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Währungen Flucht in den Franken

Aus Sorge um den Euro schaufeln Anleger Milliarden in den Schweizer Franken. Dessen Wechselkurs droht heißzulaufen. Eine Alternative bieten Währungen asiatischer Schwellenländer.

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Alle schlagen den Euro

Raus! Nichts wie raus! Das Geld der Deutschen ist auf der Flucht, vor allem in die Schweiz. Diesmal sind es keine Steuerbehörden, die Anleger ins Alpenland treiben; diesmal fürchten sie Schlimmeres: Seit Ausbruch der Griechenland-Krise grassiert die Furcht vor Inflation und Kaufkraftverlust des Euro.

Seine Kunden hätten seit Ende Mai dutzendweise zinslose Schweizer-Franken-Konten eröffnet und 1,5 Millionen Euro in Franken getauscht, erzählt der Chef einer kleinen Sparkasse in Südbaden. Bei Deutschlands größter Online-Bank Comdirect ist das in Fremdwährungskonten angelegte Volumen seit Januar um 50 Prozent gestiegen.

„Die meisten wollen ihr Geld aber nicht nur in Franken anlegen, sondern auch geografisch in der Schweiz“, sagt Rupert Bader von der Münchner Niederlassung der Schweizer Bank Vontobel. Sein Zürcher Mutterhaus erfreut sich regen Zuspruchs deutscher Anleger. Täglich sieben Milliarden Euro seien zeitweise in Franken geflossen, schätzt Hans Günter Redeker, Chef-Währungsstratege bei BNP Paribas. Nicht einmal noch niedrigere Zinsen als in ihren Heimatländern können Euro-Anleger fernhalten: Gerade einmal 0,375 Prozent zahlen Schweizer Banken im Schnitt auf kurzfristig verfügbare Spareinlagen. Deutsche Banken bieten mehr als das Doppelte.

Sicherer Brückenkopf

Doch die Euro-Flüchtlinge kommen nicht wegen der Zinsen. „Der Franken hat als Fluchtwährung in etwa die gleiche Funktion wie Gold“, sagt Redeker. Anlagen in Franken seien nicht „End-, sondern Etappenziel, ein sicherer Brückenkopf, bis man wieder klarer sieht“.

„Auf Dauer ist der Franken viel zu klein, um als globale Reservewährung zu fungieren“, sagt Jürgen Büscher, Gründer des auf Währungen spezialisierten Hedge-fonds PAM. Wohl wahr: Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) macht er nur etwas mehr als ein Promille der globalen Währungsreserven aus; fast die Hälfte sind US-Dollar, rund ein Viertel Euro.

So kleine Währungen überhitzen schnell, wenn in sie viel Kapital fließt. Allein in den beiden letzten Juniwochen stieg der Franken um sechs Prozent zum Euro. „Kurzfristig ist er überteuert. Eine heftige Gegenbewegung könnte den Euro in den nächsten Wochen um 10 bis 15 Prozent nach oben treiben“, warnt Büscher.

Auch mit heftigen Bremsversuchen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ist jederzeit wieder zu rechnen. In den vergangenen Monaten hatte sie schon massiv Euro gekauft, vor zehn Tagen aber vorerst aufgehört. Der Wert der ausländischen Devisenreserven stieg seit Januar von 95 Milliarden auf 232 Milliarden Franken Ende Mai; gut zwei Drittel davon, schätzt Redeker, sind Euro.

Die Euro-Käufe der SNB konnten den Höhenflug des Franken zwar nicht verhindern, „haben ihn aber gebremst“, sagt Büscher. Trotz der stützenden Käufe der Schweizer fiel der Kurs des Euro gegenüber dem Franken seit Dezember von 1,52 auf 1,32. „Ohne Stützungskäufe wäre der Franken vielleicht schon Richtung Parität zum Euro unterwegs“, meint Büscher. Die Schweizer fürchten vor allem um ihre exportlastige Industrie, wenn der Franken zu stark wird. „Jeder Cent, den der Euro gegenüber dem Franken verliert, schmälert unseren Reingewinn um drei Millionen Franken“, sagte Mark Hill vom Schweizer Zahnimplantate-Hersteller Straumann der „Handelszeitung“.

Sogar radikale Gegenmaßnahmen der SNB hält Büscher für denkbar, um Spekulanten abzuschrecken. In den Siebzigern, als Hochinflation und Krisen schon einmal Anleger aus aller Welt in den Franken trieben, erhob die SNB Negativ-Zinsen. Kurzfristig würde er von neuen Franken-Engagements daher massiv abraten, so Büscher, „auf Sicht von ein, zwei Jahren sieht es aber besser aus“.

Geringer verschuldet

Denn die Schweizer erzielen regelmäßig Haushaltsüberschüsse – 2009 immerhin 2,7 Milliarden Franken. Die Gesamtverschuldung von Bund, Kantonen und Gemeinden macht nur rund 41 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus; in Deutschland sind es mehr als 70, in Japan 120 Prozent. Zudem ist die Schweizer Konjunktur stabil: Die Arbeitslosigkeit liegt bei vier Prozent; für 2010 erwartet die OECD 2,3 Prozent Wachstum.

„Auf lange Sicht hat eine relative Stärke einer Volkswirtschaft noch immer zur Aufwertung der Währung geführt“, sagt Redeker. Die Schweizer Industrie könne mit dem harten Franken leben, meint Robin Brooks, Devisenstratege von Goldman Sachs: „Aber die strukturellen Zuflüsse in den Franken, die das politisch und wirtschaftlich stabile Land auch weiter anziehen wird, sollte man nicht unterschätzen.“

Bleibt die Frage nach dem „Wie?“. Größter Vorteil von Staatsanleihen in Fremdwährung ist die hohe Liquidität: Der enorme tägliche Umsatz sorgt dafür, dass man Staatsanleihen bei Bedarf schnell wieder los wird und außerdem günstige Spannen zwischen An- und Verkaufskursen gestellt bekommt.

Anleihen, Konten, Aktien

Währungskonten kommen in Mode; sie sind bequem und kosten kaum Gebühren. Für zinslose Konten gibt es nach einem Jahr ein Schmankerl: „Außerhalb der Spekulationsfrist sind eventuelle Währungsgewinne steuerfrei“, sagt Tobias Teufel von der Kanzlei Freshfields, Bruckhaus, Deringer. Bekommt man Zinsen, fallen auf diese Steuern an. Nachteil: Die Auswahl der Währungen beschränkt sich meist auf ein knappes Dutzend Länder, bei einigen Online-Banken gar auf drei – Franken, Dollar und japanischer Yen.

Unterschätzt wird meist der Währungseinfluss auf Aktien. „Viele Anleger haben über ihre Aktien enorme Währungsrisiken im Depot und schlummern sanft“, sagt Vontobel-Banker Bader. Umgekehrt bieten internationale Aktien wie Nestlé, Unilever oder Siemens einen guten Währungsschutz, weil in solchen Firmen Umsätze und Kosten in verschiedenen Währungen anfallen, spricht man von einem „natürlichen Hedge“: Die Schwankungen der Währungen gleichen sich untereinander zum Teil aus.

Wer über Konten oder kurz laufende Anleihen direkt in Währungen investiert, sollte dringend auf mehrere streuen. Profis tun das längst. Ray Dalio etwa, Gründer des weltgrößten Hedgefonds Bridgewater, setzt vor allem auf asiatische Währungen (siehe Seite 96). „Wir kaufen verstärkt Asien-Anleihen in lokaler Währung, der Markt ist reif für eine Währungsaufwertung“, sagt auch Matthieu Louanges, Geschäftsführer von Allianz Global Investors. Grund: Die Schwellenländer sind kaum verschuldet, die Bevölkerung ist jung, die Kosten für Rentenkassen und Gesundheitssysteme sind niedrig. Anders als in Europa und den USA dürfte die Wirtschaft in den meisten asiatischen Ländern zudem weiter kräftig wachsen. Die Analysten der Deutschen Bank rechnen sogar mit sinkender Staatsverschuldung in den Schwellenländern; von im Schnitt 46 Prozent des BIPs 2010 könne die Quote bis 2020 auf 35 Prozent sinken.

Viele asiatische Währungen sind zudem unterbewertet, weil sie über Jahre von den heimischen Zentralbanken künstlich niedrig gehalten wurden. Die Asian Development Bank geht davon aus, dass der Aufwertungsdruck auf Asiens Währungen sich „mit den anhaltenden Kapitalzuflüssen aber intensivieren wird“. Für eine Aufwertung der asiatischen Währungen spricht auch die neue Politik Chinas: Die Zentralbank kündigte an, ihre Wechselkurspolitik für den Renminbi flexibler zu handhaben. Einer Aufwertung kommt das nicht sofort gleich – erhält der Euro mehr Gewicht im neuen Währungskorb, könnte der Renminbi zum US-Dollar zunächst sogar abwerten. Langfristig kommt China aber kaum an einer Aufwertung vorbei; Teile der Wirtschaft überhitzen, die Inflationsgefahr steigt. Die Arbeiter fordern mehr Geld – ist der Export billig, zahlt das Volk für teure Importe und braucht mehr Geld.

Hongkong – am Tropf des Dollar

Zum Aufwerten

Tim Haaf, Fondsmanager bei Allianz Global Investors, sieht bei einer Aufwertung des Renminbi Folgen für die gesamte Region: „Wenn China den Renminbi aufwerten lässt, werden die anderen asiatischen Länder darauf folgen.“ Denn starke, anhaltende Kapitalzuflüsse heizen in vielen asiatischen Staaten die Inflation an. Eine Währungsaufwertung könnte die Kapitalzuflüsse bremsen und helfen, des Preisauftriebs Herr zu werden.

So kaufen viele Fondsmanager Anleihen aus Hongkong. Investoren hängen mit dem Hongkong-Dollar jedoch am Tropf des US-Dollar. Mittelzuflüssen tut das keinen Abbruch: Den Analysten der Commerzbank zufolge ist „in Hongkong jede Menge Liquidität vorhanden, was zwar zu steigenden Preisen für Vermögenswerte, jedoch noch nicht zu einer anziehenden Verbraucherpreisinflation führt“. Global Inside zufolge beschleunigte sich der Verbraucherpreisindex im Mai aber um 2,5 Prozent. Die Regierung setzt derzeit auf eine expansive Haushaltspolitik, unter anderem erhöht sie die Ausgaben um 8,9 Prozent. Hongkongs Exporte legten im April den sechsten Monat in Folge zu und lagen mit 31,1 Milliarden US-Dollar knapp 22 Prozent höher als im Vorjahr. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im ersten Quartal um 8,2 Prozent verglichen mit dem Vorjahr.

Commerzbank-Ökonomin You-Na Park sieht „weiteres Potenzial für eine Aufwertung“ im Singapur-Dollar, malaysischen Ringgit und dem Taiwan-Dollar. Vor allem setzt sie auf den Südkoreanischen Won: Die Währung litt in den letzten Wochen unter den Spannungen mit Nordkorea, Investoren zogen Kapital ab. So fiel der Won gegenüber dem Euro seit Mitte Mai um gut sechs Prozent.

Bis Ende des Jahres sieht Park den Won aber stärker, bei 1300 Won pro Euro statt bei aktuell rund 1500. Die wirtschaftliche Entwicklung spricht dafür: Südkorea erzielte 2009 einen Leistungsbilanzüberschuss von 5,1 Prozent. Für 2010 rechnet die OECD mit moderaten 36,2 Prozent Schulden, gemessen am BIP, die Arbeitslosenquote fiel auf 3,2 Prozent.

Besser mit Fonds

Ein Problem ist aber, dass die meisten asiatischen Währungen politisch beeinflusst werden. Devisenverkehrskontrollen etwa könnten Investments bald erschweren. Schon jetzt begrenzen Südkorea, Taiwan und China Kapitalzuflüsse aus dem Ausland. Indonesien will nachziehen. Denkbar sind zum Beispiel Haltefristen, um rapide Mittelabflüsse zu kontrollieren. Liberaler ist Singapur. Es strotzt vor Kraft: 15 Prozent Leistungsbilanzüberschuss sowie 9 Prozent BIP-Wachstum erwarten die Ökonomen der Citigroup für 2010. Mit Temasek und GIC verwalten zwei Staatsfonds 502 Milliarden Dollar für Singapurs Staat. Der Kurs des Singapur-Dollar ist zwar an einen Korb von bilateralen Wechselkursen gekoppelt, dessen Zusammenstellung sich nach der Gewichtung der Handelspartner des Landes orientiert. Seit Januar gewann er gegenüber dem Euro dennoch 17 Prozent.

„Bei stark schwankenden und marktengen Währungen aus Asien sollte man lieber nicht direkt über Anleihen oder den Geldmarkt gehen“, sagt Währungsexperte Büscher. Als Beimischung eignen sich Fonds, die vor allem in Anleihen lokaler Währungen investieren (siehe Tabelle). Sie kosten zwar im Durchschnitt 1,5 Prozent Managementgebühr pro Jahr; dafür können Fondsmanager aber in Ländern investieren, die Privaten kaum Zugang bieten – und in die Trickkiste greifen.

Sichern sie etwa das Wechselkursrisiko am Terminmarkt ab, profitieren Anleger zwar nur von den Zinsen und nicht von einer möglichen Aufwertung, müssen aber auch keine Währungsverluste fürchten. So kann ein Fonds in Indien derzeit bei zwei Jahren Laufzeit mehr als sechs Prozent Zinsen mitnehmen, die indische Rupie aber gegen mögliche Verluste absichern. Fonds wie der Pictet-Asian Local Currency Debt oder der Templeton Asian Bond wetten auch auf fallende Kurse. Templeton-Manager Michael Hasenstab etwa shortete zuletzt den Yen, sein Kollege von Pictet den thailändischen Baht.

Alternativen zur Lokalwährungsanleihe sind Dollar- oder Euro-Anleihen des gleichen Lands – oder der Kauf von Währungen über den Terminmarkt. „Neben geringeren regulatorischen Vorschriften bietet das den Vorteil von höherer Liquidität“, sagt Werner Eppacher, der als Leiter des Währungsteams der Deutsche-Bank-Tochter DWS 400 Millionen Euro managt. Wichtig für Anleger ist auch die Fondswährung. Kaufen Anleger einen in US-Dollar notierten Fonds, tragen sie zusätzlich ein Dollar-Risiko. Pictet oder Templeton verkaufen ihre Produkte daher in Euro und US-Dollar.

Asien-Anleihen für 3690 Milliarden US-Dollar kamen 2009 auf den Markt – 41 Prozent mehr als im Vorjahr. „Der nächste Finanzboom dürfte bei der Kreditvergabe an Schwellenländer entstehen“, warnt deshalb Simon Johnson, Exchefvolkswirt des IWF. Risiken bergen auch politische Unruhen in Thailand oder Säbelrasseln zwischen Süd- und Nordkorea. In Krisenzeiten ziehen Anleger Kapital genauso schnell ab, wie sie es in ein Land hineingeschaufelt haben.

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