Zinskupons. Zwar wird der Kursgewinn früher oder später fort sein, jedoch werden dann die Kupons gekommen sein: reale Erträge, teils ermöglicht mit dem Geld jener Kunden, denen sie nun vorenthalten werden sollen.

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