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Stresstest für Versicherungen Jede vierte Versicherung in Europa ist verwundbar

huGO-BildID: 38205811 ILLUSTRATION - ARCHIV - Auf einem Versicherungsschein für eine Lebensversicherung liegt ein iPhone auf dem ein Taschenrechner angezeigt wird, sowie mehrere Euromünzen und Euroscheine, aufgenommen am 15.11.2012 in Dresden (Sachsen). Foto: Arno Burgi/dpa (zu dpa «Der BGH verhandelt über die Rückabwicklung alter Lebensversicherungen» vom 16.05.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa

Den europäischen Versicherern machen die niedrigen Zinsen zu schaffen. Im Stresstest der EU fallen 35 von ihnen durch. Besonders schwer haben es Lebensversicherer in Deutschland und Österreich.

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Nach dem Stresstest für Europas Banken hatten tatsächlich nur wenige Banken Stress. Die Europäische Aufsicht, erstmals für den Bankenstresstest als oberste Aufsicht zuständig. bescheinigte fast allen durchleuchteten Geldinstituten eine Kapitalausstattung, die auch schlimme Krisen an den Finanzmärkten standhalten würde. Kein Stress also, eher allgemeine Beruhigung für Sparer. Viele Politiker und Beobachter werteten die Testergebnisse als erfreulich und positiv.

Der Stresstest überprüft anhand von Szenarien, ob Versicherer etwa einem Absturz an den Anleihe- und Aktienmärkten standhalten. Auch anhaltende Niedrigzinsen sowie spezielle Schocks wie Katastrophen und zu geringe finanzielle Reserven wurden simuliert.

Die leistungsstärksten Lebensversicherungen

Dagegen wirken die Ergebnisse des Stresstests für Europas Versicherer schockierend. Das Ergebnis: Gerade bei der privaten Altersvorsorge durch Versicherungen bietet sich ein bestürzendes Bild. Die lebenslangen Zinsgarantien für Lebensversicherungen sind für die Versicherungsbranche auf Dauer ein Überlebensrisiko.

Im Krisenernstfall und auf langfristige Sicht könnten die Fundamente von jedem vierten Versicherer in Europa wackeln. Kommen mehrere Krisenfaktoren zusammen, könnte sich diese Zahl sogar noch verdoppeln – ein Horrorszenario für Sparer und Steuerzahler, die befürchten müssen, erneut die Rettung der Finanzdienstleister zu bezahlen.

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    Deutschland und Österreich besonders gefährdet

    Laut Stresstest lauern die Gefahren vor allem in Ländern, in denen die Zusagen an die Kunden weit länger in die Zukunft reichen als die Laufzeit der Kapitalanlagen. Besonders in Deutschland und Österreich sind Lebensversicherungen nach Erkenntnissen ihrer europäischen Aufsichtsbehörde EIOPA verwundbar.

    Die deutschen Lebensversicherer etwa haben damit zu kämpfen, dass die den Kunden in den Neunzigerjahren Zinsen von bis zu vier Prozent auf ihre Policen versprochen haben, die sich derzeit aber mit sicheren Staats- und Unternehmensanleihen nicht erwirtschaften lassen. In vielen anderen Ländern gibt es solche lebenslangen Zusagen nicht.

    In Deutschland, Österreich, Schweden und Malta sitzen daher die meisten Versicherer, denen bei dauerhaft niedrigen Zinsen die Luft ausgehen könnte, sagte der Chef der EU-Versicherungsaufsicht EIOPA, Gabriel Bernardino bei der Vorstellung der Ergebnisse in Frankfurt.

    Europaweit könnte knapp ein Viertel der 250 untersuchten Unternehmen dann ihre Kapitalanforderungen nach den neuen EU-Vorschriften "Solvency II" nicht mehr erfüllen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hält die Zinsen derzeit nahe Null, ein Ende der lockeren Geldpolitik ist nicht abzusehen.

    Ganz akut besteht die Gefahr einer zu geringen Kapitaldecke zunächst nur für jeden siebten Versicherer in Europa. Die betroffenen Unternehmen müssen nun ihre Eigenkapitalbasis stärken und binnen eines Jahres Gegenmaßnahmen ergreifen, bevor Solvency-II in Kraft tritt.

    Viele weitere Versicherer haben mehr Zeit, um zu reagieren. "Eine Fortdauer der gegenwärtigen Niedrigzins-Bedingungen könnte bei einigen Versicherern dazu führen, dass sie in acht bis elf Jahren Schwierigkeiten bekämen, die Versprechungen gegenüber den Versicherten zu erfüllen", erklärte die EIOPA. In einem Stress-Szenario steigt dieser Anteil auf 20 bis 24 Prozent.

    Niedrigzins mit paralleler Börsen-Baisse brächte Probleme

    Sogar fast jeder zweite europäische Versicherer – insgesamt 44 Prozent - käme in die Bredouille, wenn zu den niedrigen Zinsen ein Absturz an den Aktien-, Anleihen oder Immobilienmärkten hinzukäme. Ein solcher "Doppelschlag" würde die Polster der Versicherer insgesamt um 42 Prozent schmelzen lassen, errechnete die EIOPA. In der Simulation erfüllten dann nur noch 56 Prozent der überprüften Unternehmen die Kapitalanforderungen.

    Das bedeuten die Niedrigzinsen für Verbraucher

    Neue Eigenkapitalvorschriften ab 2016

    Bernardino will über die nationalen Aufsichtsbehörden nun Druck auf schwache Versicherer ausüben. "Von jetzt bis Ende kommenden Jahres werden wir eine Flut von Maßnahmen sehen - in einigen Fällen Kapitalerhöhungen, aber auch Umschichtungen in der Bilanz", sagte Bernardino.

    Bei den 35 Versicherern, die laut Test auch ohne Krise bisher nicht mit "Solvency II" zurechtkäme, handelt es sich überwiegend um kleine Unternehmen: Ihr gemeinsamer Marktanteil liegt bei nur drei Prozent. Von 30 größten Versicherern hat nur einer die Latte gerissen. Im Gegensatz zum Banken-Stresstest der EZB nennt die EIOPA aber nicht die Namen der betroffenen Versicherer.

    Die heraufziehenden Probleme deutscher Lebensversicherer sind auch der Regierung bereits seit Jahren bekannt. Für das kommende Jahr soll der Garantiezins erneut sinken, von jetzt 1,75 auf dann 1,25 Prozent. Die deutsche Versicherungsaufsicht BaFin steuert ebenfalls schon seit drei Jahren aktiv gegen.

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      Die Branche musste bisher mehr als 20 Milliarden Euro zusätzlich als "Zinszusatzreserve" zurücklegen. Zudem drängt sie auf eine Abkehr von den lebenslangen Garantien. Selbst der Branchenverband GDV räumte ein, dass "die künstlich niedrig gehaltenen Zinsen mittelfristig eine Herausforderung für die gesamte Branche in Europa werden könnten". Die Lebensversicherer in Deutschland hätten sich darauf aber frühzeitig vorbereitet. Die Branchenriesen wie Allianz, Axa oder Generali gelten als gut vorbereitet.

      Die EIOPA in Frankfurt wollte mit dem Stresstest feststellen, wie weit die Branche mit den Vorbereitungen auf "Solvency II" ist. Das neue Eigenkapital-Regime ist weit stärker am Risiko der Kapitalanlagen orientiert als bisher.

      Dabei untersuchte die Aufsicht 60 Konzerne und 107 weitere einzelne Versicherer aus der EU, Norwegen, der Schweiz und Island auf ihr Abschneiden unter verschiedenen Krisenszenarien. Sie stehen für zusammen 55 Prozent des europäischen Marktes. Aus Deutschland war - gemessen am Marktanteil - gut die Hälfte der Unternehmen dabei.

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