Umwelt Investoren fordern von Unternehmen mehr Klimaschutz

Großanleger machen Unternehmen Druck beim Klimaschutz. Aus handfesten Gründen: CO2-Emissionen werden teurer.

ARCHIV - Ein Kirchturm ist am Quelle: AP

Die Schonzeit für Energieversorger neigt sich dem Ende zu. Noch drei Jahre können sie ihre CO2-Emissionsrechte nutzen. Die zum Großteil kostenlos zugeteilten Rechte erlauben es ihnen, Millionen Tonnen des Treibhausgases in die Atmosphäre zu blasen.

Von 2013 an, dem Beginn der dritten Periode des EU-Emissionshandels, müssen sie tief in Tasche greifen, damit die Schlote der Kraftwerke weiter rauchen dürfen. „Hätte RWE schon 2007, zu Beginn der 2012 endenden Handelsperiode, sämtliche Emissionsrechte ersteigern müssen, hätte dies den Jahresüberschuss von etwa 2,8 Milliarden Euro komplett aufgezehrt“, sagt Thomas Deser, Senior Portfoliomanager bei der Fondsgesellschaft Union Investment.

Der Klimaschutz bürdet RWE und Hunderten anderer börsennotierter Konzerne milliardenschwere Kosten auf, die ihre Gewinne schmelzen lassen.

Teure Emissionsrechte

Nach einer Studie der Investmentbank Goldman Sachs wären die Kosten für die Emissionsrechte schon bei einem Preis von 50 Dollar je Tonne CO2 höher als die Gewinne aller weltweit börsennotierten Unternehmen zusammen. Bei einem Preis von 60 Dollar, würden sich 15 Prozent des Cash-Flows von CO2-Sündern in die Kassen von CO2-Vorreitern verschieben. Das finanzielle CO2-Risiko ist laut Goldman Sachs sehr ungleich verteilt: 90 Prozent dieses Cash-Flow-Transfers entfiele auf die Branchen Öl/Gas, Fluglinien, Transport, Minen, Stahl/Aluminium und Versorger.

Noch liegt der Preis für eine Tonne bei etwa 20 Dollar – aber wenn die Konjunktur wieder anspringt, werden die Kurse nach oben gehen. Spätestens 2013 wird es richtig ernst. Von da an müssen auch Industriekonzerne am Emissionshandel teilnehmen, und Energieversorger müssen für Verschmutzungsrechte richtig zahlen.

Anleger fordern Informationen

Weil die Kosten für Emissionsrechte zwangsläufig steigen werden, achten Großanleger immer stärker darauf, wie Unternehmen auf die Herausforderung Klimawandel reagieren. 

Im Carbon Disclosure Project (CDP) haben sich 475 Großanleger mit einem verwalteten Vermögen von 37 Billionen Euro zusammengeschlossen. Ihr Ziel: Unternehmen sollen ihre Treibhausgasemissionen offenlegen und nachhaltiger wirtschaften.

Der Carbon Disclosure Leading Index ist Teil dieser Kampagne für mehr Transparenz. Er bewertet, wie akkurat Unternehmen das Kostenrisiko von CO2-Emissionen analysieren und für potenzielle Investoren transparent machen. 

Für das Index-Rating befragt CDP die 500 weltweit größten Unternehmen, darunter 18 Dax-Konzerne. Sechs von ihnen, Allianz, BASF, Bayer, BMW, Siemens und RWE, schafften den Sprung in den Carbon Disclosure Index 2009, der die besten 50 Unternehmen zusammenfasst. Den mit 95 von 100 möglichen Punkten höchsten Wert im Dax erreichte der Pharmakonzern Bayer.

Wirtschaftsfaktor CO2

Die Teilnahme an der CDP-Umfrage ist freiwillig. Doch wer sich sperrt, wird veröffentlicht – das sieht nicht immer gut aus. Zudem machen Investoren mitunter auch individuell Druck.

So zwang Calpers, der Pensionsfonds für kalifornische Staatsbedienstete und CDP-Mitglied der ersten Stunde, den Autokonzern Ford, die CO2-Emissionen seiner Baureihen transparent zu machen. Erst als Calpers mit dem Verkauf von Ford-Aktien drohte, knickten die Autobauer aus Detroit ein.

Der CDP-Index kann allerdings nur bedingt als Richtschnur für Investoren herhalten. Er wertet zunächst nur aus, wie gut Unternehmen informieren – und nicht die konkreten Maß-nahmen, die sie zur Reduktion von Treibhausgasen einleiten.

Nur mit diesen Angaben aber ließe sich ermitteln, wie effizient das Unternehmen Klimaschutzmaßnahmen einsetzt, um die eigenen Kosten jetzt oder in Zukunft zu senken. Erst dann könnten Investoren einen Klimabonus oder -malus für Unternehmen vergeben, der sich auch in den Kursen widerspiegelt.

Bayers ehrgeizige Ziele

Wertlos für Anleger sind die Informationen des CDP dennoch nicht. Es liegt auf der Hand, dass jeder, der seinen CO2-Ausstoß bereitwillig veröffentlicht, eher zu den Vorreitern im Klimaschutz zählt.

Dax-Sieger Bayer etwa bemüht sich kräftig, die eigene Klimabilanz aufzubessern. Bis 2020 will Bayer die CO2-Emissionen pro Tonne verkaufter Produkte gegenüber 2005 um 25 Prozent senken.2008 hatte der Konzern bereits zwei Drittel dieses Ziels erreicht. Insgesamt eine Milliarde Euro gibt der Pharmakonzern bis 2010 dafür aus.

Noch halten sich die Kosten für CO2-Emissionsrechte bei Bayer in Grenzen: 2008 schlugen Zertifikate für 2,5 Millionen Tonnen CO2 zu Buche.Nach heutigen Preisen für Verschmutzungsrechte wären dies etwa 35 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr lagen die Kosten für den Emissionshandel nach Unternehmensangaben unter einem Prozent des Betriebsergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda). Allerdings nahm Bayer nur mit elf eigenen Kraftwerken und nicht mit den gesamten Produktionsanlagen am europäischen Emissionshandel teil. Das wird sich 2013 ändern.

Chemieriese BASF hat die möglichen Kosten der dritten Handelsperiode schon einmal durchgerechnet: Für die dritte Handelsperiode von 2013 bis 2020 werden, je nachdem wie streng die Vorschriften ausfallen, zwischen drei und zehn Millionen Zertifikate benötigt.

Bei einem Preis von 30 Euro je Zertifikat wären dies zwischen 90 und 300 Millionen Euro.Diese Belastung hätten Wettbewerber außerhalb der EU nicht zu tragen.

Auf CO2-Einsparung achtet BASF deshalb schon heute. So erzeugt das Kraftwerk im Ludwigshafener Stammwerk Strom und Wärme mit Gas- und Dampfturbinen. Erdgas setzt bei der Verbrennung nur etwa halb so viel CO2 frei wie Steinkohle. Und das Gaskraftwerk verwertet etwa 60 Prozent der Energie. Der Wirkungsgrad moderner Kohlkraftwerke liegt um rund ein Viertel niedriger.

Klimaverträgliche Produkte

„Damit sie für Investoren attraktiv bleiben, sollten Unternehmen nicht nur die CO2-Emissionen in der Produktion drücken, sondern grundsätzlich auch die Klimaverträglichkeit ihrer Produkte verbessern“, sagt Portfoliomanager Deser. Die Krise der US-Autoindustrie zeige, dass es katastrophale Folgen haben könne, wenn Konzerne das Klima-Thema nicht ernst nehmen. Angesichts steigender Benzinkosten wollten immer weniger Kunden amerikanische Spritschlucker kaufen.

Auch die deutschen Autobauer, gerade die der Oberklasse, gehörten lange Zeit international nicht zu den CO2-Vorreitern. BMW zum Beispiel hat aber mittlerweile aufgeholt.Die Münchner senkten vor allem mit sparsameren Motoren die durchschnittlichen CO2-Emissionen von Neufahrzeugen zwischen 1995 und 2008 um 27 Prozent, auf 158 Gramm CO2 pro Kilometer.

Der Schritt war für die BMW-CO2-Bilanz dringend nötig: Zu 85 Prozent wird diese vom Verbrauch der Autos bestimmt, nur 15 Prozent beeinflusst die Pkw-Produktion. Den Verbrauch von Energie und Wasser je produziertem Fahrzeug wollen die Bayern bis 2012 um 30 Prozent gegenüber 2006 senken. Bisher konnte der Konzern so 62 Millionen Euro einsparen. Davon profitiert die Gewinn-und-Verlustrechnung – und letztlich auch der Aktionär.

Literaturhinweis

Martin Gerth: Der grüne Betrug - Wie echter Klimaschutz zwischen Tagespolitik und Lobbyismus auf der Strecke bleibt

Martin Gerth: "Der grüne Betrug - Wie echter Klimaschutz zwischen Tagespolitik und Lobbyismus auf der Strecke bleibt", Redline Verlag, 240 Seiten, 19,90 Euro, Dezember 2009; ISBN 978-3-86881-049-3

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