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Walter Riester kontert „Die Kampagne gegen die Riester-Rente ist falsch und gefährlich“

Die Deutschen lassen die staatlich geförderte Altersvorsorge links liegen. Doch Ex-Minister Walter Riester lässt auf sein Baby nichts kommen: Ein Abschluss lohnt sich für jeden, sagt er im Interview mit Handelsblatt Online und erklärt, warum die Kritiker falsch liegen.

Walter Riester hat die staatlich geförderte Altersvorsorge im Bundestag durchgeboxt. Auch mehr als ein Jahrzehnt später tritt er leidenschaftlich für das Produkt Riester-Rente ein, das seinen Namen trägt. Quelle: ap

Herr Riester, Sie haben als Minister die private, staatlich geförderte Altersvorsorge geschaffen. Elf Jahre später verkaufen sich diese Finanzprodukte nur noch sehr schleppend. Hat die Riester-Rente ihre besten Zeiten schon hinter sich?
Nein! Wir erleben aktuell, dass die Kampagne gegen die Riester-Rente wirkt. Millionen Menschen sind dadurch verunsichert worden. Die pauschale Kritik an der Riester-Rente ist falsch und gefährlich.

Die Kritiker haben vor allem die Versicherungsbranche im Auge.
Der Normalbürger denkt aber doch nicht so. Er bezieht die Kritik auf alle Riester-Varianten, also nicht nur auf die Versicherungslösung, sondern auch den Banksparplan, das Investmentsparen und den Wohn-Riester, der einen Einstieg ins Wohneigentum bietet.

Was halten Sie denn von der Kritik an den Kosten der Versicherungsbranche?
Entscheidend ist doch etwas anderes: Der Gesetzgeber wollte die Versicherungslösung für die ergänzende Rente. Ohne die Versicherungen geht es gar nicht in der Riester-Rente. Denn auch Banken und Fonds benötigen ja in der Auszahlungsphase ab dem 85. Lebensjahr die Rentenlösung. Diese kann nur die Versicherungswirtschaft liefern. Ein Teil des gebildeten Kapitals muss deshalb in die Versicherungslösung.

Die Riester-Kritiker beklagen viele Webfehler: große Bürokratie, geringe Renditen und hohe Kosten. Selbst der Gesetzgeber hat reagiert. Liegen diese Akteure alle so daneben?
Ja, davon bin ich überzeugt. Aber gehen wir auf die Kritikpunkt doch im Einzelnen ein.

Gerne! Was sagen Sie denn zum Vorwurf, dass die Riester-Rente zu viel Bürokratie gebracht hat?
Richtig ist, der Gesetzgeber verlangt in der Altersvorsorge von den Anbietern, dass sie deutlich mehr informieren und umfassender beraten. Richtig ist auch, dass der Anbieter auf Wunsch des Sparers die Beantragung der Zulagen und die weitere Bearbeitung voll und kostenfrei übernehmen muss. Dies gilt seit 2005, trifft jedoch den Anbieter, nicht den Kunden.


Die Priorität liegt nicht auf der Rendite.

Was sagen Sie zum Vorwurf, die Kosten der Riester-Rente seien für die Sparer zu hoch?
Die Anforderungen an die Anbieter würden durchaus in akzeptabler Höhe auch zusätzlichen Kosten rechtfertigen. Dem ist aber belegbar nicht so. Der Banksparplan weist im Regelfall gar keine Kosten auf, weder gefördert noch ungefördert. Investmentsparen kostet jährlich je nach Produkt zwischen 0,6 und 1,2 Prozent der Anlagesumme. Auch ein Ausgabeaufschlag ist beim geförderten und ungeförderten Produkt gleich. Der Bausparvertrag kostet einmalig ein Prozent der Abschlusssumme und zwar wieder gefördert und ungefördert.

Und die Versicherungslösung?
Die müssen wir mit vergleichbaren Produkten der Branche vergleichen. In dem Fall sind die Abschluss- und Vertriebskosten von Riester-Versicherungen sicher nicht höher als bei einer Kapitallebensversicherung oder der ungeförderten Rentenversicherung. Wichtig ist dabei noch, dass diese Kosten – sofern sie auftreten – beim geförderten Produkt über fünf Jahre verteilt werden müssen, was ja für den Sparer günstiger ist.

Kosten drücken die Rendite für Sparer. Was entgegnen Sie diesem Argument?
Hier muss berücksichtigt werden, dass der Gesetzgeber richtigerweise bei der Altersvorsorge die Priorität bei der Sicherheit und nicht bei der Rendite gelegt hat. Der Anleger ist verpflichtet, alle eingezahlten Beträge plus staatliche Förderung zum Ende der Sparphase zu garantieren. Darüber hinaus gibt es eine Mindestverzinsung, und in der Auszahlungsphase wird lebenslang eine ergänzende Rente ausgeschüttet. Deswegen ist dieses Produkt auch mit Anlageprodukten, die größeres Risiko, aber keine Sicherheiten beinhalten, nicht zu vergleichen.

Branchenkenner wie Axel Kleinlein und das DIW halten die Ergebnisse der Riester-Rente für zu mager. Was antworten sie diesen?
Es ist falsch, die Riester-Rente nur unter Renditegesichtspunkten zu beurteilen. Die Kritiker blenden den Beitrag des Produkts für den Versicherungsschutz dabei völlig aus. Auf die Kritik des DIW habe ich ausführlich geantwortet.

Gleichwohl wurden die Regeln für die Riester-Rente erneut angepasst. Was bringt dies?
Der Gesetzgeber nimmt die bisherigen Verbraucherschutzbestimmungen sowie die Verbraucherschutzbestimmungen des Versicherungsvertragsgesetzes (VVG) und des Wertpapieranlagegesetzes zusammen in ein neues Produktblatt, das der Kunde erhält. Damit soll mehr Transparenz hergestellt werden. Sofern dies gelingt, freue ich mich sicher darüber.


Die Altersvorsorge hat ein Vertriebsproblem.

Manche lesen aus den aktuellen Zahlen heraus, dass die Deutschen nun stärker auswählen bei der Riester-Rente. Sie vernachlässigen Versicherungen und greifen bei Banksparplänen und dem Wohn-Riester zu?
Aber das Niveau ist doch viel zu wenig. Es geht hier um die Verunsicherung von Millionen Menschen. Altersvorsorge ist doch nicht etwas, was die Menschen freiwillig kaufen. Das ist kein Nachfrageprodukt. Deshalb wollte ich auch die Versicherungspflicht, die dann abgelehnt wurde.

Die Riester-Rente hat also aktuell ein Vertriebsproblem?
Richtig ist: Die gesamte Altersvorsorge hat ein Vertriebsproblem. Bei der gesetzlichen Rente löst dies der Gesetzgeber durch die Versicherungspflicht. Die zusätzliche Altersvorsorge läuft nicht von selbst. Gebraucht werden Menschen, die beraten, überzeugen und verkaufen. Ohne Vermittler, Vertreter und Berater geht es nicht. Das hat sich ganz stark gezeigt, als wir die Regeln für die Entlohnung der Vermittler geändert haben. Zunächst waren die Kosten ja auf zehn Jahre verteilt. Das lief nicht.

Verdienen sich Versicherungsvertreter nun eine goldene Nase mit Riester-Versicherungen?
Nein, der Verdienst ist bei der Riester-Rente nicht höher, sondern häufig geringer als bei vergleichbaren Versicherungsprodukten. Die neue Regelung bedeutet doch nur, dass die Kosten in den ersten fünf  Jahren etwas überdimensioniert wirken. Da die Vertriebskosten aber dann weg sind, merkt man sie bei langlaufenden Verträgen kaum noch.

Ein Banksparplan hätte solch hohe Kosten nicht.
Beim Banksparplan zeigt sich, dass Kosten und Rendite zwei Paar Stiefel sind. Er hat im Regelfall keine Kosten, aber er ist renditeschwach. Einem Zwanzigjährigen würde ich das nicht empfehlen, weil bei Laufzeiten von 30 bis 40 Jahren die Verzinsung minimal sein würde – jedenfalls nach bisherigen  Maßstäben.

Wem würden Sie die Versicherungsvariante empfehlen?
Einem Sparer, der noch mehr als zehn Jahre vorsorgen muss. Wer dagegen kurz vor der Rente steht, sollte eher ein Produkt mit geringen Kosten wählen. Junge Leute sollten über das Aktiensparen mit Investmentfonds nachdenken, weil dort höhere Renditen drin sind.


Es lohnt sich für Menschen mit geringem Einkommen.

Das klingt nicht gerade so, als ob Sie ein Fan der Versicherungswirtschaft wären?
Im Gegenteil: Wir brauchen diese Riester-Variante. Denn für die meisten Menschen reicht die Rente nicht aus. Wir leben immer länger ohne Erwerbseinkommen. Deshalb benötigen wir mehr Rücklagen für das Alter. Und Versicherungen stecken auch im Banksparplan und in der Fondsvariante. Heute ist die staatliche Sparförderung für die Altersvorsorge noch wichtiger als vor zwölf Jahren.

Warum müssen die Deutschen mehr sparen?
Es gibt immer mehr Menschen, die nur in Teilzeit, für eine geringe Bezahlung oder sogar für sehr niedrige Löhne arbeiten. Die Folge davon: deutlich geringere Einzahlungen in die Rentenversicherung – und wie zu erwarten deutlich geringere Renten in der Zukunft.

Lohnt sich denn die Riester-Rente auch für Menschen mit geringem Einkommen? Manche Experten raten hier von Riester-Verträgen ab.
Das ist eine belegbar falsche Position. Über 30 Prozent der Riester-Sparer sind Menschen mit einem Einkommen unter 10.000 Euro. Weitere 20 Prozent kommen auf ein Einkommen bis 20.000 Euro. Die Trefferquote für die Riester-Förderung ist also hoch. Am wichtigsten jedoch ist: Es lohnt sich für Menschen mit geringem Einkommen in hohem Maße, eine Riester-Rente abzuschließen.

Haben Sie ein Beispiel?
Ja, nehmen Sie etwa eine alleinerziehende Mutter in Teilzeit. Sie kommt mit zwei kleinen Kindern auf eine Zulage von 754 Euro im Jahr, muss dafür aber selbst aufgrund ihres geringen Verdienstes nur 60 Euro pro Jahr sparen. Gerade für Geringverdiener lohnt es sich also. Jemand, der Hartz IV bezieht, muss also nur diesen sehr geringen Eigenbeitrag leisten, um alle Zulagen zu bekommen.

Und wenn jemand mehr verdient?
Nehmen wir einen Alleinstehenden, der 55.000 Euro im Jahr verdient. Er spart 2100 Euro im Jahr, bekommt eine Zulage von 154 Euro und zusätzlich Steuerrückerstattungen. Damit und mit der Zulage beläuft sich seine Förderung auf 945 Euro. Wenn er klug ist, legt er dieses Geld auch noch an.


Die Bilanz ist gut.

Ist das nicht ein Steuergeschenk für Besserverdienende?
Das ist völlig daneben. Das ist nichts anderes als die nachgelagerten Besteuerung, die seit 2005 Schritt für Schritt für alle anerkannten Produkte der Altersvorsorge eingeführt wird. Mein Anliegen war: Die gesamte Bevölkerung soll am Vorsorgesparen teilnehmen. Die beiden Fälle zeigen beispielhaft: Es lohnt sich für jeden!

Und für wen lohnt es sich ganz besonders?
Für Menschen in schwierigen Situationen, die eine geringe Rente erwarten und wenig Rücklagen haben. Auch für Familien mit Kindern und Alleinerziehende. Und selbst für gutverdienende Deutsche, die durch Riester hohe Steuerrückerstattungen erhalten. Es gibt keine lohnendere Anlage für Altersvorsorge mit dieser Sicherheit.

Wie lautet Ihr Fazit nach elf Jahren Riester-Rente?
Die Bilanz ist gut. Der Verkaufserfolg ist mit rund 16 Millionen Verträgen sehr beachtlich – aus vier Gründen, die bei diesem Urteil berücksichtigt werden müssen. Erstens handelt es sich um ein Produkt, das sich nicht selbst verkauft. Zweitens gab es in dieser Zeit zwei große Finanzkrisen: 2003 und 2008. Drittens existiert kein Finanzprodukt, das so ideologisch in der Öffentlichkeit angefeindet worden ist. Und viertens ist die Riester-Rente vor einigen Jahren um eine Variante erweitert worden, den Wohn-Riester. Insbesondere dieses Produkt wird derzeit stark nachgefragt.

Herr Riester, vielen Dank für das Interview.

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