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TK-Vorstandschef Baas „Wir haben zu viele Krankenhausbetten“

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„Ein offener Übergang wäre nur bei einem anderen System denkbar“

Viele ältere PKV-Versicherte wollen zurück in die GKV. Sie können es aber nicht wegen der gesetzlichen Hürden.
Wir müssen viele Anfragen ablehnen, weil die Wechselwilligen beispielsweise die gesetzliche Altersgrenze von 55 Jahren erreicht haben. Das ist auch gut so, sonst könnten sich die jungen Gutverdiener privat versichern, weil die Prämien niedriger sind, und später zurück in die GKV, wenn ihnen die PKV zu teuer wird. Ein offener Übergang wäre nur bei einem anderen System denkbar.

Wie könnte das aussehen?
Wechselt ein Versicherter in die GKV, müsste der private Krankenversicherer der Krankenkasse einen Betrag zahlen, der abhängig von dessen Gesundheitsrisiko ist. Die Krankenkasse würde so indirekt an den Alterungsrückstellungen der PKV beteiligt. Ohne solche Ausgleichszahlungen würden die Kassenpatienten die ‧Privatpatienten subventionieren.

Wie sollte die optimale Finanzierung des Gesundheitssystems aus Ihrer Sicht in Zukunft organisiert werden?
Wir brauchen einen gemeinsamen Versicherungsmarkt, ohne GKV und PKV nach heutigem Muster. In einem solchen System könnten wir Leistungen nach Zeitbudgets abrechnen, beispielsweise eine halbe Stunde für ein Patientengespräch. Anhand des gesamten Tagespensums eines Arztes ließe sich dann kontrollieren, ob er korrekt abgerechnet hat.

Mit den heutigen Abrechnungsbeträgen der GKV ließen sich die Arztpraxen so aber nicht finanzieren.
Da Praxen eine Mischkalkulation aus Kassen- und Privatpatienten haben, müssten die Ärzte mehr Geld für ihre Leistungen erhalten.

Warum sollten die heutigen privaten Krankenversicherer bei einem solchen System oder der Umstellung darauf mitmachen?
Krankenversicherungen braucht jeder, sie sind ein wichtiges Produkt, um Kunden zu binden. Der Gewinn der privaten Anbieter käme dann aus anderen Policen.

Bei der Digitalisierung geht im Gesundheitssystem wenig voran. Die Gesundheitskarte ist ein totaler Flop.
Was mich sehr ärgert! Mittlerweile sind Milliarden in eine Karte geflossen, auf der lange Zeit kaum mehr gespeichert war als der Name der Versicherten. Dabei hat es weniger an der Technik gehapert. Die Digitalisierung stockt auch, weil einige Beteiligte kein Interesse an Transparenz haben.

Was meinen Sie?
Bei der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte sind völlig unterschiedliche Interessen aufeinander geprallt. So eine Gemengelage führt zu einer Lösung mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner und nicht wie geplant zu mehr Transparenz. Die Idee hinter der Karte war, dass Ärzte beispielsweise anhand des darauf gespeicherten Medikationsplans schnell eine Übersicht bekommen, welche Arzneimittel ein Patient nimmt. Das ist aber seit zehn Jahren noch nicht umgesetzt und mittlerweile ist die Technologie der Karte längst überholt. Wir brauchen ein zeitgemäßes Tool, um Behandlungsdaten strukturiert und zentral abzulegen und sie für Patienten zugänglich zu machen. Wir sind bereits mit unserer elektronischen Gesundheitsakte TK-Safe gestartet.

Gesundheitsdaten sind begehrt von Versicherern, Banken oder Arbeitgebern. Patienten haben daher Angst, Informationen könnten aus elektronischen Akten abgesaugt werden.
Datenschutz ist ein Argument, das in Deutschland oft auch als Innovationsbremse angeführt wird. Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass wir derzeit im Gesundheitswesen mit Daten sicher umgehen. Ein Großteil der Dokumente wird in Praxen immer noch gefaxt - das ist in anderen Ländern aufgrund der Sicherheitsrisiken verboten.

Können Sie Versicherten garantieren, dass niemand an ihre Daten gelangt? Die Praxis zeigt, dass Kriminelle immer einen Weg finden.
Hundertprozentige Datensicherheit kann niemand garantieren. Dann wären die Daten gar nicht mehr nutzbar. Bei unserer Akte TK-Safe können die Daten ausschließlich auf dem registrierten Smartphone des Versicherten und mit seinem persönlichen Passwort entschlüsselt werden.

Anders als Kassen, Krankenhäuser und Arztpraxen bieten Google oder Facebook aber nutzerfreundlichen Service.
Viele Prozesse im Gesundheitssystem können in Punkto Service nachgebessert werden. Und genau hier setzen wir ja mit TK-Safe und einer verbesserten Nutzerfreundlichkeit an. Warum müssen Patienten beispielsweise stundenlang im Wartezimmer sitzen? Die Praxis könnte ihnen ja kurz vor der Sprechstunde eine elektronische Nachricht schicken, dann könnten Patienten die Wartezeit sinnvoll nutzen.

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