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Widersprüchliche Statistiken Altersarmut wird systematisch überschätzt

Eine Frage der Definition: Wer wenig Rente bekommt, ist nicht automatisch arm Quelle: ddp images

Die Angst vor Altersarmut treibt die Deutschen um. Doch wie viele Rentner sind wirklich arm? Offizielle Zahlen schwanken zwischen 500.000 und neun Millionen. Warum das so ist – und was wirklich stimmt.

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Altersarmut ist einer der Schreckensbegriffe der modernen Bundesrepublik. Angesichts von Nullzinsen und wankenden Rentenkassen fürchtet mehr als jeder zweite, im Alter arm zu sein. Das zeigt eine Umfrage der Beratungsgesellschaft EY. Diese Angst vor der eigenen Zukunft wird regelmäßig von neuen Studien unterfüttert, so gerade erst heute vom Wirtschaftsforschungsinstitut DIW Berlin. Das hat im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung errechnet, dass in Zukunft mehr als jedem fünften Rentner Armut drohen soll. Es drohe ein „deutlicher Anstieg der Altersarmut“.

Auf der anderen Seite stehen Erhebungen, die die heutigen Rentner als kauffreudigste und -fähigste Gruppe ausmachen. Alte seien „konsumfreudiger denn je“, schreibt das „Handelsblatt„ und gibt der kaufkräftigen Gruppe auch einen knackigen Namen: Sayah, „Silver Ager Young at Heart“, salopp übersetzt: junggebliebene Grauhaarige.

Was stimmt den nun? Werden die Rentner immer reicher oder immer ärmer? Oder driften die Einkommen einfach immer weiter auseinander? Könnte eine Grundrente, wie die SPD sie plant, den armen Rentnern helfen? Und wie sieht es überhaupt aus, dieses Schreckgespenst Altersarmut? Wer ist arm?

Diese vermeintlich simple Frage ist deutlich schwieriger zu beantworten, als man denken könnte. Das zeigt schon ein Blick auf zwei komplett unterschiedliche Zahlen: 500.000 und neun Millionen. Je nach Definition geben sie mit statistischer Endgültigkeit Aufklärung über die wahre Altersarmut in Deutschland.

Zunächst die höhere Zahl: Sowohl der neuen DIW-Studie als auch dem Armutsbericht des paritätischen Wohlfahrtsverbandes zufolge gilt in Deutschland als arm, wer als Single ein Einkommen von etwas mehr als 900 Euro im Monat hat. Dieser Wert entspricht der gängigen wissenschaftlichen Definition von Armut, die diese bei 60 Prozent des Medianeinkommens ansetzt. Das Medianeinkommen wiederum bildet genau die Mitte der Einkommensverteilung ab, jeweils 50 Prozent der Deutschen haben ein höheres beziehungsweise ein niedrigeres Einkommen.

Folgt man nun der 900-Euro-Grenze und wirft gleichzeitig einen Blick auf die Statistik der Deutschen Rentenversicherung, kommt man auf die neun Millionen: So viele Menschen bekommen nämlich eine gesetzliche Rente von 900 Euro oder weniger.

Heißt das nun, dass neun Millionen Rentner armutsgefährdet sind? Mitnichten. Zum einen erfasst die Statistik nur die gesetzliche Rente, sie lässt also private oder betriebliche Vorsorge außen vor. Zum anderen, wichtiger noch, lässt sie auch das Einkommen des Partners außen vor. Hier kommt die gern bemühte Zahnarztgattin ins Spiel, die mit einem geringfügigen Job zwar nur geringe Rentenansprüche gesammelt hat, aber im Alter dennoch mitnichten Armut fürchten muss.

Mehr Einkommensarten als nur die gesetzliche Rente erfasst der erwähnte Armutsbericht des paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Er stützt sich auf den Mikrozensus, bei dem 342.000 Haushalte zu ihren Einkommen befragt werden. Auch hier wird die gängige 60-Prozent-Grenze für Armutsgefährdung angelegt.

Das Ergebnis: Knapp 16 Prozent der Rentner sind armutsgefährdet. Das entspricht etwa drei Millionen Menschen.

Doch auch diese Zahlen müssen mit Vorsicht genossen werden, da sie sich ausschließlich auf die laufenden Einkommen beziehen. „Bei diesen Messkonzepten werden Vermögen explizit ausgeblendet“, sagt Markus Grabka, der am DIW zu Einkommens- und Vermögensverteilung forscht und an der neuesten DIW-Studie nicht beteiligt war. „Wir haben in mehreren Publikationen gezeigt, dass dieses Vorgehen bei älteren Menschen zu einer Überschätzung des Phänomens von Altersarmut führt.“

Noch drastischer formuliert es sein Fachkollege Jochen Pimpertz, der am Wirtschaftsinstitut IW Köln für Verteilungsfragen zuständig ist: „Die Armutsgefährdungsquote führt uns in die Irre.“

Das Problem ist, dass es keine umfassenden Erhebungen gibt, die Einkommen und Vermögen der Senioren betrachten. Eine der wenigen Erhebungsmethoden, die beides berücksichtigen, ist die Grundsicherung.

Hier kommen wir nun zur niedrigsten Zahl, 500.000. So viele Menschen in Deutschland beziehen aktuell Grundsicherung im Alter. Ähnlich wie die Hartz IV genannte Sozialhilfe folgt die Grundsicherung einer Bedürftigkeitsprüfung, wer sie beantragt, muss also sämtliche Einkommen und Vermögen offenlegen. Es werden auch individuelle Parameter wie etwa eine Behinderung berücksichtigt, aber ganz grob gesagt hat Anspruch auf Grundsicherung, wer weniger als 830 Euro im Monat zur Verfügung hat (und kein nennenswertes Vermögen).

Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung würde Milliarden verschwenden

Genau entgegengesetzt zum Indikator Armutsgefährdung wird die Zahl der armen Alten jedoch systematisch zu gering eingeschätzt, wenn man sich nur an die Grundsicherungsempfänger hält. Grund ist die „nennenswerte Dunkelziffer“ derer, die Anspruch hätten, aber keine Grundsicherung beantragen, sagt DIW-Forscher Grabka. „Es liegen Schätzzungen vor, dass bis zu zwei Drittel der Anspruchsberechtigten die Leistungen nicht beantragen.“

Im Umkehrschluss hieße das, dass zwischen einer halben und 1,5 Millionen Rentnern in Deutschland tatsächlich arm sind.

IW-Forscher Pimpertz hat in einer neuen Studie versucht, der Armutsfrage selbst auf den Grund zu gehen. Dabei hat er zunächst betrachtet, wie viele Rentner Anspruch auf Grundsicherung hätten, wenn sie nur über ihre gesetzliche Rente verfügten. Er kam auf jeden zweiten. Bezog er jedoch sonstige Einkünfte mit ein, landete er am Ende nur noch bei neun Prozent der Rentner. Auch in dieser Berechnung fehlen jedoch die Vermögen.

Das wichtigste sei aber ohnehin nicht, die richtige statistische Zahl zu finden, sondern den richtigen Menschen zu helfen, appelliert Pimpertz. Knackpunkt sei hier, die Bedürftigkeitsprüfung so zu gestalten, dass die Menschen ihr nicht aus Scham fernblieben. Pimpertz schwebt ein Modell vor, bei dem die Sachbearbeiter Rentner, die qua gesetzlicher Rente armutsgefährdet sein könnten, zuhause besuchen. Das würde den Betroffenen den peinlichen Gang zum Amt ersparen – und die Sachbearbeiter würden auch gleich sehen, ob der Betroffene in einer Villa oder einer kleinen Mietwohnung wohne. Dort könnten dann die restlichen Unterlagen geprüft werden.

Eine Grundrente aus der gesetzlichen Rentenversicherung, wie sie der SPD vorschwebt, hält Pimpertz aus eben diesen Gründen für grundfalsch. In einer neuen Studie hat er errechnet, dass eine Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung in vier von fünf Fällen nicht wirklich bedürftigen Menschen zugutekommen würde. Es würden Milliarden umverteilt, aber gegen Altersarmut hälfe das nicht.

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