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Stresstest für Versicherungen Jede vierte Versicherung in Europa ist verwundbar

Den europäischen Versicherern machen die niedrigen Zinsen zu schaffen. Im Stresstest der EU fallen 35 von ihnen durch. Besonders schwer haben es Lebensversicherer in Deutschland und Österreich.

Die besten Lebensversicherer Deutschlands
Platz 10: HannoverscheSeit Jahren untersucht Versicherungsexperte Manfred Poweleit die Wirtschaftskraft der Lebensversicherer und veröffentlicht in seinem Branchendienst "map report" die besten Lebensversicherer. Dabei wurden drei Kategorien untersucht: die Bilanz des Versicherer, der Service und die Kategorie Vertrag. Ein Augenmerk liegt beispielsweise auf den Rücklagen der Versicherer und darauf, wie das Geld der Kunden am Kapitalmarkt investiert wird. Für Versicherte ist die Auswahl eines finanzstarken Versicherers wichtig, denn allein mit dem Garantiezins erhält der Kunde ab dem kommenden Jahr nur noch einen Zins von 1,25 Prozent. Den zehnten Platz des Rankings belegt die Hannoversche Versicherung. Sie erreichte 64 Punkte im Ranking und damit die Bewertung mm, welche für eine langjährig sehr gute Leistung steht. Quelle: Hannoversche
Platz 9: Öffentliche Versicherung Braunschweig Etwas besser platziert als die Konkurrenz aus Hannover ist die Öffentliche Versicherung Braunschweig. Mit 68 Punkten erzielt die Assekuranz ebenfalls das zweitbeste Rating mm. Quelle: Öffentliche Versicherung Braunschweig
Platz 8: LVMDie Assekuranz aus Münster hat es mit einer Punktzahl von 69 knapp auf den achten Platz geschafft. Das Rating liegt damit ebenfalls bei mm, erst ab einer Punktzahl von Siebzig oder mehr wird das beste Rating mmm verteilt, welches für "langjährig hervorragende Leistungen" steht. Quelle: LVM
Platz 7: R+V VersicherungMit 71 Punkten hat die R+V Versicherung gerade so ein hervorragendes mmm-Rating eingefahren. Ende 2013 hatte die R+V rund 5,9 Millionen Lebens- und Pensionsversicherungen in ihrer Bilanz stehen. Quelle: R+V Versicherung
Platz 6: AllianzDeutschlands Branchenprimus ist im Ranking von map report auch gegenüber dem Vorjahr noch weiter zurück gefallen. Mit 74 Punkten reicht es aber für das höchste Rating mmm. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 5: DEVKEinen Platz vor dem Branchenprimus ist die DEVK gelandet. Der Kölner Versicherer erreichte 75 Punkte und damit das Spitzenrating mmm. Die DEVK punktet unter anderem mit einer guten Anlagepolitik, trotz Niedrigzinsen erzielte sie mit ihren Assets eine Nettorendite von über fünf Prozent. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 4: CosmosDie Direktversicherung Cosmos landet mit immerhin 79 Zählern auf dem vierten Platz und lässt viele Assekuranzen mit traditionellem Vertriebsmodell hinter sich. Naturgemäß punktet das Unternehmen insbesondere bei den Kosten, nur etwas mehr als ein Prozent der Bruttobeiträge fließen in die Verwaltung. Quelle: CosmosDirekt

Nach dem Stresstest für Europas Banken hatten tatsächlich nur wenige Banken Stress. Die Europäische Aufsicht, erstmals für den Bankenstresstest als oberste Aufsicht zuständig. bescheinigte fast allen durchleuchteten Geldinstituten eine Kapitalausstattung, die auch schlimme Krisen an den Finanzmärkten standhalten würde. Kein Stress also, eher allgemeine Beruhigung für Sparer. Viele Politiker und Beobachter werteten die Testergebnisse als erfreulich und positiv.

Der Stresstest überprüft anhand von Szenarien, ob Versicherer etwa einem Absturz an den Anleihe- und Aktienmärkten standhalten. Auch anhaltende Niedrigzinsen sowie spezielle Schocks wie Katastrophen und zu geringe finanzielle Reserven wurden simuliert.

Die leistungsstärksten Lebensversicherungen

Dagegen wirken die Ergebnisse des Stresstests für Europas Versicherer schockierend. Das Ergebnis: Gerade bei der privaten Altersvorsorge durch Versicherungen bietet sich ein bestürzendes Bild. Die lebenslangen Zinsgarantien für Lebensversicherungen sind für die Versicherungsbranche auf Dauer ein Überlebensrisiko.

Im Krisenernstfall und auf langfristige Sicht könnten die Fundamente von jedem vierten Versicherer in Europa wackeln. Kommen mehrere Krisenfaktoren zusammen, könnte sich diese Zahl sogar noch verdoppeln – ein Horrorszenario für Sparer und Steuerzahler, die befürchten müssen, erneut die Rettung der Finanzdienstleister zu bezahlen.

Deutschland und Österreich besonders gefährdet

Laut Stresstest lauern die Gefahren vor allem in Ländern, in denen die Zusagen an die Kunden weit länger in die Zukunft reichen als die Laufzeit der Kapitalanlagen. Besonders in Deutschland und Österreich sind Lebensversicherungen nach Erkenntnissen ihrer europäischen Aufsichtsbehörde EIOPA verwundbar.

Die deutschen Lebensversicherer etwa haben damit zu kämpfen, dass die den Kunden in den Neunzigerjahren Zinsen von bis zu vier Prozent auf ihre Policen versprochen haben, die sich derzeit aber mit sicheren Staats- und Unternehmensanleihen nicht erwirtschaften lassen. In vielen anderen Ländern gibt es solche lebenslangen Zusagen nicht.

In Deutschland, Österreich, Schweden und Malta sitzen daher die meisten Versicherer, denen bei dauerhaft niedrigen Zinsen die Luft ausgehen könnte, sagte der Chef der EU-Versicherungsaufsicht EIOPA, Gabriel Bernardino bei der Vorstellung der Ergebnisse in Frankfurt.

Europaweit könnte knapp ein Viertel der 250 untersuchten Unternehmen dann ihre Kapitalanforderungen nach den neuen EU-Vorschriften "Solvency II" nicht mehr erfüllen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hält die Zinsen derzeit nahe Null, ein Ende der lockeren Geldpolitik ist nicht abzusehen.

Ganz akut besteht die Gefahr einer zu geringen Kapitaldecke zunächst nur für jeden siebten Versicherer in Europa. Die betroffenen Unternehmen müssen nun ihre Eigenkapitalbasis stärken und binnen eines Jahres Gegenmaßnahmen ergreifen, bevor Solvency-II in Kraft tritt.

Viele weitere Versicherer haben mehr Zeit, um zu reagieren. "Eine Fortdauer der gegenwärtigen Niedrigzins-Bedingungen könnte bei einigen Versicherern dazu führen, dass sie in acht bis elf Jahren Schwierigkeiten bekämen, die Versprechungen gegenüber den Versicherten zu erfüllen", erklärte die EIOPA. In einem Stress-Szenario steigt dieser Anteil auf 20 bis 24 Prozent.

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