Unisex-Tarife Vielen Dank für dieses Chaos!

Unisex-Einführung in Gefahr, an Bewertungsreserven werden Lebensversicherte vielleicht doch weiter beteiligt. Mit einem unvorstellbaren Hin-und-Her machen Politiker und Versicherer normalen Altersvorsorge-Sparern das Leben schwer. Ein offener Brief.

Diese Versicherer senken Überschussbeteiligungen
R+VDie Kunden der deutschen Lebensversicherer müssen sich auch im kommenden Jahr auf sinkende Renditen gefasst machen. Die R+V Leben senkt ihre Überschussbeteiligung auf 3,4 von 3,6 Prozent, wie der Versicherer der Volks- und Raiffeisenbanken mitteilte. Die R+V, die Nummer vier auf dem Markt, ist der erste große deutsche Lebensversicherer, der seine Verzinsung für 2014 festgelegt hat. In diesem Jahr hatte die R+V Leben im Marktdurchschnitt gelegen. Quelle: Presse
Neben einer Standmitteilung für eine Lebensversicherung liegen mehrere Euromünzen und Euroscheine Quelle: dpa
Hinter der nackten Frauenskulptur "Aurora" von Arno Breker im Ehrenhof in Düsseldorf ist die Zentrale der Ergo-Versicherung zu sehen Quelle: dpa
Der Schriftzug des Versicherungskonzerns Allianz AG Quelle: dapd
Die Alte Leipziger gehörte zu den ersten Unternehmen, die eine Senkung der Beteiligung für 2013 angekündigt haben. Für die Kunden gibt es 2013 nur noch 3,35 Prozent - das entspricht einem Minus 0,5 Prozentpunkten. Quelle: Presse
Auch die zur Ergo gehörende Victoriaversicherung dampfte die Beteiligungen für 2013 ein: Um 0,5 Prozentpunkte gigg es runter auf drei Prozent. Quelle: Presse
Bei der kleinen DEVK bekamen die Kunden nach der Absenkung für 2013 prozentual noch am meisten ausbezahlt: Die Versicherung kürzte die laufende Verzinsung nur um 0,1 Prozentpunkte auf vier Prozent. Quelle: Presse
Zum Vergleich: Die Versicherungsgruppe "die Bayerische" (BBV – Bayerische Beamten Versicherung) hat ihre Überschussbeteiligung für 2013 beibehalten: Kunden der Lebensversicherungs-Tochter "Neue Bayerische Beamten Lebensversicherung AG" bekamen also 2013 eine Verzinsung von 3,8 Prozent. Zusammen mit dem Schlussgewinnanteil sowie der Mindestbeteiligung an den Bewertungsreserven kommen die Versicherungsnehmer somit auf eine Gesamtverzinsung von bis zu 4,3 Prozent. Quelle: Screenshot

Liebe Politiker, liebe Versicherer,

endlich habt Ihr es erkannt: Ihr müsst die Altersvorsorge erleichtern, verständlicher machen und Gebühren kürzen. Schließlich sorgt laut einer aktuellen Umfrage der Targo-Versicherung fast ein Drittel der Deutschen überhaupt nicht fürs Alter vor.

Interessant nur, wie Ihr die Wende schaffen wollt. Ein Altersvorsorge-Verbesserungsgesetz soll her, das zum Beispiel bei der Riester-Rente niedrigere Wechselgebühren und Verbesserungen bringt. Nur laufen die Verhandlungen dazu noch. Anders als im Gesetzentwurf vorgesehen, wird dieses Gesetz wohl keinesfalls zum Jahresanfang 2013 in Kraft treten. Vielleicht wird es sogar 2014. Macht nichts: Altersvorsorge ist ja sowieso eine langfristige Sache.

Seit Anfang 2011 heißt es, dass zum 21. Dezember 2012 Unisex-Versicherungen eingeführt werden. Auf gut Deutsch: Mann und Frau zahlen dann für die gleiche Police auch gleich viel. Das hatte der Europäische Gerichtshof gefordert. Die Anbieter werben seit Monaten damit und trommelten zum Schlussverkauf ("Sie müssen künftig mehr zahlen? Dann noch schnell zuschlagen!"). Und jetzt? Wenige Tage vor dem Stichtag wird das Gesetz zur Einführung der Unisex-Tarife plötzlich auf Eis gelegt - vorerst. Der Bundesrat hat nicht mitgespielt. Nicht, weil dieses Gesetz für Ärger sorgt. Nein, andere, ebenfalls im Gesetz vorgesehene Regelungen sorgen für Streit. Nun ist völlig unklar, ob die Unisex-Tarife zum Stichtag wirklich und ausschließlich kommen. Alles bleibt wie geplant, sagt der Branchenverband der Versicherer GDV. Nichts da, erklären die Verbraucherschützer vom Bund der Versicherten. Ihrer Meinung nach dürfen Versicherer ohne das Gesetz auch weiterhin die alten, geschlechtsabhängig kalkulierten Policen anbieten - zumindest nach deutschem Aufsichtsrecht. Macht nichts: Am 21. Dezember geht ja sowieso die Welt unter.

Hier ist die Rentenangst am größten
Platz 10Von den Menschen, die im Ernährungswesen tätig sind, also zum Beispiel Bäcker, Diätassistenten oder Fitnessberater, sorgen sich 41 Prozent besonders stark um ihre finanzielle Zukunft. Quelle: dapd
Platz 9Bei Bank- und Versicherungsfachleuten glauben 42 Prozent, dass ihre gesetzliche Rente später nicht zum Leben reichen wird. Quelle: Fotolia
Platz 843 Prozent der Bürger, die in sozialen Berufen beschäftigt sind, also zum Beispiel Pädagogen oder Sozialarbeiter, fürchten um ihre Versorgung im Alter. Quelle: dpa
Platz 7Von den Beschäftigten in der Metallkonstruktion (z.B. Industriemechaniker) oder Installation (z.B. Heizungsinstallateur) glauben 45 Prozent nicht, dass ihre Rente später ausreichen wird. Quelle: dapd
Platz 6Wer als Hilfsarbeiter, also etwa als Kellner, tätig ist, sorgt sich oft um seine Zukunft; 46 Prozent fürchten um ihre finanzielle Absicherung im Rentenalter. Quelle: AP
Platz 5Ebenfalls 46 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitsdienst, also etwa Kranken- oder Altenpfleger, sorgen sich um ihre gesetzliche Rente. Quelle: dpa
Platz 4Von den Bürgern, die in Hotels, Gaststätten, oder in der Hauswirtschaft arbeiten, glauben 49 Prozent nicht an eine ausreichende gesetzliche Altersvorsorge. Quelle: AP
Platz 352 Prozent der Beschäftigten in Bereichen wie Lager, Warenprüfung und Versand sind sich sicher, dass ihre Rente nicht zum Leben reichen wird. Quelle: dpa
Platz 258 Prozent der im Einzelhandel Beschäftigten denken, dass die gesetzliche Rente nicht reichen wird. Quelle: dpa
Platz 1An der Spitze der Umfrage stehen Reinigungs- und Entsorgungskräfte. Hier sind ganze 66 Prozent der Befragten davon überzeugt, dass ihre gesetzliche Rente zu gering sein wird. Quelle: AP

Aktuell für Streit sorgt die Beteiligung an den Bewertungsreserven bei Lebensversicherungen. 2008 war die eingeführt worden. Nicht einfach so, sondern weil das Bundesverfassungsgericht gefordert hatte, dass Kunden angemessen am Anlageerfolg ihres Versicherers beteiligt werden müssen. Heute jedoch, liebe Versicherer, habt Ihr damit ein Problem: Die Zinsen sind so niedrig, dass Ihr Probleme habt, ausreichend Rendite zu erwirtschaften. Uns Kunden habt Ihr aber feste Zinszusagen gemacht, oft über 20, 30 Jahre.

Also sollte per Gesetz die Beteiligung an den Bewertungsreserven, insbesondere für festverzinsliche Wertpapiere, wieder aufgeweicht werden. Solche Bewertungsreserven, die entstehen wenn der aktuelle Marktwert einer Geldanlage des Versicherers über deren Wert in den Büchern liegt, sollten künftig unberücksichtigt bleiben. Zumindest dann, wenn die entsprechende Geldanlage dauerhaft gehalten wird, um damit die Zinszusagen an die Kunden erfüllen zu können.

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Klingt kompliziert. Im Ergebnis heißt es aber, dass kaum noch ein Kunde bei Kündigung oder Vertragsende einen Aufschlag bekommen wird. In Einzelfällen könnte die Auszahlungssumme damit um bis zu 15 Prozent sinken. Das war Euch Politikern dann doch zu viel - aller Lobbyarbeit von Euch, lieben Versicherern, zum Trotz. Per Verordnung wolltet ihr Politiker nachträglich sicherstellen, dass die Auszahlungssumme der einzelnen Verträge in den nächsten zehn Jahren maximal um fünf Prozent sinken darf - im Vergleich von Auszahlungssumme mit und ohne Beteiligung. Doch die neue Ablehnung macht diese Abkehr von der Aufweichung nun vielleicht überflüssig. Nach der Entscheidung des Bundesrats ist wieder offen, ob die Beteiligung an den Bewertungsreserven überhaupt eingeschränkt wird, oder ob alles bleibt wie gehabt. Macht nichts: Da blickt ja sowieso keiner mehr durch.

Liebe Politiker, ihr mögt ja gute Absichten haben. Aber mit diesem Hin-und-Her werden Ihr es wohl kaum schaffen, mehr Menschen zur Altersvorsorge zu bewegen. Wenn schon das Leben kaum planbar ist, wäre es schön, wenn zumindest die Regulierung für etwas Planungssicherheit sorgt. Ist das wirklich zu viel verlangt?

Euer Niklas Hoyer

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