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Versicherung im Schlussverkauf Vorsicht vor billigem Schutz vor Berufsunfähigkeit

Versicherungen gegen Berufsunfähigkeit werden deutlich teurer. Deshalb jetzt eine Police abzuschließen, ist allerdings Unsinn. Andere Kriterien sind wichtiger.

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Hand an einem Büroarbeitsplatz Quelle: dpa

Wer nach Krankheit oder Unfall berufsunfähig wird, hat neben gesundheitlichen schnell auch finanzielle Probleme, wenn das Arbeitseinkommen auf Dauer fehlt. Glücklich kann sich schätzen, wer dann zu den Beziehern einer Berufsunfähigkeitsrente zählt. Aber das sind relativ wenige Arbeitnehmer.

Für die 42 Millionen Erwerbtätigen in Deutschland gibt es gerade mal 17 Millionen Policen gegen Berufsunfähigkeit (BU) - und die ist oft zu gering und erreicht nicht einmal Grundversorgungsniveau. Im Jahr 2012 wurden 250.000 BU-Renten mit einem Gesamtvolumen von 1,7 Milliarden Euro ausgezahlt. Zum Vergleich: Die gesetzliche Rentenversicherungen zahlten im gleichen Jahr 216 Milliarden Euro an Renten aus.

Das soll nach dem Willen der Bundesregierung besser werden. Denn Berufsunfähigkeit gilt unter Fachleuten als ein existenzielles Risiko, jeder Vierte wird im Laufe seines Arbeitslebens berufsunfähig. Vor allem für Familien mit nur einem Hauptverdiener und Immobilieneigentümer mit hohen Kreditlasten ist der Verlust des Arbeitseinkommens schnell mit drastischen Einbußen an Lebensqualität verbunden.

Die Hauptgründe für eine Berufsunfähigkeit

Dass die Abdeckung mit BU-Policen unzureichend ist, wollte die Bundesregierung eigentlich mit staatlicher Förderung bekämpfen. Seit Januar 2014 gibt es die staatlich geförderte Berufsunfähigkeitsversicherung - mit strengen Kriterien für den Leistungsfall sowie an die Mindestleistungen im Fall einer Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit.

Allerdings ist seitdem nicht viel passiert. Vor allem wegen der hohen Anforderungen des Gesetzgebers an eine förderfähige BU-Police halten sich die Versicherer mit dem Angebot passender Tarife zurück. Gerade die Bedingung einer lebenslang auszuzahlenden BU-Rente sorgt - neben anderen Anforderungen des Gesetzgebers - dafür, dass die Versicherer keine passenden Versicherungsprodukte anbieten. Eine gewöhnliche BU-Versicherung hingegen zahlt nur bis zum Renteneintritt.

Die Ursachen für eine Berufsunfähigkeit 2008 und 2013

Der Versicherungsmakler MLP schätzt, dass die förderfähigen Tarife nur für die doppelte bis dreifache Versicherungsprämie zu haben wären. Damit wäre der Versicherungsschutz für viele trotz höherer Leistungen einfach unerschwinglich. Die staatliche Förderung dürfte bei Gering- und Normalverdienern deutlich niedriger ausfallen als die höheren Beiträge im Vergleich zum Standard-BU-Schutz ohne Steuervorteil. Lediglich bei den hohen Einkommensgruppen mit hohem persönlichen Steuersatz könnte die Förderung auf Interesse stoßen, schätzen Experten.

Der erhoffte Ansturm auf die BU-Versicherer ist somit ausgeblieben, die Lücken in der Absicherung bleiben unverändert hoch. Vor allem Arbeitnehmer in riskanten oder gesundheitlich fordernden Berufen wie etwa Dachdecker oder Krankenschwestern bekommen eine BU-Police nur gegen Zahlung eines deutlich höheren Beitrags. Wer bei Abschluss der Police schon Vorerkrankungen hat, bekommt unter Umständen gar keinen Versicherungsschutz angeboten - oder nur gegen Zahlung eines hohen Aufschlags auf den Monatsbeitrag.

Günstiger, aber nicht billig

So etwas wie einen kleinen Schlussverkauf könnten die Versicherer dennoch erleben. Schuld daran sind erneut der Gesetzgeber sowie die niedrigen Zinsen. Mit dem Lebensversicherungsreformgesetz vom Juli 2014 sinkt nämlich ab 2015 der staatlich garantierte Zins und damit auch die kalkulierte Verzinsung der Kapitalrücklagen der BU-Versicherer. Die Folge: Sofern die Versicherer nicht auf einen Teil ihrer Gewinne verzichten, müssen die Beitragszahler mehr zahlen. Ab dem kommenden Jahr dürften deshalb die Versicherungsbeiträge spürbar steigen. Wer noch in diesem Jahr einen Vertrag abschließt, kann demgegenüber also sparen.

Finanzdienstleister MLP hat kürzlich ausgerechnet, dass die Betragszahlungen deutlich steigen müssten, damit die Versicherer den Verlust durch die niedrigere Verzinsung ausgleichen können. Eine Musterrechnung ergab: Ein 45-Jähriger muss mit um drei Prozent höheren Beträgen rechnen, ein 25-Jähriger sogar mit knapp sieben Prozent höheren Prämien.

Die absehbare Beitragserhöhung ist ein gutes Argument, den Abschluss einer BU-Versicherung noch in diesem Jahr vorzunehmen. Das gilt allerdings nur, wenn der Abschluss einer Police ohnehin geplant war. Ein Vergleich der vielfältigen Angebote bleibt dabei zwingende Voraussetzung. Denn schon vor der Senkung des Garantiezinses gibt es gewaltige Unterschiede bei Leistung, Ausschlussklauseln und vor allem der Betragshöhe. Im Einzelfall kann der Unterschied zwischen der teuerste Anbieter auch mal das Dreifache des günstigsten Anbieters verlangen.

Ohnehin ist die Versicherung gegen Berufsunfähigkeit relativ teuer. Sie greift allerdings auch schon, wenn nur der Versicherte nicht mehr im erlernten oder ausgeübten Beruf arbeiten kann. Verzichtet der Versicherer auf den sogenannten abstrakten Verweis, muss der Versicherte auch keinen anderen Beruf annehmen.

BU-Versicherungen haben daher oft umfangreiche Vertragsbedingungen und viel Kleingedrucktes, die es unbedingt zu beachten gilt - bis ins Detail. Daher können Verbraucher schon beim Vertragsabschluss eine Menge falsch machen. Wer zum Beispiel bei den Antworten zu den umfangreichen Gesundheitsfragen Vorerkrankungen oder Behandlungen verschweigt oder schönt, riskiert bei Eintritt der Berufsunfähigkeit, dass die Versicherung sogar die Leistung verweigert. Beim Vertragsabschluss kommt es also auch wesentlich darauf an, die Police zu finden, die am besten auf den eigenen Bedarf passt und auch noch nach Vertragsabschluss flexibel anpassbar ist, wenn sich zum Beispiel die Einkommenssituation oder der Beruf ändern.

Vorsorge



Entscheidend für die Höhe des Versicherungsbetrags sind dabei generell der ausgeübte Beruf, das Alter und der Gesundheitszustand des Versicherungsnehmers. Je älter der Versicherte beim Abschluss ist, umso geringer sind seine Einzahlungen bis zur Rente und umso höher ist zugleich sein Risiko einer Erkrankung. Beides treibt die Beträge in die Höhe. Deshalb raten Verbraucherschützer Arbeitnehmern dazu, eine BU-Police grundsätzlich schon in jungen Jahren bei noch tadelloser Gesundheit abschließen. Das hält die monatlichen Beträge niedrig. Wer eine Police statt mit 30 Jahren erst mit 40 Jahren abschließt, zahlt schnell eine um 30 Prozent höhere Prämie.

Die laut Verbraucherschützern durchaus realistischen Preiserhöhungen der BU-Versicherungen sollten daher kein Grund für einen übereilten Abschluss noch in diesem Jahr sein. Wer Leistungen, Leistungsausschlüsse und Beitragshöhen gewissenhaft vergleicht, ist im Leistungsfall besser dran als mit einer billigen Versicherung mit ungünstigen Vertragsbedingungen. Eine Beratung durch einen möglichst unabhängigen Experten sollte sich angesichts des vielfältigen Angebots und der komplexen Materie in jedem Fall auszahlen.

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