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Umverteilung Die versteckte Ungerechtigkeit der Rente

Rente: Warum die deutsche Rentenversicherung ungerecht ist Quelle: Getty Images

Das deutsche Rentensystem will möglichst gerecht sein: Wer viel einzahlt, soll später auch viel herausbekommen. Doch hinter diesem Prinzip verbirgt sich eine tiefere Ungerechtigkeit.

Wenn es in Deutschland um die Rente geht, dann geht es oft um Fragen der Gerechtigkeit. Das zeigt nicht zuletzt die Debatte um die Grundrente der SPD. Wer gearbeitet und Beiträge eingezahlt hat, so der Gedanke, der soll mehr bekommen als jemand, der nie etwas eingezahlt hat. Dahinter steckt die Überzeugung, dass Rente leistungsgerecht sein soll, die Altersbezüge also – zumindest annähernd – mit dem korrelieren, was man im Erwerbsleben einmal beigetragen hat.

Tatsächlich bekommt jemand, der heute den Mindestlohn verdient, selbst nach einem kompletten Arbeitsleben keine Rente, die über der Grundsicherung liegt. Von einem finanziellen Standpunkt aus bringt es ihm im Alter also nichts, dass er sein Leben lang gearbeitet hat. Doch das ist nur ein Aspekt des Problems. Ein anderer Aspekt wird in der Debatte kaum erwähnt, obwohl er die Gerechtigkeitsfrage mindestens ebenso tangiert: die Lebenserwartung.

Oder, in den Worten von Marcel Fratzscher, dem Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin: „Die gesetzliche Rentenversicherung ist heute eine Umverteilung von arm zu reich, da ärmere Menschen eine deutlich geringere Lebenserwartung haben und daher auch weniger Rentenzahlungen erhalten.“

Der Unterschied in der Lebenserwartung ist enorm: Wie eine Studie des Robert-Koch-Instituts 2017 ergeben hat, leben arme Frauen acht Jahre kürzer als wohlhabende. Bei Männern beträgt der Unterschied sogar knapp elf Jahre. Arme Männer sterben demnach im statistischen Schnitt bereits mit 70,1 Jahren – sie haben also nur wenige Jahre, in denen sie überhaupt eine Rente beziehen.

Und „arm“ sind dabei beileibe nicht nur Sozialhilfeempfänger, sondern auch in Vollzeit arbeitende Menschen, wie ein kurzer Blick auf die Definition zeigt: Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung hat. Der letzte in Deutschland statistisch erfasste Median stammt aus dem Jahr 2014 und liegt bei 3050 Euro. Als arm gilt demnach bereits, wer 1830 Euro im Monat verdient. Das ist mehr als der aktuell gültige Mindestlohn. Jeder zehnte Vollzeitjob liegt, ebenfalls laut Statistischem Bundesamt, unter diesem Wert.

Von den 1830 Euro führen Arbeitnehmer Monat für Monat 170 Euro an die deutsche Rentenversicherung ab. Gehen wir der Einfachheit halber von eingefrorenen Beiträgen, Preisen und Gehältern aus, so zahlt ein solcher Mindestlohn-Verdiener in einem 40 Jahre dauernden Arbeitsleben 81.600 Euro in die Rentenversicherung ein – und der Arbeitgeber noch einmal genauso viel.

Sein Rentenanspruch beläuft sich im selben Szenario auf 742 Euro im Monat (0,58 Rentenpunkte). Geht der Niedrigverdiener regulär mit 65 Jahren in Rente und stirbt tatsächlich bereits mit 70 Jahren, so hat er am Ende seines Lebens nur 44.520 Euro an Rente erhalten. Fast die Hälfte seiner selbst gezahlten Beiträge kommen also nicht ihm zugute, sondern per Umverteilung den anderen Rentnern – und da vor allem denen, die lange leben, also tendenziell eher Besser- als Schlechterverdienenden. Bezieht man di Arbeitgeber-Beiträge mit ein, kommt ihm sogar nur ein Viertel der Gesamtsumme zugute.

Zum Vergleich: Ein Top-Verdiener, der mit knapp 76.000 Euro im Jahr das doppelte des Durchschnittseinkommens verdient, zahlt 590 Euro im Monat an die Rentenversicherung. Das macht auf 40 Jahre 283.000 Euro beziehungsweise gemeinsam mit dem Arbeitgeberanteil 566.00 Euro. Sein monatlicher Rentenanspruch beläuft sich dann auf 2560 Euro. Wird er, wie die Statistik es vorsieht, 81 Jahre alt, so hat er an seinem Lebensende knapp 492.000 Euro an Rente bekommen. Das ist annähernd doppelt so viel, wie er selbst eingezahlt hat, wenngleich immer noch weniger als die insgesamt eingezahlten Beiträge. Der Paritätische Wohlfahrtsverband spricht von einem „sozialpolitischen Skandal erster Güte“.

Um die Umverteilung von unten nach oben zu beenden, fordert DIW-Chef Fratzscher, die Berechnung der gesetzlichen Rente zu ändern. Menschen mit geringen Lebenseinkommen sollten proportional mehr Rente für ihre eingezahlten Beiträge bekommen. In vielen anderen Ländern sei das bereits der Fall.

Überproportional viel Rente für Geringverdiener würde auch noch ein weiteres Problem lösen: Geringverdiener würden sich so eine Rente erarbeiten können, die oberhalb der Grundsicherung liegt. Deren Höhe wäre weiterhin abhängig davon, wie viel sie eingezahlt haben – ganz anders als die von der SPD vorgeschlagene Respektrente, die mit Pauschalen arbeitet. So könnten Geringverdiener mehr von ihrem Geld haben während gleichzeitig die Leistungsgerechtigkeit als Leitprinzip bestehen bliebe.

 

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