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Unisex-Tarife Augen auf beim Versicherungsabschluss

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Wechselfieber in der PKV

PKV-Karte Quelle: dpa

In der privaten Krankenvollversicherung sind 4,5 Millionen erwachsene Männer und 2,8 Millionen Frauen versichert. Das Verhältnis liegt demnach bei etwa zwei Dritteln Männer zu ein Drittel Frauen.

Dass der Mix in den Unisex-Tarifen zumindest anfangs anders aussehen wird als in der alten Tarifwelt, ist klar. Schließlich zahlen insbesondere junge Frauen künftig weniger, junge Männer dagegen deutlich mehr. Der Anreiz für junge Männer, von den gesetzlichen Kassen zu den Privaten zu wechseln, wird schwächer. Von einem alten Einheitstarif in einen Unisex-Tarif zu gehen lohnt sich für sie überhaupt nicht.

Junge Frauen, die bereits in der PKV sind, könnten durchaus von einem alten Tarif in einen neuen Unisex-Tarif wechseln: MLP geht bei 25-jährigen Frauen von einer Beitragsersparnis von fünf Prozent aus. Je mehr Frauen in die Unisex-Tarife drängen, desto teurer werden die neuen Tarife für Männer.

Versicherer mit einem relativ hohen Frauenanteil werden bei den Unisex-Tarifen gegenüber einem alten Männer-Tarif nicht so viel draufsatteln müssen wie jene mit einem kleinen Frauen-Anteil. Traditionell viele Frauen sind beispielsweise bei der Debeka oder der HUK Coburg versichert. Das liegt an dem hohen Anteil von Beamten. In den für Beamte geltenden Beihilfe-Tarifen sind 50 Prozent Frauen versichert, also deutlich mehr als der Branchenschnitt von einem Drittel.

MLP hat mit 80 Prozent Frauenanteil in den neuen Unisex-Tarifen eine Annahme getroffen, die sich eher am oberen Rand der branchenüblichen Schätzungen bewegt. Blieben die Anteile von Männern und Frauen in etwa so, wie sie derzeit in der PKV sind, würde das Beitragsplus für Männer kleiner. MLP hat für einen Mix von 60 Prozent Männern und 40 Prozent Frauen in den neuen Unisex-Tarifen ein Beitragsplus von 14,5 Prozent für 30-jährige Männer errechnet. Zum Vergleich: Bei einer Frauenquote von 80 Prozent wären es plus 23 Prozent.

„Finanzvertriebe sind an einem guten Jahresendgeschäft interessiert, also kommunizieren sie Zahlen, die vor allem den Männern Angst einjagen“, relativiert Michael Steinmetz, Geschäftsführer der Deutschen Aktuarvereinigung, in der die Mathematiker der Versicherer organisiert sind. Auch PKV-Gutachter Peter Schramm aus Kronberg im Taunus glaubt nicht, dass Männer wegen der Unisex-Tarife in Panik ausbrechen müssen: „Dafür wird schon der Wettbewerb sorgen, schließlich kann es sich kein Versicherer erlauben, Kunden zu verlieren.“ Im Zweifelsfall würden die Vertriebsmanager darauf drängen, die Tarife eher niedrig anzusetzen.

Bei stark vertriebsgetriebenen Krankenversicherern könnte der Schuss allerdings nach hinten losgehen. „Es besteht die Gefahr, dass die Tarife zu knapp kalkuliert sind“, warnt Steinmetz. Die Folge wären, wenige Jahre nach Einführung der Unisex-Tarife, stark steigende Beiträge für alle.

Jahresendrally

Dass die Versicherer noch möglichst viel Umsatz in diesem Jahr machen wollen, zeigen etwa die Unisex-Aktionen der Continentalen und der Gothaer. Die Gothaer verspricht Männern, dass sie mit einer in diesem Jahr abgeschlossenen Berufsunfähigkeitsversicherung (BUV) später problemlos in einen günstigeren Unisex-Tarif wechseln können. Bisher zahlen Männer in der BUV mehr als Frauen, weil sie häufiger berufsunfähig werden.

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Die Continentale wirbt mit einem „Unisex-Retter“. Ihre seit dem 1. April auf den Markt gebrachten Lebensversicherungstarife enthalten eine Klausel, nach der nachträgliche Vertragsänderungen nicht dazu führen, dass Versicherte in einen neuen Unisex-Tarif rutschen. Laut Gesetz gilt bei Vertragsänderungen, denen der Versicherte und der Versicherer zustimmen, eigentlich der jeweils gültige Tarif. Im kommenden Jahr wäre dies ein Unisex-Tarif.

Fest steht: Bei Unisex-Tarifen werden, je nach Sparte, immer entweder Männer oder Frauen mehr zahlen müssen als bei den alten Tarifen. Es geht allerdings auch anders: Bestehende oder neu gegründete Herrenklubs – vom Männerchor bis zum Fußballverein – könnten mit Versicherern Gruppenverträge abschließen. Anders als bei Einzelverträgen müsste der Versicherer effektiv nicht geschlechtsneutral kalkulieren, alle Mitglieder bekämen günstigere Tarife – jedenfalls bis zur nächsten Diskriminierungsklage vor dem Europäischen Gerichtshof.

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